Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 42 (15.10.1919)
- Date
- 1919-10-15
- Page
- Seite 502 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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502 Das Jüdische Echo Nr. 42 geschaffen hat. Doch bei der Wesensart und der Geistesrichtung des jüdischen Volkes, das von dem Ideal der sozialen Gerechtigkeit beherrscht ist und diesem Ideal in seinem künftigen Gemeinwesen Gestalt verleihen wird, dürfen wir bestimmt erwarten, daß eine trennende Kluft innerhalb der einzelnen Schichten unserer Volksgemeinschaft in unserem Land sich nicht auftun wird. Wir haben dazu um so gerechtfertigtere Hoffnung, als es unser Bestreben sein wird, das mit vielen Abhängigkeiten belastete Arbeiterverhältnis in Stadt und Land als eine vorübergehende Situation des Einzelnen anzusehen, der die Möglichkeit haben soll, durch Verwurzelung mit dem Boden als Halbsiedler oder Besitzer einer kleinen Erwerbsheimstätte zu einer allmählichen Selbständigkeit zu gelangen. Was die Araberfrage betrifft, so steht fest, daß nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina beeinträchtigen könnte. Darüber hat niemals in unseren Reihen ein Zweifel obgewaltet, daß diese Rechte geachtet werden müssen und daß alle von uns ausgehenden kolonisatorischen Maßnahmen das Verhältnis der Achtung und Freundschaft zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung nicht beeinträchtigen dürfen. Ein Nebeneinander- und Miteinanderleben ist sehr gut möglich. Jeder jüdische Kolonisationsplan rechnet mit dem bodenständigen Fellachentum. In allen Teilen des Landes steht Siedlungsgelände zur Verfügung, ohne daß dem Fellachen die Existenz irgendwie erschwert zu werden braucht. Im Gegenteil: Die Ansiedlung der Juden und der dadurch veranlaßte Aufschwung der Landesentwicklung kann nur von Vorteil für das einheimische arabische Element sein. Der Araber wird die neue Konjunktur ausnutzen, er wird von den Juden lernen, wird ihre Methoden kennen lernen und bei sich einführen und sie als Mittler vieler nützlicher Dinge auf allen Gebieten schätzen lernen. So wird er den Juden schließlich Dank dafür wissen, daß er durch sie Gelegenheit hat, nicht nur seine Lebenshaltung zu bessern, sondern auch im Wetteifer mit seinem jüdischen Vorbilde zu einer höheren Kulturstufe aufzusteigen. Dazu kommt, daß sein eigentliches, außerhalb Palästina liegendes Zentrum einer großen Entwicklung entgegensieht und ohne Zweifel, wie es sicher von Mesopotamien zu erwarten ist, auf das arabische Element in hohem Grade anziehend wirken wird. Diese Momente werden auch in arabischen Kreisen voll und ganz gewürdigt. Hand in Hand mit dem politischen, wirtschaftlichen und sozialen Aufbau unseres Landes wird die hebräische Volkskultur sich zur Blüte entfalten. Wenn wir uns im Geiste ein Bild dessen machen, was die neujüdische Kulturbewegung, die von Zion ausgehen soll, im Rahmen zukünftiger Arbeit bedeuten wird, so brauchen wir nur einen Blick auf das zu werfen, was bisher geworden ist und unter welchen Umständen es geworden ist. Wir sind heute bereits so weit, daß wir die ersten Grundlagen nicht mehr zu legen brauchen. Ein fester Kulturkern besteht. Im Kleinen besitzen wir fast alles, aus dem das Große, die Zukunft sich entwickeln soll. Einen Kranz von Schulen der verschiedensten Gattung von Kindergarten anfangend bis zum Gymnasium; eine hebräische Presse; Ansätze eines Bibliothekwesens, wissenschaftliche Forschungsinstitute, die aus dem Bedürfnis des