Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Sondernummer (21.10.1919)
- Date
- 1919-10-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Das Jüdische Echo Stab der Hochbautechniker bei der Wahl und bei dem Kauf der Grundstücke beraten lassen. Da sind Untersuchungen des Baugrundes auf Tragfähigkeit anzustellen, ferner ist darauf Rücksicht zu nehmen, wo und wie Wasser zu beschaffen ist, Untersuchungen sind vorzunehmen, ob sich die Lage des Terrains zu den Windrichtungen, sein Gefälle, seine Bodenbeschaffenheit und vieles mehr zur Bebauung eignet, ferner ob die Straßen- und Verkehrsverhältnisse günstig liegen. Alles Dinge, bei deren rechtzeitiger Überlegung und Untersuchung viel Geld erspart werden kann, das sonst nutzlos verpufft wäre. Sind dann die Grundstücke erworben und vom Landmesser vermessen und nivelliert, dann erst kann das Hochbauamt die endgültigen Bebauungsspläne und Kostenanschläge aufstellen. Dann werden die Straßenzüge und Grundstücksgrenzen festgelegt, die öffentlichen Plätze und Grünflächen reserviert, festgestellt, welche Straßen für offene Bauweise, welche für Reihenhäuser vorgesehen sind; die Pläne für die öffentlichen Gebäude, das Gemeindehaus, Ledigenheim, Schule, Krankenhaus, Spritzenhaus und das eventuell erforderliche Gemeinde-Küchenhaus und Waschhaus, die schon vorbereitet waren, werden endgültig fertiggestellt, kurz alle Aufgaben gelöst, die die neuzeitlichen Städte- und Siedlungsbaukunst erfordert. Jetzt werden die Gruppen der Bauhandwerker und Landarbeiter unter Leitung ihrer Architekten und Werkmeister auf die künftigen Siedelungen entsandt; sie beziehen daselbst die vorbereiteten Zelt- oder Barackenläger und beginnen die Siedelung zu erbauen. Für ihren Lebensunterhalt sind Nahrungsmittel und Feldküchen, ein Feldlazarett und dergleichen bereitgestellt. Gleichzeitig sind die aufgespeicherten Baumaterialien je nach Bedarf nach den verschiedenen Baugeländen verteilt und transportiert, so daß der Bau der Siedelung ungehemmt in Angriff genommen werden kann. Wenn, wie geschildert, die technischen Arbeitskräfte und die Baumaterialien einheitlich durch das Bauamt zusammengefaßt sind, so liegt der Gedanke nahe, alle aus öffentlichen jüdischen Mitteln, also aus dem Nationalfonds oder wenigstens mit Unterstützung desselben zu errichtenden Bauten, das heißt alle Siedelungen, Krankenhäuser, Gemefndehäuser, Schulen usw., durch das Bauamt auszuführen. Das bedeutet, daß das Bauamt das Heer der Bauhandwerker und ungelernten Arbeiter selbst anwirbt und löhnt und mit dem aus nationalen Mitteln erworbenen Baumaterial selbst baut. Das bedeutet eine Sozialisierung des Bauwesens, bei dem die Baubeamten vom obersten herunter bis zum Techniker ebenso wie Bauhandwerker und Arbeiter feste Bezüge erhalten. Man wendet immer ein, daß solche Arbeiterbeamtenschaft uninteressierter und darum teuerer baut als das Privatunternehmertum. Aber ich glaube, daß die Techniker und Bauarbeiterschaft die Größe der Aufgabe, für den Wiederaufbau Palästinas zu arbeiten, würdigen und begreifen und ihr Bestes an Kraft für dieses Ziel einsetzen werden. Es kommt noch hinzu, daß das Bauamt durch den Massenbezug aller Baumaterialien, und durch Ausschaltung des Zwischenhändler- und Bauunternehmergewinnes mindestens ebenso wohlfeil bauen wird, wie der Privatunternehmer. Das ist naturgemäß nur ein Vorschlag, aber einer, der ernsteste Beachtung verdient. Denn auf alle Fälle würde diese „Nationalbautätigkeit“ auf die Preisbildung des Bauunternehmertums reguliernd einwirken, so daß diese, um konkurrieren zu können, seine Unternehmergewinne derart reduzieren müßte, daß es nolens volens zu einer gemeinnützigen Baugesellschaft wird, d. h., daß es sich mit einer angemessenen Verzinsung seines Anlagekapitals begnügt. Wir alle machen uns ein mehr oder weniger klares Bild davon, wie es in 5 oder 10 Jahren in Palästina aussehen wird. Wir Bauleute aber sehen vielleicht noch deutlicher im Geiste die zahlreichen Siedelungen vor uns und freuen uns über den einheitlichen, soliden, charaktervollen und zweckmäßigen Eindruck, den alle Bauten machen, die so gebaut worden sind, wie wir sie erdachten. Doch um diesen Traum zu verwirklichen, müssen auch grundsätzlich alle Baulichkeiten bestimmte Forderungen erfüllen, die ich kurz auseinandersetzen will. Es sind das keine neuen unerhörten Forderungen, sondern Dinge, die sich bei einem guten Gebäude von selbst verstehen, wo es auch immer gebaut werden mag. Man sollte meinen, es gäbe keine selbstverständlichere Forderung, als daß ein Gebäude zweckmäßig wäre, das heißt, daß es den Wohn- und Lebensbedürfnissen angepaßt sei. Aber für den Einwanderer, der vor neue, durch das Klima bedingten Wohn- und Lebensbedürfnisse gestellt ist, ist diese Frage durchaus nicht leicht zu lösen. Es würde weit über den Rahmen dieses Aufsatzes gehen, hierüber Anleitungen geben zu wollen. Ich weise nur kurz darauf hin, daß man in Palästina am liebsten im Freien haust, und daß deshalb große überdeckte Hallen und Loggien lebensnotwendig sind; daß man sich nicht mit dem Wust von Mobiliar plagen soll und braucht, sondern nach Möglichkeit alles in eingemauerten Wandschränken und Nischen unterbringt; daß das Miethaus ein dem ganzen Orient wesensfremdes Element ist und daß das schöne Ziel zu erstreben ist, daß jeder Einwanderer sein Häuschen hat. Daß sogar die vielgenannten Reihenhäuser nur aus Ersparnisgründen zu rechtfertigen sind und nie die Vorzüge eines von allen Seiten von Licht und Luft umspielten Hause bieten können. Bauten sind und waren immer Kulturdokumente. An ihnen kann man, wie an einem Wasserstandglas das Niveau des Wassers in einem Kessel, das geistige und künstlerische Niveau eines Volkes ablesen. Bauten sind auch das einzig sichtbare Kulturdokument; und die ganze Welt, die sich für uns und Palästina und das, was wir Juden darin und daraus machen werden, interessiert, wird darauf sehen und unsere Fähigkeiten und unser Kulturniveau danach beurteilen, was es von uns greifbar sieht, nämlich nach unseren Bauten. Das könnte uns ja ganz gleichgültig sein und vielen von uns ist es ja wohl auch ganz egal, was die Leute da zu sehen bekommen. Und es ist nicht etwa erdacht, sondern ein oft gehörtes Wort: Ich will nicht schön, ich will billig bauen! Leider liegt die Sache bei uns so, daß vielen, ja der Mehrzahl der Juden völlig die Empfindung dafür fehlt, was an einem Hause schön ist. Denn es mangelt ihnen jegliche Schulung zum Geschmack. Für den diesen Leuten fehlenden Sinn muß das Bauamt und die gesamte jüdische Architektenschaft mit mustergültigen Leistungen einspringen. Nicht, daß da mit Säulen und Ornamenten gewirkt wird, nicht daß wir mit Stilformen herumexperimentieren, nicht daß wir Bauten aus Golusländern äußerlich nachahmen, nicht, daß wir russische Holzhäuser oder Schweizer Villen oder kalifornische Plantagen bauen oder indische Bungalows kopieren. Europa