Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 45 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 542 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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542 Das Jüdische Echo Nr. 45 abends seine Wohnung: verlassen. Er kehrte nicht zurück, bis ihn die Rettungsgesellschiaft mit drei Bajonettwunden von der Gendarmerie ins Spital brachte, wo er verschied. Den Eltern erklärte man, Brzoza sei zu einem Verhör in die Gendarmerie geladen worden und habe dort mit dem Bajonett Selbstmord verübt. Den jüdischen Zeitungen wurde verboten, über die Angelegenheit zu schreiben. Es besteht der dringende Verdacht, daß der Student von der Gendarmerie ermordet wurde. Die Abgeordneten Grünbaum und Genossen haben in dieser mystischen Fra^e eine Interpellation eingebracht. Übrigens hat sich die Zahl der jüdischen Abgeordneten um zwei vermehrt, nämlich um die Abgeordneten Dr. Stern und Reizes, beide aus Ostgalizien. Die Klagen über die polnisch-jüdische Politik verstummen nicht. Neuerdings hat man begonnen, gegen die Schomrimorganisation in der polnischen Presse einen Kampf zu führen, weil diese angeblich eine „Armee in der Armee1 dlarstelle. In Wadowice haben dreizehn Schomrim sich vor Gericht wegen der Zugehörigkeit zu einem Bunde zu verantworten, dessen Ziele gegen die Existenz eines polnischen Staates gerichtet seien. Die Angeklagten beantragten die Vernehmung zahlreicher Persönlichkeiten, die die Arbeit des Haschomer kennen. Es wurde ihrem Antrag entsprechend beschlossen und die Sitzung vertagt. Von besonderer Bedeutung ist die Tatsache, daß die Prozentnorm an fast allen wichtigen polnischen Universitäten gegen die Juden in der einen oder anderen Form durchgeführt wird;. In Lemberg, Krakau und Warschau werden luden nur aufgenommen, wenn sie in der polnischen Armee gedient haben. In Wilma wird Juden der Besuch der neuen Universität unmöglich gemacht. An der Universität Posen werden laut Beschluß des obersten polnischen Nationalrats nur 2 Prozent Juden aufgenommen! Somit bestehen für die englische Untersuchungskommission von Sir Stuart Samuel Aufgaben genug. Samuel, der sich wiederholt öffentlich als Mitglied des Misrachi bezeichnete, war bisher in Warschau und Lodz. Er hat dort mit alten in Frage kommenden Organisationen und Persönlichkeiten gesprochen. Er gab den Juden den Rat, entsprechend dem englischen Vorbild einen Bund der jüdischen Gemeinden zu bilden. Er hat in Lodz in einem Gespräch mit den Behörden energisch verlangt, daß die Regierung die Schuldigen der Exzesse bestrafe und die Liste der wegen der Exzesse Verurteilten veröffentliche. Er hat auch eine Deputation ukrainischer Juden empfangen und von ihnen einen Bericht entgegengenommen. Ein Stück deutscher Ostjudenpolitik von Geh. Rat Prof. Dr. v. Zwiedineck-Südenhorst. Das Buch*), das ich hier bespreche, weckt beim deutschen Leser im wahrsten Sinne gemischte Gefühle. Es ist ausserordentlich erfreulich, daß Dr. Roth, der lange mit dem Leiter der Presseabteilung des Oberbefehlshabers Ost, Herrn Cleinow, zusammengearbeitet hat, dann mit einem wichtigen Referat der Presseabteilung betraut, mit maßgebendsten Persönlichkeiten in Warschau in regster Fühlung gestandep war, ohne jede *) D r. Paul Roth. Die politische Entwicklung in Kongreßpolen während der deutschen Okkupation. Leipzig. Köhler 1919. Rücksichtnahme dieses Buch, und daß er es so rasch der Öffentlichkeit übergibt. Aber es ist ganz ausserordentlich schmerzlich, daß dieser besonders berufene zeitgenössische Chronist über die Politik der maßgebenden deutschen Verwaltungs- und Besatzungsstellen fast nur anklagend berichten kann. Auch der hier besonders interessierende Teil des Buches, der V. Abschnitt, in dem die politische Entwicklung im polnischen Judentum während der deutschen Okkupation dargestellt wird, ist im wesentlichen nichts anderes als eine Anklage über die Ungeschicktheit, Unwahrhaftigkeit und Unbestimmtheit der deutschen Politik in der Judenfrage. Der Verfasser dieses Abschnittes Herr Wilhelm Stein, war die längste Zeit während der deutschen Okkupation Zensor für jüdische Zeitschriften und Literatur und mit wichtigen informatorischen Arbeiten in der jüdischen Abteilung der Presseverwaltung für Polen beschäftigt, ist also wohl einer der besten Kenner dessen, was man die deutsche Judenpolitik in Polen nennen kann. Er gibt in dem Buche Dr. Roths einen für die Nichteingeweihten sehr erwünschten Überblick über die politische Lage des polnischen Judentums bei Beginn der Okkupation und schildert auf rund 40 Seiten im wesentlichen chronologisch die für das polnische Judentum maßgebenden Bemühungen der Militär- und später der Zivilverwaltung, eine den deutschen Interssen dienliche Politik in der Behandlung der Ostjudenfrage zu treiben. Es ist in weiten Kreisen bekannt genug, wie völlig diese Bemühungen gescheitert sind. Aus der ersten Okkupationszeit liegen Tatsachen vor, die als durchaus nicht ungeschickte Bestrebungen des Herrn Cleinow gekennzeichnet werden können, wenigstens in der öffentlichen Meinung eine Gleichberechtigung der Juden dadurch zu erreichen, daß die nationalistische Strömung zur Geltung kam, die wenngleich noch nicht sehr stark immerhin im polnischen Judentum umso bemerkenswerter war, als es eben eine aktive wirklich und eigentlich politische Bewegung war, was sich da regte. Man kann natürlich darüber streiten, ob es zweckmäßig war, daß die nationale Strömung im Ostjudentum aufgekommen ist, denn das ist ja eben auch ein Stück Weltanschauungssache und darüber wird immer gestritten werden können. Für die deutsche Verwaltung aber war, als sie nach Polen kam, über die Zweckmäßigkeit, die nationalistischen Elemente im Judentum zu Wort kommen zu lassen, wohl nicht zu streiten. Das war nur ein Ausfluß einer gerechten Neutralität und dadurch bedingt, daß eine der nationalen gerade entgegengesetzte Partei, die Assimilatoren, ausserordentlich rührig am Werk war und vollste Bewegungsfreiheit hatte, ’lch erinnere mich noch des Eindruckes von der überlegenen Machtstellung, deren sich die Assimilatoren rühmen konnten, als kurz nach der Errichtung des Generalgouvernements Warschau Beratungen über die jüdische Schulfrage stattfanden. Mit welcher Entrüstung hat damals in einer Sitzung unter Herrn von Glasenapp, dem Warschauer Polizeipräsidenten, Herr Prof. Dickstein, einer der Führer der Assimilanten, von der unsinnigen künstlich gemachten nationalen Bewegung gesprochen, wie hat er es verurteilt, daß man so etwas überhaupt aufkommen lassen konnte! Und es gab doch für die deutsche Verwaltung, das ist damals meine Meinung gewesen und ist es post tot discrimina rerum noch heute, nu^ einen gesunden Standpunkt: absolute Neutralität in dem