Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 44 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 528 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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528 Das Jüdische Echo Nr. 44 gäbe aller jüdischen Parteien, jedes Einzelnen von ihnen ist. Die Lösung der Palästinafrage bedeutet zwar noch nicht die restlose Lösung der Judenfrage, würde aber unter allen Umständen die Gefahren beseitigen, die in der furchtbaren Lage des jüdischen Volkes, wie sie der Krieg geschaffen hat, liegen. Das deutsche Judentum steht vor der Alternative, entweder in die Katastrophe der jüdischen Massen hineingerissen zu werden oder in tätiger Anteilnahme an dem Geschick dieser Massen die Zukunft eines neuen Judentums mit begründen zu helfen. „In Tübingen“ und ebenso in Berlin, München, Stuttgart, — „gibt es keine Judenfrage“. Das deutsche Judentum will seine Ruhe haben. Man wird, will man nicht bald sehen und hören, fühlen müssen. G—. Die zionistische Jahreskonferenz in Amerika. Uber die Jahreskonferenz der zionistischen Landesorganisation Amerikas, welche Mitte September eine Woche lang in Chicago stattfand, entnehmen wir den amerikanischen jüdischen Blättern, die jetzt hier eingetroffen sind, folgende interessante Einzelheiten: Anwesend waren 714 gewählte Delegierte und mehrere tausend Gäste. Die größten Ovationen wurden dem Ehrenpräsidenten der Organisation. Oberrichter Louis D. Brandeis, dargebracht. Sowohl Brandeis als auch Professor Frankfurter referierten über die Lage in Palästina und über die politische Arbeit der Delegation in Paris. Bezüglich des künftigen Zionistenkongresses wurde eine Resolution angenommen, daß der Kongreß in Jerusalem stattfinden soll; sollte dies nicht möglich sein, so wird seine Abhaltung in Amerika gefordert. Ein Antrag auf Diskussion der Einwanderungsfrage wurde abgelehnt, dagegen eine Resolution angenommen, daß eine internationale zionistische Kommission sich mit der Angelegenheit befassen und einen Bericht über die Möglichkeit der freien Einwanderung nach Palästina veröffentlichen soll. Hierbei wurde bemerkt, daß, wenn man die Tore Palästinas vor der Einwanderung schließt, man denjenigen in die Hände arbeiten würde, die auch Amerika gegen die Einwanderung absperren wollen. Das Budget für das kommende Jahr wurde mit drei Millionen Dollar festgesetzt. Ungefähr die Hälfte dieses Betrages sind für die Kosten der Palästinakommission bestimmt, 154 000 Dollar für die Bedürfnisse besonderer Zentralbureaus, 150 000 Dollar als Unterstüzungsfonds für die zionistischen Landesverbände in Polen, Rumänien und anderen durch den Krieg ruinierten Länder. Eine halbe Million Dollar sind für die administrativen Ausgaben der amerikanischen Partei vorgesehen. 25 000 Dollar sind bestimmt, für die Errichtung eines industriellen chemischen Laboratoriums in Palästina. Eine lebhafte Debatte rief ein Antrag auf Schaffung einer jidischen Tageszeitung als Parteiorgan hervor. Gegen diesen Antrag sprach sich auch Brandeis aus, weil er einerseits die Sache für zu kostspielig und kräfteraubend hält, andererseits nur hebräisch und nicht jidisch als Nationalsprache anerkennt. Brandeis wies darauf hin, daß die meisten der bestehenden Zeitungen ohnedies mehr oder weniger zionstisch sind und daß es nicht darauf ankomme, nur darum eine Zeitung zu schaffen, damit die Leitung ein Organ habe, von dem die Opposition ausgeschlossen ist. Der Antrag wurde trotzdem vom Parteitag einer Kommission zur Durchführung überwiesen. Bezüglich der Arbeit in Palästina wurden zehn Resolutionen angenommen, welche zum größten Teil Anträge an die Leitung der Weltorganisation bezüglich der Schaffung ökonomischer Möglichkeiten, der Verbesserung der hygienischen Verhältnisse usw. enthalten. Eine Resolution fordert die Abschaffung der Chalukkah und die systematische Überführung der Almosenempfänger zu produktiver Arbeit. Der wichtigste Punkt ist jedoch die Resolution des Pittsburger Programms, das bekanntlich das Prinzip der Nationalisierung des Bodens und die Forderung sozialer Gerechtigkeit in Palästina ausspricht. Die bezügliche Stelle im Chicagoer Beschluß lautet: „Die Konferenz beschließt, an den Prinzipien des Pittsburger Programms bezüglich der ökonomischen Basis der nationalen jüdischen Heimstätte festzuhalten, die Durchführung einer Massenkolonisation in Palästina zu studieren und vorzubereiten und die amerikanischen Delegierten zum nächsten Zionistenkongreß zu verpflichten, ihren Einfluß aufzubieten, um in der Gesamtorganisation das Pittsburger Programm durchzusetzen.“ In der letzten Sitzung wurde die frühere Leitung mit Brandeis als Ehrenpräsident, Julian Mack als Präsident, Stephen Wise und Friedenwald als Vizepräsidenten wiedergewählt. * * * Resolutionen der J a h r e s k o n f e r e n z in Chicago. 1. Die Bildung einer internationalen Organisation zur Erleichterung der Errichtung von industriellen und finanziellen Institutionen nach kooperativen Grundsätzen für die Entwicklung von wirtschaftlichen Beziehungen mit anderen Ländern. 2. Die Ernennung einer Kommission zum Studium der Immigrationsfrage. 3. Die Verbesserung der sanitären Bedingungen. 4. Die Errichtung eines Informations-Bureaus. 5. Die Kontrolle des Import-Geschäftes. 6. Das Studium der Möglichkeiten einer großen Einwanderung in Übereinstimmung mit dem Pittsburger Programm. 7. Die Abschaffung der Chalukkah und ihre Ersetzung durch Selbsterhaltung. 8. Die Ausfindigmachung von Mitteln für die Ansiedlung der demobilisierten jüdischen Legionäre. Die amerikanische Presse nahm ein tiefes Interesse an der Konvention. Über 100 Korrespondenten der führenden amerikanischen Blätter waren anwesend. Das Presse-Departement der Zionistischen Organisation hatte sein Hauptquartier im Kongreß-Hotel, wobei an die beglaubigten Pressevertreter offizielle Presse-Abzeichen verteilt wurden. Die „Western Union Telegraph Co.“ installierte eine pneumatische Röhre, welche alle telegraphischen Botschaften zur sofortigen Weitergabe an ihr Hauptbureau beförderte, und die „Eastern Telegraph Co.“ richtete einen besonderen Botendienst zwischen dem Kongreßlokal und ihrem Hauptbureau ein.