Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 45 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 45 7. November 1919 6. Jahrgang Gegen den Antisemitismus Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ruft das deutsche Judentum zu gemeinsamem Kampf. Er weist auf die wachsende Stärke der antisemitischen Bewegung in Deutschland hin und besitzt tatsächlich ein erschütterndes Material, aus dem die Größe der Gefahr einwandfrei erkennbar wird. Sicherlich wird es kein deutscher Jude leicht nehmen, daß die antisemitische deutschnationale Volkspartei in schnellem Wachstum bis auf 1 100 000 Mitglieder gestiegen ist, daß der deutschvölkische Schutz- und Trutzbund über eine Viertelmillion Beitragszahlende zu organisieren, daß er durch eine richtige Besteuerung des rheinisch - westfälischen Großkapitals ungeheuere Mittel zu erlangen, daß er zahllose Zeitungen aufzukaufen, Hunderttausende von Flugblättern zu verbreiten, in deutsche Kreise jeder Berufsschicht und jeder politischen Überzeugung einzudringen vermag. Man wird mit wachsamer Aufmerksamkeit den steigenden Einfluß der antisemitischen Propaganda in allen Parteien verfolgen und weder die energielose Nachgiebigkeit der deutsch-demokratischen Partei antisemitischen Ortsgruppen und Zeitungen gegenüber für Zufall halten, noch sich durch die energische Kampfstellung der Sozialdemokratie beider Richtungen über die wahre Stimmung der Arbeiterschaft täuschen lassen. Man muß sich eben bis auf weiteres damit abfinden, daß die große Mehrzahl der Deutschen den Juden zum mindesten nicht wohl will und kann nur bedauern, daß die deutsche Judenheit gar so unsanft aus ihren Träumen von jenem Paradies gerissen wurde, da Jud und Christ, Semit und Arier einträchtiglich nebeneinander wandeln. Vorläufig ist es noch nicht so weit, und da nun einmal die Gefahr besteht, wäre es lächerlich, wollte man denen in den Arm fallen, die sich berufen fühlen, den Brand zu löschen, selbst wenn sie mit Eimern Vorgehen, wo Dampfspritzen nicht ausreichen würden. Immerhin muß es erlaubt sein darauf hinzuweisen, daß es nicht ganz unmöglich gewesen wäre, vorauszusehen, was jetzt zu allgemeiner Bestürzung eingetreten ist und was jüdisch-nationale Kreise bereits in den ersten Kriegsjahren vorher sagten. Zweifellos ist es Schuld jener jüdischen Auffassung, deren Hauptvertreter der Zentralverein nun einmal ist, daß die deutschen Juden niemals zu der klaren Erkenntnis in jüdischen Dingen gelangt sind, die doch allein die Möglichkeit gewährt hätte, Wesen und Ursache des Judenhasses zu erkennen und wirksame Mittel zu seiner Bekämpfung zu finden. Wer freilich glauben konnte, daß nach Besetzung einiger Offiziersstellen und Staatsämter mit Juden der Antisemitismus überwunden, mit Erringung der tatsächlichen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung das Judenproblem gelöst sei, dem werden die heutigen Zustände eine arge Enttäuschung, eine bittere Überraschung bedeuten. Es geht eben nicht an, verschiedene „Judentümer“ zu konstruieren und das deutsche Judentum gelöst von der jüdischen Gesamtheit als ein selbständiges Ganzes zu betrachten. Es geht nicht an, ein jüdisches Deutschtum künstlich aufzubauen, das in gutem Glauben die deutsche Kultur in Erbpacht nimmt und alle jüdischen Zusammenhänge leugnet. Wer freilich glaubt, durch Selbstentäußerung, durch Entjudung sich aus dem Schicksalsknoten lösen zu können, der alle in Ost und West verknüpft, der wird keine andere Bekämpfung des Antisemitismus kennen wollen als die, der die Mehrheit des deutschen Judentums heute ihre Unterstützung leiht. Wer aber meint ernsthaft, daß die Einkerkerung taktloser Redakteure, die Beschlagnahme von Flugschriften, das Verbot von Zeitungen, wer wähnt, daß Unterredungen mit Staatsmännern und Parteiführern, daß Leitartikel und Aufklärungsschriften, daß aggressive oder weinerliche Parlamentsreden, Enthüllungen antisemitischer Lügen und Bloßstellung von antisemitischen Führern, wer kann glauben, daß dieser ganze differenzierte und kostspielige Apparat des Zentralvereins zu einer Überwindung des Antisemitismus führen wird? Des Antisemitismus, der. das lehrt die Geschichte und Gegenwart, weder zeitliche noch nationale, weder politische noch wirtschaftliche Grenzen kennt, dessen Argumente und Verkleidungen zwar wechseln, der aber immer da und derselbe ist und gegen den keine Parteiauffassung und keine Weltanschauung immun macht! Will man uns wirklich einreden, daß die anderen, die Antisemiten, an unser jüdisches Deutschtum glauben? Will man uns wirklich davon überzeugen, daß unsere selbstverständliche Treue gegen den Staat, in dem wir wohnen, unsere tätige Mitarbeit für denselben auch noch das Aufgeben unserer jüdischen Eigenart verlangen könnte, daß wir unser jüdisches Volkstum verleugnen müßten, um dann als dritte Konfession gemäß der in der Verfassung verbrieften Gewissensfreiheit volle Glaubensberechtigung, restlose menschliche Anerkennung verlangen zu dürfen? Eine so mechanische Beseitigung des Judenhasses gibt es nicht. Und wäre sie möglich — was ist das für eine Gleichberechtigung, die mir mein Recht Jude zu sein nimmt, um mir unwillig die Möglichkeit als Mensch unbehelligt zu leben, zu gewähren? Man gewöhne sich endlich daran, den Antisemitismus als das zu nehmen, was er ist, als eine tiefmenschliche, im Gefühl verankerte Einstellung der VölRer, unter denen Juden wohnen. Dann wird man erkennen, daß er nichts Außerordentliches darstellt, sondern aufs engste verwandt ist jenem urgründigen Fremdheitsgefühl, jener mißtrauischen Abneigung zwischen Menschen verschiedener Artung, das Kriege und Nationalitätenkämpfe verschuldet, das an den Grenzen der Länder stets zu neuen Reibungen führt, das in seiner Stärke wohl wechseln, das sogar zeitweise scheinbar schlummern kann, das aber nie aufhört und nur auf den Anlaß wartet, der es zu höchster Intensität steigert. Dann wird man einsehen, daß die besondere Ausprägung, die dem Judenhaß eignet, vor allem der unnormalen Lage der Judenheit zuzuschreiben ist, ihrer Atomisierung, die