Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 42 (15.10.1919)
- Date
- 1919-10-15
- Page
- Seite 501 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Das Jüdische Echo 501 führt, an die Jordanwasser, die in den Jahrtausenden der Vergangenheit sich mit der einen Aufgabe begnügt haben, in das tote Meer zu fließen, an die vom Wasser der Regenzeit hochgeschwollenen und nutzlos versiegenden Wadis, an die kostbaren Stoffe und Mineralien, die das Gebiet des toten Meeres auf seinem Grunde birgt. Die palästinensische Erde verlangt gebieterisch diesen bisher vergeudeten Überfluß. Weite von der Sonne ausgezehrte Landstrecken dürsten nach diesem Wasser und hungern nach jenen Stoffen, die dem Boden neue Fruchtbarkeit verleihen. Die Sonne wartet nur darauf, dem bewässerten und gedüngten Boden ein Vielfaches an Erträgen zu geben. Die gesamte moderne technische Wissenschaft werden wir für die Hebung des Landes in Anspruch nehmen. Es handelt sich um Arbeiten, welche die Bedingungen für die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte schaffen, die dem Volksganzen zu Gute kommen sollen. Es sind Arbeiten, deren Durchführung eine Aufgabe der Volksgesamtheit ist, die nicht der Privatinitiative einzelner Personen oder Gesellschaften überlassen werden dürfen. Es sind somit öffentliche Arbeiten im wahren Sinne des Wortes, die wir als eines der wesentlichen Ergebnisse der schwebenden Verhandlungen in unsere Hand zu bekommen hoffen. Sie sollen uns die Möglichkeit geben, einen Teil des Stromes jener Emigranten unterzubringen, die aus den Schrecken der Gegenwart nicht viel mehr gerettet haben als ihre Arbeitskraft und ihre Zuversicht. Die öffentlichen Arbeiten sollen eine Art Durchgangsstation sein. Durch sie soll der Arbeiter sich an das Klima gewöhnen, in die neuen schweren Lebensverhältnisse sich hineinfinden, mit einem Worte: durch sie soll er sich so bewähren, daß er jedem Berufe, dem er sich zuwendet, gewachsen ist; sie sollen so organisiert und ausgestaltet sein, daß dem Arbeiter nach den ersten schweren Jahren eine Aussicht auf eine Existenzmöglichkeit sich auftut. Diese erste Tätigkeit der Emigranten im Dienste der „öffentlichen Arbeiten“ wird ihnen den Übergang in die fremden Verhältnisse leichter machen. Aber trotzdem ist die Aufgabe, die unserem Volke hier bevorsteht, keine leichte. Wird es ihr gewachsen sein? Es ist nicht der mindeste Zweifel daran erlaubt. Es wird unserem Volke nichts zugemutet, was es nicht schon längst tausendmal in der Praxis seines geschichtlichen Lebens durchgemacht hat. Seine Fähigkeit der Anpassung des Sichhineinfindens ist in einer Leidenszeit ohnegleichen erprobt. Sie ist so sichtbar und so anerkannt, daß man fast von einer Wesenseigenschaft des jüdischen Volkes sprechen kann. Wenn wir also in Palästina eine gesunde normale Berufsschichtung erstreben, wenn wir uns darüber klar sind, daß das jüdische Händlerelement gegenüber anderen produktiven Berufen zurücktreten muß, so haben wir die festgegründete Zuversicht, daß es uns gelingen wird, soweit es sich um Berufe handelt, bei denen Beweglichkeit des Geistes Voraussetzung ist, Berufe, die immer in der Linie unserer Fähigkeiten gelegen haben. Wir können unbesorgt um jene sein, die als Handwerker, Techniker und Ingenieure, als Kaufleute und Industrielle, als Beamte, Ärzte und Lehrer u. dergl. in die künftige Wirtschaft Palästinas sich einordnen. Die einzige Schwierigkeit liegt in der Frage des landwirtschaftlichen Berufes. Wer die palästinensischen Verhältnisse kennt, weiß, daß die