Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 44 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 529 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 529 Die Aufgaben einer ostjüdischen Kolonie in Deutschland. Ein Spaziergang durch das Judenviertel einer deutschen Großstadt. Ich war erst vor einigen Tagen aus einer fast 4jährigen Kriegsgefangenschaft aus Marokko zurückgekehrt. Völlig abgeschlossen von aller Welt, hatte ich als landwirtschaftlicher Arbeiter in einem kleinen Flecken die langen Monate dahinvegetiert. Kein Brief, keine Zeitung hatte den Konnex mit meiner Vergangenheit unterhalten. Da, mit einem Male schlug auch für mich die Stunde der Freiheit. Man brachte mich in einem großen Transport nach der Heimat. Vor kaum einer Stunde war ich aus dem Durchgangslager entlassen worden und saß in Gedanken vertieft in einem Kaffee. Wie quälend langsam waren doch die letzten Jahre vergangen. Damals in der Begeisterung der Augusttage hatte auch ich mich zur Fahne gedrängt. Ging mich denn eigentlich die ganze Sache etwas an? Hatte man mich nicht schon als Kind immer als Fremden betrachtet? Hatten die Anderen mich nicht immer „Poilak“ geschimpft? Einsam, ohne Freund und ohne Freude, von frühester Jugend die Sorge in der kleinen Seele, war ich durch meine Kindertage gewandelt. Die Anderen konnten immer so sorglos spielen. 0, hätte ich es doch auch einmal gekonnt! Nie leuchtete mir die goldene. Sonne jener schönen Jugendzeit. Dann kam ich hinaus in die Welt; auch hier blieb ich allein. Immer zog es mich hin zu jener verachteten Menschenklasse, die ihre Karriere auf der „Mildtätigkeit“ ihrer deutschen Brüder aufgebaut hatte. Ich wußte ja. daß auch sie zu Hause ein würdiges Leben führen konnten. Ich wußte, daß am Freitag Abend der geringste Bettler durchdrungen war von der Neschamah jetherah, „von der besonderen Sabbatseele“. Ich wußte ja doch, daß die elende Judennot jene armen Menschen über die schwarz-weißen Pfähle herübertrieb. Aber wie wenig Verständnis hatten diese Armen in den Kreisen der braven, guten Spießbürgerlichkeit gefunden! Für all das Unangenehme, was das Judesein mit sich brachte, machte man den Juden mit den Schläfenlocken und den langen Bart verantwortlich. Weil er mit seltener Liebe und echtjüdischer Begeisterung an den Heiligtümern unserer Vergangenheit hing, trug er in den Augen der Brüder Schuld an allem Unglück. „Guten Abend, Herr Janowski“, hörte ich auf einmal eine bekannte Stimme neben mir. „Wie geht es Ihnen denn? Wann sind Sie denn gekommen? Sind Sie schon lange wieder frei? Allerherzlichstes Schalom alechem .....“ Ich war erstaunt über den herzlichen Ton. Der Sprecher, ein ehemaliger Klassengenosse, stammte aus einer der ersten deutschen jüdischen Familien der Stadt. Er hatte vor dem Kriege Jurisprudenz studiert. Er war einer von denjenigen gewesen, die mich immer am hochnäsigsten während unserer gemeinsamen Schulzeit behandelt hatten. Er glaubte sich schon zu beschmutzen, wenn nur ein „Pollakenkind“ mit ihm sprach. „Alechem schalom“ antwortete ich einstweilen, um mich etwas von meinem Erstaunen zu erholen. „Ich bin heute nach vierjähriger französischer Kriegsgefangenschaft aus dem hiesigen Durchgangslager entlassen worden.“ „So, waren Sie auch Soldat?“ „Ja, ich war nach einem Jahr schwerer Kämpfe in Gefangenschaft geraten.“ „Und ich wurde nach zweijähriger Fronttätigkeit schwer verwundet, verlor mein Bein in einem Etappenlazarett in Polen und kam ins Inland.“ „Darf ich fragen, was Sie z. Zt. treiben?“ „Ja, ich bin im Volkshaus als Helfer tätig.“ Jeder neue Satz versetzte mich in höheres Erstaunen. Er erzählte mir, daß er vor einem halben Jahre ungefähr eine ausgedehnte Rechtsanwaltspraxis ganz seinem Teilhaber überlassen habe, um für die nächsten Monate sich voll und ganz in den Dienst der Ostjudenkomitees zu stellen. Z. Zt. sei er gerade im Volkshaus tätig und zwar befasse er sich gerade mit der Leitung einer Jugendabteilung. Nachdem er mir dies alles kurz berichtet hatte, forderte er mich auf, mit ihm einen Gang ins Judenviertel zu unternehmen. Ich willigte ein ... . Bald gelangten wir durch enge Straßen und schmutzige Gassen auf einen freien Platz. Durch einen netten kleinen Ziergarten kamen wir in ein geräumiges Haus. Ein großer Korridor war zu einer gemütlichen Diele umgewandelt. Gleich linker Hand gelangten wir in einen großen Saal. Er war voll besetzt; Jung und Alt, Mann und Frau lauschten den Worten eines Redners, der von der Erneuerung des Judentums sprach. Wir setzten uns und hörten ebenfalls zu. In packender Form wußte der Redner seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Alles horchte gespannt auf. Juden in langen Bärten neben anderen mit glatten Gesichtern. Frauen, nach der neuesten Mode gekleidet neben solchen mit der alten obligaten Haube, in Eintracht und Frieden saßen sie alle nebeneinander. Mein Begleiter wurde unruhig. Er flüsterte mir ins Ohr, daß es Zeit sei zu gehen, wir hätten noch viel Neues zu erledigen. Wir verließen den Saal und betraten durch die gegenüber liegende Tür einen behaglich nach Klubzimmerart eingerichteten hellerleuchteten, kleinen Raum, in dem ungefähr 10 junge Menschen, Mädchen und Jungens im Alter von 17—20 Jahren unseren Freund erwartet haben mußten. Als sie seiner ansichtig wurden, erhoben sich alle; man umdrängte ihn, machte ihm Vorwürfe, daß er so lange auf sich habe warten lassen. Er entschuldigte sich, man setzte sich, Zigaretten wurden in Brand gesetzt. Man sprach von dem stetigen Schlechterwerden derselben. Die Ansicht über den Grund dieser Tatsache ging auseinander. Die Einen glaubten, die Blockade sei daran schuld, die Anderen führten einen anderen Grund an. Ehe ich mich versah, befanden wir uns in der tiefsten Debatte über den Einfluß der Ostjuden im deutschen Zigarettenhandel. Eine Menge Neuigkeiten bekam ich zu hören. Vorurteilslos sprach man über alle diese Probleme. Man kam schließlich auf das Verhältnis zwischen deutschem und östlichem Judentum zu sprechen. Die Vertreter beider Teile waren sich in der Verurteilung der früheren Verhältnisse klar. Das was uns die Jugend zur Trauer gewandelt, schien hier überwunden. Diese Jugend lebte ganz anders, als freie Menschen, als Freunde nebeneinander. Der Eine gab dem Andern, was er an geistigem Bedürfnis geben konnte. Mein Freund griff selbst oft in die Debatte ein, wirkte Richtung gebend und klärend. Ehe wir uns versehen hatten, war Mitternacht da, man verließ das Lokal. Ein Teil der Anwesenden begab sich in die höher gelegenen Stockwerke. „Haben Sie bereits Nachtquartier?“ fragte mich meinBekann-