Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 45 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 541 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Das Jüdische Echo 54! sehen Eigenart und der inneren Würde der Judenheit als erstes Gebot anerkennt. Das deutsche Judentum steht vor der Scheidung und Entscheidung. Dem Antisemitismus gegenüber sammeln sich alle Kräfte, die an der Erhaltung eines lebendigen Judentums mitarbeiten wollen, im Lager des jüdischen Volkes. Die anderen, die um ihrer Bequemlichkeit willen ihre Würde aufgeben und dem Judenhaß Konzessionen über Konzessionen machen, gehören zusammen mit den Repräsentanten der Budapester jüdischen Gemeinde, die jüngst alle für den Bolschewismus tätigen Mitglieder aus ihren Reihen ausschloß oder mit jenen 113 Berliner Juden, die, ein bisher unerhörter Fall, in dem einen Monat Oktober aus dem Judentum austraten, in das Lager des jüdischen Abfalls. Wird sich das deutsche Judentum in diesem gefährlichsten Kampfe, den es seit langem zu bestehen hatte, zur Würde erheben, oder wird es in seiner Mehrheit weiter den Standpunkt jenes Frankfurter Komikers teilen, der jüngst einem lachenden Publikum erklärte: „Ich bin Jude. Ich freue mich, daß ich Jude bin. Ich bin stolz darauf, daß ich Jude bin. Ich bin sogar sehr stolz darauf. Und wenn ich es nicht wäre — was würde mir das schon helfen?“ Die Antwort ist Schicksal. G—. Pogrome in der Ukraine Das „Berliner Tageblatt“ veröffentlicht einen Leitartikel von Dr. Paul Nathan, der auf Grund unanfechtbaren Materials folgende erschütternde Zahlen über die Judenmetzeleien in der Ukraine bringt: Es wurden im ganzen 40 000 Juden getötet, 100 000 verstümmelt, 10 000 Frauen geschändet; der Schaden beträgt weit über 100 Millionen Rubel. Es fanden an über 100 Orten Pogrome statt. An Einzelheiten ist zu berichten: In Trostjanetz, Gouv. Podolien wurden alle jüdischen Männer — über 500 — getötet. — Ormtsch mußte dreimal Pogrome über sich ergehen lassen. Fetschien wurde nach dem Pogrom niedergebrannt. — In Elisabetihgrad', Gouv. Cherson, wurden 80 000 Juden ihrer Habe beraubt. — InTscherkassy, Gouv. Kiew, fanden 1500 Juden den Tod. Bezeichnend ist eine Zeugenaussage, die vor der Morgenthauschen Kommission die vornehmlich Bronja Kotzupei aus Wassilkow unter ihrem Eide abgegeben hat: Wir versteckten uns alle, die wir uns retten konnten, in der Klosettgrube. Als ich herauskroch, fand ich in einem Zimmer den erschlagenen Vater, im zweiten Zimmer Schwester und Tante erschlagen, in den Flügel hatte man hipeingestopft die toten Brüder und meinen Mann. Das Haus war ausgeplündert. * * * Neue Pogrome in Südrußland Dem Kopenhagener Zionistischen Bureau wird aus Paris telegraphiert: Hier sind zuverlässige Nachrichten über furchtbare Judenpogrome eingetroffen, die in vielen Orten innerhalb des von der Armee Denikins okkupierten Gebietes stattgefunden haben. In Jekaterinoslaw wurden alle jüdischen Häuser in vier Straßen zerstört, hunderte von jüdischen Frauen geschändet, viele Juden getötet. In Charkow finden täglich Plünderungen jüdischer Häuser und Gewalttaten an Juden statt. Eine fanatische Judenhetze wird von den Zeitungen betrieben. Allenthalben rufen Flugblätter zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung auf. Jüdische Offiziere werden in die Armee nicht aufgenommen; jüdische Freiwillige werden entlassen. Jüdische Reisende werden in den Eisenbahnzügen überfallen und ausgeplündert, wobei verschiedentlich Morde vorkamen. Auf der Station Sinelnikowo zwangen Soldaten unter Beteiligung von Offizieren die jüdischen Reisenden, die Züge zu verlassen und ermordeten sie unter furchtbaren Martern. In Mikhailowka wurde am 15. Juni von Freiwilligen der Armee ein allgemeiner Pogrom organisiert. Furchtbare Ausschreitungen fanden nach dem Einzug der Freiwilligen in Krementschug statt. Dort wurden alle Häuser geplündert. Bisher sind dort 350 Fälle von Vergewaltigungen festgestellt, wobei Mädchen von 12 und Frauen von 60 Jahren nicht verschont wurden. Die Denikinschen Soldaten haben in vielen Fällen kleine Mädchen nach der Vergewaltigung ermordet und ihre Leichen in Wasserklosetts geworfen. Von anderer Seite kommen ähnliche Nachrichten. So berichtet das Warschauer „Jüdische Volk“ vom 10. September: „Die Lage der jüdischen Kolonie in Südrußland ist sehr schlecht. Die Truppen des Generals Denikin haben auf ihrem Marsch vom Don-Gebiet und von Ekaterinoslaw aus mehrere jüdische Kolonien vollständig zerstört.“ Das Komitee der Jüdischen Delegationen in Paris hat genauere Nachrichten über die von der Armee Denikins praktizierten Pogrommassakres erhalten. Pogrome sollen in mehr als 30 Orten vorgekommen sein und die Zahl der Opfer einige Tausend überschreiten. Zur Lage In Polen Am 1. Oktober ist die Session des polnischen Landtags wieder eröffnet worden. Seine wichtigste Aufgabe wird sein, die Verfassung des polnischen Staates festzustellen; bei dieser Gelegenheit wird auch die Festlegung des Minoritätenschutzes in der Verfassung eine wichtige Rolle spielen. Es wird von großer Bedeutung sein, daß die Bestimmungen des Pariser Friedensvertrages in der Verfassung verankert werden. Vorläufig geht die Tendenz noch immer dahin, trotz des Friedensvertrages die Juden nicht als polnische Bürger anzuerkennen, soweit sie nicht in Polen geboren sind, trotz der ausdrücklichen Bestimmungen des Friedensvertrages. Neue Ausweisungen werden befürchtet. Der Referent des Verfassungsausschusses, der Abgeordnete Glabinski, beantragte in seinem Referat, die Bevölkerung Polens in Bürger, Einwohner und Ausländer zu teilen. Der Antrag des Abgeordneten Grünbaum, diese Verhältnisse gemäß dem Pariser Friedensvertrag zu ordnen, wurde abgelehnt, wobei sowohl1 der Assimilant Stimmhaus als auch: der Vertreter der P. P. S. dagegen stimmten. Auch alle weiteren Anträge des Abgeordneten Grünbaum, der Zusatzanträge im Sinne des Friedensvertrages stellte, wurden abgelehnt. Bereits vor den Verfassungsfragen hatten die jüdischen Abgeordneten Gelegenheit, sich zu wichtigen jüdischen Fragen im Sejm zu äußern. Der Abgeordnete Hartglaß hielt eine große Anklagerede gegen die polnischen Unterdrückungsmaßnahmen. Ferner hat eine andere, vorläufig noch ganz dunkle Affaire bereits den Sejm beschäftigt, nämlich das Verschwinden des jüdischen Studenten Jizchok Brzoza. Dieser hat am 25. September