Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Sondernummer (21.10.1919)
- Date
- 1919-10-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo 5 hat durch diesen Stilmischmasch in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts seine Städtebilder zumeist unrettbar verdorben. Es wäre andererseits ebenso verfehlt und unsinnig, mit Gewalt in kurzer Zeit einen jüdischen Nationalstil durch krampfhaftes Gebären neuer Bauformen schaffen zu wollen. Niemals sind Baustile von heute auf morgen entstanden. Nein, wir wollen und werden unsere Häuser durch anständiges Material, Zweckmäßigkeit, gute Proportionen wirken lassen und vor allem wollen wir sie dem orientalischen Charakter Palästinas anpassen. Das kann und wird nur in enger Anlehnung und Weiterbildung der Bauformen und Hausformen gelingen, die seit biblischen Zeiten ihre Bewährung für Klima und Lebensgewohnheiten hunderttausendfach bewiesen haben und wie sie schon unser Altmeister Bezalel gebaut hat. Darin soll und wird die Schönheit unserer Bauten beruhen. Das, was dem arabischen Architekten im Blute liegt, daß seine Bauten so erscheinen läßt, als wären 'sie aus dem palästinensischen Boden herauserwachsen, das werden auch wir erreichen; dann werden wir von Anfang an das haben, was wir jetzt trotz Tel Awiw noch nicht haben, eine neue Heimatkunst in unserer neuen Heimat! Wer mir das glaubt, und ich bitte Sie, glauben Sie das einem Manne, der Palästina kennt und dort gebaut hat, der soll, wenn er sich in Palästina anbauen will, seine etwa vorgefaßten andersartigen Anschauungen darüber, wie sein Haus aussehen soll, noch einmal revidieren. Gehen wir in dieser Stilfrage einheitlicher vor als wir es in anderen Fragen bei unserem Temperament gewöhnt sind. Dann wird die Arbeit auf dem jüdischen Bauamt ein Freude sein. Denn das Bauamt wird, wenn die Engländer nichts dagegen haben, auch die Bauaufsichtsbehörde sein. Sie wird neben ihrer Hauptaufgabe, der Schaffung einer Bauordnung, welche die Bebaubarkeit der Grundstücke usw. regelt, auch die Prüfung aller von jüdisch-privater Seite zu errichtenden Bauten nach der technischen und ästhetischen Seite vorzunehmen haben. Sie wird verhindern, daß Bauten entstehen, die die Einheitlichkeit der Siedlungsbilder oder die Schönheit der Landschaft zerstören. Sie ist die Bauberatungsstelle für uns und wird uns nach bestem Können nur Gutes raten. Andererseits wird ihr auch die Kontrolle über die sachgemäße und technisch einwandfreie Ausführung der Bauten und die Bauabnahme fertiger Bauten obliegen. Es ist für unsere Siedlung eine Lebensfrage, daß die jüdische Unternehmung sich sofort und mit Macht auf die fabrikmäßige Herstellung von Zement und Glas wirft, daß sie Fabriken baut, in denen Kunst- und Kalksteine erzeugt werden, daß sie Holzbearbeitungsfabriken errichtet, Schlossereien für Baubeschläge erbaut und Ziegel herstellt, gerade wie einst bei Pharao, aber möglichst nicht mit den Händen, sondern mit Maschinen. Und all die Räder und Maschinen, die tausenden jüdischen Arbeitern Brot und Arbeit geben werden, treibt entweder der Vater Jordan, der das Land mit elektrischer Kraft speisen wird, oder der Masut, den die Asphaltläger des Toten Meeres und des Yarmucktales hergeben werden. Über allem wird aber nicht die Peitsche des Pharaonischen Aufsehers geschwungen zu werden brauchen, wie einst im Lande Mizrajim, sondern alle Arbeit wird verklärt durch die Freude eines .Volkes, das sich selbst seine Wohnungen baut im Lande der Verheißung. Palästina Bau-Gesellschaft. Da Palästina vor dem Kriege von 600 000 Arabern und 100 000 Juden bevölkert war, keine überschüssigen Wohngelegenheiten für die zu erwartende Einwanderung und auch sonst keinerlei bauliche Vorkehrungen für technische und industrielle Entwicklung, die gleichzeitg kommen wird, besitzt, so wird eine sehr starke Bautätigkeit notwendig werden, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Es wird sich bei ihr handeln: 1. um Schnellbauten in massenhafter Herstellung, welche von der Leitung des Ansiedlungswerkes in Auftrag gegeben werden müssen, für die große Schar der armen Einwanderer aus dem Osten Europas, 2. um Wohnhausbauten für den wohlhabenderen Teil der Einwanderung, 3. um Anlage von Siedlungen in Kolonien, Gartenstädten, Dörfern und Städten, nach einem vorher zu bestimmenden Plane, darunter wahrscheinlich vielen für Genossenschaften von Einwanderern oder von solchen Gruppen, welche gemeinschaftlich ihre Übersiedlung vorbereiten wollen (Achusoth usw.). 4. um öffentliche Bauten, Schulen, Hochschulen, Theater, Krankenhäuser, Staats- und Gemeindeverwaltungsbauten, Sakralbauten, Wegebauten, Eisenbahnbauten, Hafenbauten (in Jaffa und Haifa), Kanalisationen und Bewässerungen, Stauwerke usw., 5. um Errichtung von Bauten für industrielle Unternehmungen, für welche von vielen Ländern, besonders in Rußland, England, Amerika und Palästina bereits Millionenkapitalien bereitgestellt sind, Baumaterialfabriken, Grubenunternehmungen, Kraftwerke, Webereien, Spinnereien, Mühlen-, öl-, Seifen-, Glas-, Zucker- und chemische Fabriken, Gemüse- und andere Konservenfabriken, Marmeladefabriken, Keltereien, Druckereien, Hotels und Kuranstalten (Tiberiasee, Karmelvorgebirge, Jaffa, Seebad Haifa u. a.), endlich Geschäfts-, Bureau- und Kaufhäuser. Die „Palästina-Baugesellschaft“ ist von einigen Architekten und Kaufleuten nach eingehenden Vorbesprechungen und Vorarbeiten als G. m. b. H. gegründet worden. Die Gesellschaft legt ihr Hauptaugenmerk vorerst auf die Vorbereitungen für die Errichtung von Bauten zu 1) obiger Aufzählung (Einwandererwohnbauten) und will diese Tätigkeit sofort nach ihrer Übersiedelung, die baldmöglichst nach Öffnung Palästinas für die Einwanderung beabsichtigt ist, in Angriff nehmen, da sie hierin die Hauptaufgabe für die Bautätigkeit der allerersten Zeit erblickt. Da diese Einwanderungsbauten, wie oben erwähnt, wohl zum größten Teile von der Leitung des Kolonisationswerkes werden in Auftrag gegeben werden, so haben wir es uns angelegen sein lassen, von Anfang an im Einvernehmen mit der bisherigen Leitung der jüdischen Ansiedlung in Palästina zu arbeiten. Als Zweck der Gesellschaft ist die Vorbereitung und Ausführung von Bauten in Palästina und in den benachbarten Ländern im Statut festgesetzt. Im übrigen enthält es keinerlei von den normalen abweichende Bestimmungen. Solange die Ausreise noch nicht möglich ist, betreibt die Gesellschaft hier umfassende Vorarbeiten, Studien und Propaganda. Auch nimmt sie bereits Aufträge von hiesigen Auswanderungslustigen oder solchen, welche, ohne vorerst selbst auszuwandern, dort Baulichkeiten errichten las-