Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 45 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 540 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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540 Das Jüdische Echo Nr. 45 den einzelnen Juden ohne Rückhalt an einer kräftigen Gemeinschaft unter die anderen Völker stellt und ihn dort nicht aufhören läßt, Jude zu sein. Alle übrigen Völker besitzen Grenzen, an denen sich die latente Feindseligkeit der Nationen bemerkbar macht; der einzelne Deutsche, Franzose, Engländer ist in ruhigen Zeiten davor sicher; nur der Jude hat überall Grenzen, er steht allein in seiner Besonderheit unter Menschen, die ihm innerlich fremd sind. Hält einer solchen Beurteilung gegenüber die Auffassung stand, die nach Gründen für den Antisemitismus sucht? Gewiß hetzten deutsche Kriegsverschulder und Kriegsverlängerer gegen die Juden, um dem Zorn des Volkes einen Gegenstand zu geben und ihn von sich und ihren Sünden abzulenken. Gewiß klagen deutsche Kriegsverdiener und Revolutionsgewinnler, Waffenfabrikanten und Kohlenbarone, Etappenoffiziere und Großagrarier die Juden der Dinge an, die sie gerne an sich selbst verheimlichen möchten. Andererseits würden auch wir Juden uns lieber ohne jüdische Wucherer und Schieber behelfen und für die Brillanten der allzuschnell reich gewordenen Frau Cohn haben wir ebenso wenig Sympatien, wie für die allzubeflissene Strebsamkeit gewisser jüdischer Revolutionspolitiker. Aber den Antisemitismus haben diese gewiß unangenehmen Mitbürger sicher nicht verursacht und an einem gegenwärtigen Aufflammen tragen sie nur eine sehr zufällige Schuld. Auch ohne Weltkrieg und Revolution, ohne Schieber und Geschobene, ohne Kriegsgewinn und Volkselend wäre der Ebbe des Judenhasses über kurz oder lang eine Flut gefolgt wie immer, so lange das Galuth besteht Die Völker lernen zwar nichts aus ihrer Geschichte; die Geschichte der jüdischen Diaspora ist aber gar zu intensiv, als daß es sich nicht lohnen würde sie zu studieren, diese lange Kette von Zurücksetzungen und Pogromen in Alexandrien, in Rom und Byzanz, bei Westgoten und Arabern, im Mittelalter der Kreuzzüge und des schwarzen Todes, im Italien der Renaissance, im Deutschland der Reformation und im Spanien der Entdeckungen, zur Zeit Chmielnickis in Polen, über die Verfolgungen in Syrien, Rumänien, Rußland, über die Stöcker- und Dreyfußperiode bis zu den schlimmsten Tagen seit es Juden gab — bis in unsere Zeit. Hat man sich mit solchen Gedankengängen vertraut gemacht, so wird man kein Verständnis mehr dafür haben, daß die Kreise, die als Geschäftsführer ohne Auftrag für die deutsche Judenheit den Kampf gegen den Antisemitismus führen, vielfach zugleich auf dem Wege der Entjudung die Führenden sind. Schlimmer als der nichtjüdische Antisemitismus ist der jüdische; würdeloser als Judenhaß ist die Selbstverachtung, die sich vom Antisemitismus Gesetze geben läßt. Man mahnt uns zur bescheidenen Zurückhaltung, zur Meidung radikaler politischer Parteien, man bittet uns den nationalen Charakter des Judentums zu verleugnen — „all das mache Rischus“. Man schilt auf die ostjüdische Einwanderung und beschwichtigt sein Gewissen den Opfern der Pogrome gegenüber mit mehr oder minder milden Gaben, wie sie auch der protestantische oder katholische Deutsche für arme Pfleglinge der Negermission übrig hätte. Wen täuscht man? Höchstens sich selbst. Der Antisemitismus bleibt! Wir aber weigern uns, den Pulsschlag des jüdischen Lebens in Deutschland weiter vom Judenhaß regeln zu lassen. Solange man sich nicht daran gewöhnt, den Antisemitismus als einen Teil der großen Judenfrage zu. betrachten — solange wird man dazu verurteilt sein, ihn zu bekämpfen, indem man seine Symptome bekämpft. Aber das Fieber ist nicht die Krankheit. Deutschvölkische Pöbeleien sind nur die Folgen des Antisemitismus, nicht der Antisemitismus selbst. Solchen Übergriffen wollen wir gewiß mit allen Mitteln, vor Gericht, in Presse und Parlament, mit Wort und Faust entgegentreten. Der Antisemitismus selbst aber, der so alt ist wie das Galuth, wird nur mit dem Galuth verschwinden. Zu einem freilich sind wir fähig. Wir können die Verwüstungen, die er in jüdischen Herzen angerichtet hat, beseitigen. Wir können die innerliche Judenemanzipation durchführen, indem wir den geistigen Bann des Antisemitismus brechen. Wenn wir unser Denken und Fühlen nicht mehr auf das einstellen, was die anderen sagen, sondern nach jüdischen Interessen und nach unserem Gewissen regeln, wird der Judenhaß ein gut Teil seiner Macht über uns eingebüßt haben. Stärkung des jüdischen Empfindens, des jüdischen Selbstbewußtseins, des jüdischen Solidaritätsgefühls ist die beste Waffe im Kampf gegen den Judenhaß. Im übrigen sind die Möglichkeiten einer Überwindung der jetzigen Krise nicht gering, wenn wir nur den Mut haben sie auszunützen. Erinnern wir uns doch daran, daß es 14 Millionen Juden gibt und daß wir keineswegs zu den kleinen und ohnmächtigen Nationen gehören. Das jüdische Volk ist von den Großmächten als Volk anerkannt worden und wird den Schutz, den man Minoritätsnationen zugebilligt hat, um so wirksamer in Anspruch nehmen können, je stärker es sich als Volk fühlt und als solches auftritt. Schon müssen sich die neugeschaffenen Staaten am Rande Rußlands zur Annahme von Garantiegesetzen bequemen, die ihren gequälten Juden auf die Dauer wachsende Sicherheit gewährleisten werden. Eine starke nationale Organisation der Diasporajudenheit sei das Ziel. Dem Weltantisemitismus trete das Weltjudentum gegenüber, das von den Machtmitteln, die in eben der anormalen Lage begründet sind, die sein Unglück bedeuten, rücksichtslos Gebrauch macht. Schon warnen selbst Antisemiten vor Pogromen, die dem entrüsteten Volk Anlaß zum Einschreiten geben würden. Darüber hinaus wird das jüdische Palästina der bedrohten Diaspora eine dauernde Zuflucht, eine starke Stütze gewähren und dem jüdischen Volke die Möglichkeit geben, vor aller Welt zu zeigen, was der jüdische Genius und die jüdische Arbeit im jüdischen Lande vermögen. Der Judenhaß wird vielleicht dauern, die- Verachtung, die ihn vergiftet, wird durch produktiv-nationale Leistung widerlegt und überwunden werden. Der Zentralverein ruft zur Einigung. Wir wollen sein Werk nicht stören. Jeder Einzelne wird ihm seine Unterstützung gewähren, wenn er in dem Kampfe, den zu führen er fähig ist, antisemitischen Ausschweifungen und Übergriffen entgegentritt. Aber ehe wir ihm das von ihm in Anspruch genommene Generalmandat zur Vertretung des selbstbewußten Judentums in diesem Kampfe zubilligen, sei uns die Frage gestattet, ob er bereit ist, auch den Ostjuden gegenüber den Grundsatz der jüdischen Solidarität zu achten, ob er mit uns die Erhaltung der jüdi-