Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Sondernummer (21.10.1919)
- Date
- 1919-10-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Das Jüdische Echo Eine* Antwort. Lieber Freund! Die Unterhaltung, die wir gestern führten, hat mich nachdenklich gestimmt. Ich will Ihnen nun nochmals genauer meinen Standpunkt darlegen, zumal da unsere Unterredung in dem schnellen Tempo geführt wurde, das in unseren Tagen Allem den Stempel der Flüchtigkeit aufdrückt. Sie haben sich also in den langen Kriegsjahren, in denen wir uns nicht gesehen haben, vom positiven Judentum — zum Unterschied von den meisten jungen Juden, die im Felde waren — entfernt, und gehören nunmehr zu denen, denen ihr Judentum nicht mit lebendigen Inhalten erfüllt, sondern unerwünschtes Geschick ist. Daher finden Sie auch, daß Sie nichts mit dem Aufbau Palästinas zu tun haben. Sie meinen, wir deutschen Juden hätten wirklich wichtigere Aufgaben. Die Bekämpfung des Antisemitismus und der sich bei vielen Juden breitmachenden Unkultur, das seien Zwecke, für die Sie gerne Ihre ganze Kraft einsetzten. Das ist so die Stimmung, die bei der Organisation, die die Bekämpfung des Antisemitismus auf ihre Fahne geschrieben hat, herrscht. —Es ist übrigens eine auffallende Tatsache, daß die Juden, die sich der jung-jüdischen Bewegung angeschlossen haben, sich auch völlig von den Auswüchsen jener unangenehmen Unkultur freimachen. — Glauben Sie denn wirklich, daß man mit diesen Abwehrmaßnahmen, die gar nicht an das Grundproblem herankommen, den Antisemitismus aus der Welt schaffen kann? Sehen Sie denn nicht, daß alle diese Unterabteilungen der Judenfrage nicht jede für sich allein gelöst werden können, sondern nur eine umfassende Lösung der ganzen Frage als Gesamtheit zum Ziele führt? Sie finden z. B., daß Ihnen ein einfacher Bauer lieber ist, als alle die auf geputzten Jüdinnen, deren Anblick Ihnen überall den Sommeraufenthalt verleidet. (Merkwürdig, daß jeder Jude dasselbe von den Anderen behauptet.) Was diesen Juden fehlt, das ist die Sicherheit und Beständigkeit, die nur Bodenständigkeit verleihen kann. Sie soll das jüdische Volk nach zweitausendjähriger Wanderschaft nun endlich in Palästina bekommen. Den Juden wird dort endlich Gelegenheit gegeben, wirkliche Kulturarbeit am Lande, der Umgebung und nicht zum mindesten an sich selbst zu leisten. Diese Aufgaben werden die Juden, des bin ich sicher, gut lösen. Endlich soll durch die Schaffung einer jüdischen Heimstätte dafür gesorgt werden, daß auch den Juden eine eines Kulturvolkes würdige Behandlung zuteil wird. Vergessen Sie doch auch nicht, daß die schrecklichen Verfolgungen, denen unsere Brüder Jahrhunderte hindurch ausgesetzt waren und die auch in unseren Tagen noch nicht aufgehört haben, unbedingt durch das Niederdrückende all dieser Erlebnisse Unkultur zur Folge haben mußten. In dem Momente, wo das Judentum all diesen Einflüssen entzogen, wo die Juden als freie Bürger auf freiem Boden leben können, in dem Momente wird auch der Unkultur wirksam entgegengetreten sein. Zugleich werden sich aber auch die Juden durch wirkliche Kulturleistungen die Achtung der ganzen Welt erringen können. Sie sagten vorher, Sie wollten gerne „den armen Ostjuden helfen“. Sie vergessen dabei, wie beleidigend für diese unsere Brüder gerade diese Almosenbereitschaft ist. Tut übrigens wirklich nur unseren armen ostjüdischen Brüdern die Hilfe not? Die Juden Ihrer Parteirichtung und Gesinnung haben es sich zum Prinzip gemacht, für sich selbst das Bestehen der Judenfrage abzulehnen. Für sich lehnen Sie die Notwendigkeit zur Lösung des Judenproblems nur aus Angst ab, nach irgendeiner Seite hin anzustoßen. „Lochern we’ lau lau . . .“ Für Euch, und nicht für ihn selbst“ wie unsere Legende den Roscho sprechen läßt. Das Eine steht fest, daß überall, wo Juden leben, Judennot existiert, solange nicht für sämtliche Teile des jüdischen Volkes menschenwürdige Lebensbedingungen geschaffen sind. Denken Sie daran, daß dieses Ziel nur erreicht werden kann durch die Schaffung eines Zentrums in Palästina. Auch die Großmächte haben dies anerkannt und die Konsequenz bereits gezogen. Die mächtigsten Völker der Erde wollen uns Juden unsere Heimstätte wiedergeben und uns als gleichberechtigte Mitglieder im Rat der Völker aufnehmen. Es ist selbstverständlich, daß dieser Umstand uns Juden außerordentliche Pflichten auferlegt. Mehr denn je müssen wir uns über die Grenzen der Parteien hinaus zu diesem gemeinsamen Werke die Hand reichen. Jeder Jude, der erkannt hat, daß der Aufbau Palästinas der einzig richtige Weg zur Lösung der Judenfrage ist, muß mithelfen. Jeder Jude, der Verständnis für die moderne Judenfrage hat, muß diesen Weg als richtig anerkennen. Darum lieber Freund, lassen Sie sich all das Angeführte nochmals durch den Kopf gehen. Ich hoffe, daß auch Sie sich dann davon überzeugen werden, daß der Aufbau Palästinas unser aller und also auch Ihre Angelegenheit ist. Ihr Efraim Sef. Bau- und Unterkunftsfragen. Von Regierungsbaumeister B a e r w a 1 d. Eine solche Aufgabe, einem ganzen Volke in kurzer Zeit Wohnungen, Siedelungen, Schulen, Krankenhäuser, Fabriken und Tempel zu bauen, ist in der Vorzeit in diesem Umfange noch nicht dagewesen. Die Aufgabe ist für den Techniker wundervoll und ebenso verantwortungsvoll, denn Städte und Siedlungen sind keine Gedanken, die heute gedacht und morgen vergessen sind, auch keine Bücher, die man zuklappen und weglegen kann, sondern Volksdokumente in Stein, die bis an das Ende der Tage von der Rückkehr der Juden in das Land der Väter zeugen sollen und zeugen werden. Diese gigantische Aufgabe muß einheitlich und großzügig nach weitschauenden Gesichtspunkten angepackt und in ebenso umfassender, monumentaler Weise gelöst werden, oder sie kann planlos von hie und da einsetzenden Kräften, die ohne Rücksicht aufeinander die Bebauung des Landes brockenweise in die Hand nehmen, in Angrif genommen werden. Das aus dem letzteren Vorgehen nichts Gescheites herauskomen kann, braucht wohl nicht näher bewiesen zu werden. Nur von einer Leitung aus kann die Unsumme von Überlegungen und Untersuchungen technischer, hygienischer und finanzieller Natur,, Forschungen auf nationalökonomischen, landwirtschaftlichen und industriellen Gebieten verwertet werden, die erforderlich sind, um vernünftige Grundanlagen für die Besiedlung und Bebauung Palästinas zu schaffen. Und die leidige Politik, die Unsicherheit, inwieweit die jüdische Immigration selbstbestimmend eine Siedelung aufbauen kann und wie groß das zur Erschlie-