Landes herausgewachsen sind und die, wie z. B. das Gesundheitsamt in Jerusalem, ein Stamm von jüdischen Menschen, die sich bewußt sind, daß, Palästinenser sein, nicht nur ein Glück ist, sondern auch eine Tatsache, die die schwersten Pflichten in sich schließt. Deshalb stellt das jüdische Volk im Galuth an unsere in Palästina aufgewachsene Bevölkerung die größten Anforderungen und es ist sicher, daß sie ihre Pflicht erfüllen wird, niemals im Kleinkampf des Tages unterzugehen, Vorbild zu sein und der Entwicklung die Wege zu weisen. Alle künftige Erziehungskraft in Palästina wird palästinozentrisch auf das eine Ziel gerichtet sein, der aufzubauenden jüdischen Kultur zu dienen, Palästina und das Galuth werden dieser Aufgabe künftig in gleicher Weise ergeben sein. Alle Kämpfe, denen das jüdische Palästina auf geistigem Gebiete ausgesetzt sein wird, werden sich innerhalb der selbstverständlichen natürlichen Schranken abspielen. Sie werden von den innerhalb des jüdischen Gemeinwesens bestehenden Parteien ausgefochten, die religiös und kulturell verschieden gerichtet sind, aber alle das gleiche hohe jüdische Volksziel vor Augen haben. Und darum werden diese Kämpfe gesund sein. Schon jetzt haben sich im Hinblick auf die große Aufgabe die heterogensten Kreise zu gemeinsamen Aufbau des Schulwerkes im Waad hachinuch vereinigt. Diese Behörde hat bereits die Oberleitung in die Hand genommen; sicherlich wird sie die schwere Aufgabe erledigen. Große Pläne sind es, die vor uns auftauchen, und zu deren Verwirklichung man Vorbereitungen trifft. Jerusalem, schon bisher nach seiner Bevölkerung die jüdischste Stadt der Welt, soll in Zukunft durch den inneren Wert seiner kulturellen Einrichtungen und durch Baulichkeiten, deren künstlerische Linien aus dem mächtigen Landschaftsbild herauswachsen, ein Gewand erhalten, das würdig ist der großen jüdischen Vergangenheit und Zeugnis geben soll von der wiedererstandenen jüdischen Schaffenskraft. Aus seinem Gesamtbilde soll ein Bau herausragen, in dessen Mauern alles geistige Leben und Schaffen des künftigen Judenlandes zusammenläuft, der den Juden der ganzen Welt der große Brunnen der Erkenntnis sein wird und dessen dem Volke und der Menschheit dienende Schöpfungen jene Tat sein werden, durch die wir den Völkern unser neues Sein vor Augen führen. So ist es verständlich, mit welchen Gefühlen der Erhebung und des Stolzes das jüdische Volk dem Bau der Universität in Jerusalem entgegensieht. Wir haben schon darauf hingewiesen, welcher Anstrengungen der gesamten Judenheit es bedarf, um den Aufbau des Landes Israel zu verwirlichen. Sie brauchen uns nicht zu schrecken. Geistige und materielle Kräfte sind in Fülle im jüdischen Volke vorhanden. Sie müssen der Volkssache dienstbar gemacht werden. Riesige Finanzmittel werden bereitstehen müssen. Es werden aber auch solche Mittel erforderlich sein, die nicht Zinsen im üblichen Sinne tragen und sich erschöpfen in der Förderung kultureller und Wohlfahrtsziele. Unser künftiges Gemeinwesen wird einst in der Lage sein, aus eigener Kraft diese Aufgaben zu leisten. Zunächst aber ist es Sache des ganzen jüdischen Volkes, wie schon bisher — nur in viel umfassenderem Maße — die erforderlichen Summen aufzubringen, die es schließlich fürsichselber aufbringt. Wir aber sind sicher, daß es kein Opfer scheuen wird, wo es sich darum handelt, eine unerträgliche Gegenwart abzuschütteln, und sich eine Zukunft zu schaffen; es wird es um so freudiger tun, als es von Vertrauen und Zuver-