Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 44 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 530 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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530 Das Jüdische Echo Nr. 44 ter. „Wenn nicht dann können Sie hier übernachten.“ Das wäre mir ganz angenehm! Er ging zur Pforte. Ein Mann von ehrwürdigem Aussehen führte mich auf mein Zimmer. Ganz benommen von dem Erlebten, schlief ich bald ein. Geschäftiges Treiben am andern Morgen weckte mich früh aus meinem Schlajfe. Mein Freund erschien zeitig, um mir mitzuteilen, daß ihn bereits die Pflicht rufe. Wir gelangten in eine Teestube im unteren Stockwerk und nahmen unser einfaches aber wohlschmeckendes Frühstück ein. Dann ging es gleich an die Arbeit. Mein Freund hatte nunmehr auf dem Schiedsgericht zu tun. Er hatte mit 2 anderen im Talmudischen Rechte bewanderten Herren die verschiedenen Streitigkeiten zu schlichten; meistens waren sie geschäftlicher Natur. Willig fügten sich die Parteien in den Schiedsspruch. Zu Beginn der Tätigkeit, sagte er mir während einer Pause, war es schwer, eine Einigung herbeizuführen. Immer und immer wieder kamen Prozesse vor den ordentlichen Staatsgerichten vor. Bald aber gewöhnte man sich daran, die schmutzige Wäsche im eigenen Heime zu waschen. Nachdem ich 2—3 Stunden hier zugebracht hatte, übergab mich mein liebenswürdiger Führer einem jungen Menschen von ungefähr 20 Jahren. Der brachte mich in den Arbeitsnachweis, wo gerade Sprechstunde war. Willig und mit Geduld werden die Hilfesuchenden von den Helfern angehört. Man beschränkt sich nicht nur auf die Vermittlung von Arbeit, man trägt in jedem Falle den individuellen Verhältnissen Rechnung. Man vergewisserte sich vorher genauestens über die Art der Behandlung in der Arbeitsstelle. Es kam auch vor, daß Arbeitgeber abgewiesen wurden, weil man in Erfahrung gebracht hatte, daß die Bezahlung zu schlecht oder die Arbeit zu schwer oder die Behandlung zu schlecht war. Ich selbst mochte 1 Stunde dagesessen haben, als mein Freund wieder erschien und mir berichtete, daß er auf „Aussentour“ gewesen war, um in einer Familie, in der sehr schlechte Verhältnisse herrschten, nach dem Rechten zu sehen. Die Frau, die sehr unter der Trunksucht des Mannes zu leiden hatte, habe er mit ihrem ein Jahr alten Kind für längere Zeit in das Frauenheim aufgenommen. Dort kann sie sich ungestört der Pflege ihres Kindes widmen, bis der Mann es sich eines Besseren überlegt hat. Er glaubte bestimmt sagen zu können, daß der Mann bald kommen werde, um seine Reue zu beweisen. Bei dieser Gelegenheit versprach er mir auch einen Besuch im Frauenheim; er teilte mir mit, daß wir dort auch einen Kindergarten und eine Besserungsabteilung für gefallend Mädchen vorfinden würden, selbstverständlich alles in besonderen Abteilungen. Die Bedienung, das Personal, der ganze Apparat nur Damen und Herren der besseren Gesellschaft. die sich eine Ehre daraus machen, den Armen in wirklich edler Weise zu helfen, besonders da sie selbst so unendlich vieles im Umgang mit ihnen lernen können. Die Pausen beim Mittagessen waren ausgefüllt mit ausgedehnten Berichten über die Vereinstätigkeit. Da hörte ich von Turnvereinen, Sportvereinen, von Kursen, Vorträgen, politischen Versammlungen sämtlicher jüdischer Parteien und Organisationen, die, soweit sie Wert auf den Konnex mit dem Ostjudentum legen, alle ihre Versammlungen in unserem Heim abhalten. „Wie wird das alles finanziert/* erlaubte ich mir schüchtern zu fragen. „Auch das ist sehr einfach1. Von den 1000 Ostjuden, die in hiesiger Stadt sind, zahlt jeder abgestuft nach dem Einkommen einen jährlichen Beitrag an die Gesamtvertretung. Ausserdem fließen reichlich Spenden aus westjüdischen Kreisen dieser Behörde zu, da die Wohlfahrtsinstitutionen der jüdischen Gemeinden fast illusorisch geworden sind. Aber noch eines hätte ich fast vergessen. Die Gesamtvertretung gibt auch zum Teil sehr umfangreiche Broschüren über das Wesen des Ostjudentums oder über die handelspolitische Bedeutung der Ostjuden heraus, durch deren Verkauf auch ein schöner Teil der Kosten gedeckt wird. Abgesehen davon erscheinen in den Tageszeitungen regelmäßig aufklärende Artikel. Dadurch und durch unsere ausgedehnte kulturelle Tätigkeit ist es uns gelungen, den Haß gegen das Ostjudentum fast völlig auszurotten. Man kommt dem eigenartigen Wesen dieser Menschen mit viel mehr Verständnis entgegen. Die Beamten, die Sie in unserem Betrieb gesehen haben, sind zum großen Teile ehrenamtlich tätig. Sie verlieren damit täglich vielleicht 1 bis 2 Stunden. Diese kurze Zeit opfert jeder gerne, der erst einmal erkannt hat, welchen geistigen Gewinn er daraus ziehen kann. Manche bekommen für ihre längere ausgedehne Tätigkeit Verpflegung und Wohnung. Nur die Wenigsten bekommen bezahlt. Allmählich können wir unser Budget immer mehr vergrößern, da uns reichlich Spenden zufließen. Denn wer von unseren Schützlingen selbst in bessere Verhältnisse kommt, und vielen ist es gelungen, der hilft uns soweit er nur irgend kann. So ist es uns in schwerer Arbeit gelungen, das Ostjudentum völlig in seiner Eigenart zu erhalten. Es wird, wie in früheren Jahren, ein Jungbrunnen sein, aus dem das deutsche Judentum die nötige Kraft ziehen kann. Viele unserer führenden jüdischen Persönlichkeiten sind aus jenem einfachen Kindergarten hervorgegangen; manch Einer, der heute zu der Zierde unserer Stadt zählt, ist auf dem Wege über das Volksheim und die angegliederten Organisationen zu uns gekommen vom Spieltisch oder sonstigen sehr kostspieligen Orten her.“ Ich war ganz erstaunt über die Mannigfaltigkeit der Arbeit. Ich dachte an meine eigene Kindheit zurück, mit den Demütigungen und der Verständnislosigkeit deren ich von Seiten meiner Schulkameraden begegnete, und ließ im Geiste die frohen jungen Gesichter von gestern abend Revue passieren. Als ich mich von meinem Freunde trennte, da überdachte ich nochmals das ganze große Werk und nahm mir selbst vor, mitzuhelfen daran nach ganzen Kräften.... Denn nur gemeinsames Wirken Aller, die es selbst anging, konnte zum Ziete führen. Bamokom sche’en anaschim hischtadel lihejoth isch.: Wo keine Männer sind, bemühe du dich, ein Mann zu sein! Willy Meyer. Zum Wahlrecht in den jüdischen Gemeinden. Die wiederholten Versuche des neuen jüdischen Gemeindevereins in Berlin, eine Demokratisierung des jüdischen Gemeindewalblrechts zu erzielen, haben nunmehr zu einem höchst erfreulichen Erfolge geführt. Während bisher nur diejenigen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde wählen konnten, die 3 Jahre in der Gemeinde ansässig waren, zur Steuer veranlagt waren und während dieser 3