Hauptrolle dort der Garten- und Gemüsebau spielen wird. Zum Aufbau dieses Wirtschaftsgebietes ist aber wiederum in hohem Maße Intelligenz und Anpassungsfähigkeit im allgemeinen nötig: Dinge, die bei uns in großem Umfange vorhanden sind. Unsere Geschichte beweist es. Also auch diese Schwierigkeit wird sich leichter lösen, als es bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein hat; denn in der Hauptsache handelt es sich um die harmonische Verbindung städtischen Lebens mit ländlicher Betätigung. Dazu kommt, daß die Kosten derartiger Wirtschaften bedeutend geringer sind als die bäuerlichen Anwesen. Nun zur Frage des Bodenerwerbs. Unsere künftige Bodenpolitik, die dahin führen muß, unseren Landbesitz mit allen Kräften zu vergrößern, steht vor einer ebenso großen wie dankbaren Aufgabe. Würde man die Entwicklung sich selber überlassen, so würde die zu erwartende Nachfrage ein gewaltiges Emporschnellen der Landpreise zur Folge haben. Eine Bodenspekulation würde eintreten, die wirtschaftlich und moralisch für unser Aufbauwerk die größten Gefahren mit sich brächte. Es würde dahinkommen, daß in einzelnen kapitalkräftigen Händen der Großgrundbesitz sich häufen und die eintretende Bodenknappheit ein landhungriges Arbeiterproletariat schaffen würde. Unerträglicher Bodenwucher und unleidliche Wohnungsverhältnisse würden sich breitmachen. Ein Bild, das durchaus nicht den Vorstellungen entsprechen würde, die wir uns vom Lande Israel der Zukunft machen, und das sich weit entfernen würde von dem Ideal, wie es sich in der altjüdischen Bodengesetzgebung verkörpert. Man könnte sich vorstellen, daß die befürchtete Entwicklung in gewaltigen Bodenaufkäufen durch das Privatkapital sich bereits vorbereitet hat, und der beginnende Aufbau sich so einer katastrophalen Tatsache gegenübergestellt sieht. Diese Befürchtung ist jedoch grundlos. Einer solchen Entwicklung ist durch ein Landveräußerungsverbot der englischen Militärverwaltung ein Riegel vorgeschoben. Wir zweifeln nicht, daß hier in irgend einer Form ein Weg gefunden werden wird, der geeignet ist, die eben geäußerten Befürchtungen auszuschließen. Es ist anzunehmen, daß die zu erwartende Zentralisierung des Bodenkaufs, mag die kaufende Instanz nun der Jüdische Nationalfonds oder eine besondere, zu diesem Zwecke mit öffentlichen Rechten ausgestattete Gesellschaft sein, eine Preistreiberei ausschließen wird. Dieser großzügig auf weite Sicht arbeitenden Stelle gegenüber wird die Spekulation kein lohnendes Feld finden. Die weiteren ernsthaft erwogenen Maßregeln, die sicherlich in der einen oder anderen Form praktisch werden, können jedoch nicht schablonenhaft in die Wirklichkeit übertragen werden., Diese Maßnahmen sind in erster Reihe die Nationalisierung des Bodens und die damit zusammenhängende Abgabe des Bodens in Erbpacht oder Erbbaurecht und sodann die Bestimmung eines Höchstlandmaßes. Mit diesen Problemen eng verknüpft ist die Frage des jüdischen Arbeiters und die Araberfrage. Die Lage des jüdischen Arbeiters war schon bisher dadurch schwierig, daß er mit dem fellachischen Arbeiter in Konkurrenz treten mußte, dessen Lebensbedürfnisse unendlich niedrig und der zudem noch an seiner Dorfwirtschaft einen Rückhalt hatte. Um so mehr ist es anzuerkennen, daß er sich schon bisher über alle Hindernisse hinweg durchgesetzt hat und zu einem wichtigen Glied in der bisherigen Kolonisation geworden ist. Er wird, wie überall in der Welt, auch in Palästina sein Schicksal in seine eigene Hand nehmen. Davon zeugen die großen Verbände, die er sich