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Das jüdische Echo · 1919-10-31 · 44 (31.10.1919) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
44 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 44 31. Oktober 1919 6. Jahrgang Das verschlossene Amerika. Auf einer jüdischen Versammlung in Tübingen erklärte einer der Diskussionsredner: Hier in Tübingen gibt es keine Judenfrage. In Polen, in der Ukraine, in Galizien und Litauen schlägt man die Juden tot, gewaltige Teile des jüdischen Volkes sind in Bewegung geraten wie in den Zeiten des Sabbatai Zewi. Die Großmächte nehmen dieser neuen Völkerwanderung gegenüber Stellung — aber in Tübingen gibt es keine Judienfrage, Es wäre nicht nötig, auf eine derartige Äußerung hinzuweisen, wenn sie nicht symptomatisch wäre: das deutsche Judentum, selbst bedroht von der anschwellenden Welle des Antisemitismus, sucht sich der Verknüpfung mit dem jüdischen Osten zu entziehen, die doch sein Schicksal ist. Und da ihm ein jeder Tag von Neuem die Unmöglichkeit dieses Bestrebens nachweist, will es sich selbst wenigstens über die Hoffnungslosigkeit seines Bemühens täuschen, indem es sich der jüdischen Frage gegenüber blind stellt wie etwa der Schiffbrüchige, der auf leckem Boot die Augen schließt, um die Wellen nicht sehen zu müssen, die von allen Seiten heranrollen. Durch die Tagespresse ging vor einiger Zeit eine Notiz des Inhalts, Amerika beabsichtige die Kriegspaß-Gesetze auch im Frieden beizubehalten, da es dadurch hoffe, sich unerwünschte radikale Elemente aus dem europäischen Osten fernhalten zu können. Niemand zweifelt, daß sich die ganzeSchärfe dieser Bestimmungen praktisch vor allem gegen die Juden richten wird, die, wie schon so viele ihrer Brüder, nach dem gelobten Lande der Freiheit auswandern wollen. Es gibt heute kein Land der Erde, das in den letzten zwanzig Jahren eine solche Anzahl von Juden aufgenommen hat wie Amerika. Schon machen große Teile New-Yorks den Eindruck einer jüdischen Stadt; nie im Verlaufe der jüdischen Geschichte waren wie dort weit über eine Million Juden auf einem Flecke zusammen. Man frage nicht, wie die Mehrzahl dieser armen Menschen wohnte und sich ernährte; man würde über das traurige Kapitel der „Schwitzwerkstätten“ sprechen oder Schalom Asch’s „Amerika“ und Morris Rosenfeld’s „Ghettolieder“ zitieren müssen. — Genug, sie lebten und wohnten und lebten immer noch besser als in Polen oder in Galizien. Wie in New-York, so in den übrigen Großstädten des Landes; es ist bezeichnend für die Zahl der Juden in Amerika, daß der Jewish Vote bei den Präsidentenwahlen in den Vereinigten Staaten eine sehr beträchtliche Rolle spielt. Für die Ostjuden war die Möglichkeit nach Amerika auszuwandern ein großes Glück. Dort wußte man Verwandte und Freunde, wußte man einflußreiche und opferbereite Glaubensgenossen, fand man vor allen Dingen eine Wirtschaft, die stark und differenziert genug war, die Einwanderer aufzunehmen und mit Nutzen zu verwerten. Das alles soll jetzt vorbei sein, während doch niemals die Notwendigkeit, den Massen jüdischer Auswanderer Unterkunft und Verdienst zu schaffen, größer war als heute. .Was nun? Auf England und seine weißen Kolonien, die bisher gleichfalls einen beträchtlichen Teil der flüchtenden Ostjuden aufnahmen, wird für die Zukunft ebenso wenig zu rechnen sein, wie auf die Mehrzahl der europäischen Staaten. Argentinien, das eventuell in Betracht käme, ist Agrarland mit extensiver Bewirtschaftung und deshalb für eine jüdische Einwanderung nur in beschränktem Umfange geeignet. Und eine Überflutung der Länder Mitteleuropas durch jüdische Flüchtlinge wäre zwar möglich, würde aber sowohl das Schicksal der Einwanderer als auch die Stellung der seßhaften Judenschaften dieser Länder äußerst gefährden. Schon gibt es in Wien Krawalle gegen die „Flüchtlinge“, eine Bezeichnung die verschämt für „Juden“ gebraucht wird, schon duldet und fördert in Ungarn die Regierung Friedrich antisemitische Exzesse. Und in Berlin, Hamburg. München. Stuttgart und tausend großen und kleinen Städten Deutschlands schreien Zeitschriften und Flugblätter täglich die Parole der Judenhetze in alle vier Winde. Gewisse Kreise des deutschen Judentums würden zur Abwehr der jüdischen Massen gern den Erlaß eines Grenzsperrgesetzes gegen Juden sehen. Zu ihrem größten Leidwesen ist die preussich'e Regierung, wie jüngst in der preußischen Landesversammlung mitgeteilt wurde, zu einer derartigen Grausamkeit nicht bereit. Irgendwo müssen die Vertriebenen doch bleiben. Aber es wäre schuldhafte Kurzsichtigkeit, wollte man es auf die Gefahren ankommen lassen, die in einer planlosen Einwanderung unzähliger mittelloser Flüchtlinge liegen; eine Katastrophe wäre unvermeidlich. Die deutsche Judenheit wird sich schon diaran gewöhnen müssen, das Judenproblem in seiner ganzen Schwere zu sehen. Das verschlossene Amerika stellt die deutschen Juden vor neue große Aufgaben. Das wird noch klarer, wenn man bedenkt, daß die polnische Grenze jetzt knappe vier Schnellzugsstunden von Berlin verläuft. Das Ostjudentum rückt in dem Augenblick, wo sich ihm das amerikanische Asyl verschließt, auch räumlich näher an das westliche Europa heran. Es wird nötig sein, von jetzt an die jüdische Emigrationsbewegung sorgfältig zu verfolgen. Die Errichtung eines Emigrationsamtes, das diese Aufgabe zu erfüllen hat, ist eine dringende Notwendigkeit. Arbeitsämter in den größeren Städten Deutschlands müssen versuchen, den Einwändernden Verdienst und Unterkunft zu verschaffen. Was auf diesem Gebiete bisher geschehen ist, reicht nicht aus. Immerhin wäre es interessant von dem jüdischen Arbeitsamt in Berlin eine Statistik seiner bisherigen Tätigkeit zu erhalten. Aber all das sind keine Mittel trotzdem auch sie schon an die finanzielle Leistungsfähigkeit der deutschen Judenheit erhebliche Anforderungen stellen würden. Die einzige wirkliche Möglichkeit ist die Errichtung einer Heimstätte für das vertriebene und überall bedrohte jüdische Volk. Die deutschen Juden sollten sich darüber klar werden, daß der Aufbau Palästinas ganz gewiß eine Auf-

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