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Das jüdische Echo · 1919-10-15 · 42 (15.10.1919) · p. Seite 500

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
42 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
Seite 500 (sequence 5)
Language
German
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500 Das Jüdische Echo Nr. 42 Jetzt, wo die Frage des Aufbaus des Landes Israel nicht als ein fernes Ideal, sondern als eine greifbare erdenschwere und beglückende Wirklichkeit uns vor die Seele tritt, müssen wir Eines klar erkennen. Die Zeit, die uns die Erfüllung unseres tiefsten Volkswunsches bringt, ist zugleich die Zeit unserer größten Leiden. Niemals, soweit wir zurückdenken können, hat es eine Zeit gegeben, die größeres Unheil, entsetzlichere Qualen über unser Volk gebracht hat. Wenn wir sie aufzählen wollten, wir wüßten wirklich nicht, wo wir beginnen und wo wir aufhören sollten. Die Schreckenstatsachen, die wir schon gewöhnt, sind tagtäglich zu hören — aus Galizien und Polen, aus der Ukraine und anderswoher — sind so grausig und so gleichtönig massenhaft, daß die Seelen stumpf werden angesichts solcher übergewaltigen, unfaßbaren Eindrücke. Es scheint uns unmöglich zu sein, diesen Jam* mer, der ein Unendliches des durch das Galuth anscheinend verewigten Judenleides ausmacht, der unsere Volksmassen in Bewegung bringt unstät und flüchtig, diesen Jammer und seine Beseitigung loszulösen von der Gegenwartsaufgabe des palästinensischen Aufbaus. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß die beiden großen Aufgabenkreise — den Drang nach Beseitigung oder wenigstens Linderung der augenblicklich übermäßigen Judennot, der sich in einem übermächtigen Wanderungsdrang äußert, und das palästinensische Aufbauwerk — restlos ineinander aufgehen. Ein solches restloses Ineinanderaufgehen ist schon deshalb nicht denkbar, weil die Frage des Aufbauwerkes nicht eine Sache von heute auf morgen ist, und ihre Durchführung eine Entwicklung von vielen Jahren bedingt, während die Notlage der Gegenwart in ihren akuten Erscheinungen keine Vertröstung auf eine mehr oder weniger nahe Zukunft verträgt und nach Augenblicksmaßregeln ruft. Diese Augenblickshilfe, die das jüdische Volk im Galuth bisher in allen Situationen seinen Kindern geleistet hat, wird auch weiterhin eine unabweisliche Pflicht des Galuth sein. Aber die große Hilfe, die nicht an den Tag gebundene Hilfe des jüdischen Volkes wird Palästina sein. Weil Palästina diese unsere Hilfe sein soll, ist genaue gut überlegte Vorbereitung nötig, die die Eigenart des jüdischen Volkes und des jüdischen Landes berücksichtigt. Was die künftige jüdische Bevölkerung in Palästina betrifft, so haben wir ein näheres und ein weiteres Ziel. Es handelt sich zunächst darum, dem jüdischen Volke in Palästina die Majorität zu schaffen und im weiteren darum, einen möglichst großen Teil des jüdischen Volkes in Palästina und den angrenzenden Orientländern unterzubringen. Um unser nächstes Ziel zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Palästina kein bevölkerungsleeres Land ist. Das jüdische Element im Lande ist bis iezt eine kleine Minderheit. Wir kennen alle die Leistungen dieser Minderheit auf allen Gebieten des jüdischen Volkslebens, Leistungen, die um so höher zu veranschlagen sind, als eigentlich nur ein Bruchteil dieser jüdischen Minorität als produktives Element angesehen werden kann. Die Bedeutung dieses sogenannten neuen Jischuws, der aus den Bewohnern der etwa 50 jüdischen Kolonien und Farmen und den städtischen Juden, besonders in Jaffa, besteht und auch unter den 60 000 Juden in Jerusalem Ansätze hatte, ging weit über sein Zahlenverhältnis hinaus. Diese Bedeutung wird zunehmen mit dem Wachstum unserer Minorität. Doch müssen wir uns darüber klar sein, daß wir das herrschende Volkselement in Palästina erst in dem Augenblick sein können, wo wir auch rein zahlenmäßig ein Übergewicht haben. Es ist sicher, daß die Rechte und Befugnisse, die das jüdische Volk in der nächsten Zukunft erwartet, die Möglichkeiten geben müssen, eine Bevölkerungsmajorität zu schaffen, aber ebenso sicher ist es, daß das jüdische Volk das größte politische Interesse daran hat, möglichst bald über das Stadium seiner Minoritätsexistenz in Erez Israel hinauszukommen. Dieses Ziel von Jahrzehnten wird das Ergebnis unablässiger Anstrengungen unseres Volkes sein und wird die breite Grundlage abgeben, von der aus die aus jüdischer Arbeit entstehenden Wirtschafts- und Kulturwerte den jüdischen Namen in die gesamte Kulturwelt tragen und ihm den Klang verschaffen, dessen beseligende Musik wir noch immer schmerzlich vermissen müssen. Das Ziel ist weit gesteckt und erhaben, aber es liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Bei der Beurteilung der Entwicklungsmöglichkeiten muß man bedenken, daß der hauptsächlichste Hinderungsgrund für eine richtige Entfaltung, das türkische Regime, nunmehr wegfällt. Was aus Palästina werden könnte, haben wir uns im Geiste immer schon vorgestellt, wenn wir die jüdischen Dörfer durchschritten, fruchtbare Oasen, die im Verlaufe eines Menschenalters auf wüstem, versandetem Boden entstanden sind. Das ganze Land schien dann in unserer Vorstellung zu einer solchen Oase zu werden. Jetzt brauchen wir einen solchen Wunsch nicht mehr in das Reich unserer Träume zu verweisen. Ein Vorgefühl dessen, was das Palästina der Zukunft sein wird, haben wir, wenn wir hören, welche umwälzenden Arbeiten dort bereits in der kurzen Zeit der englischen Miltärverwaltung geleistet sind. Nur einige wenige Dinge wollen wir erwähnen. Sanitäre Maßregeln in einem bisher nicht gekannten Umfang sind durchgeführt worden, um das Land zu sanieren und die Volksgesundheit sicherzustellen; um die beiden gefürchteten Krankheiten, Malaria und Trachom auszurotten, die nur aus dem Grunde verwüstend wirken konnten, weil sich Land und Volk Jahrhunderte lang in einem Zustand der beispiellosen Verwahrlosung befanden. Hier eine erste durchgreifende Hilfe gebracht zu haben, ist das Verdienst der jüngsten Gegenwart. Was weiterhin notwendig ist, muß und wird von unserer Seite geschehen. Unsere Ärzte warten auf den Augenblick, der es ihnen ermöglicht, diese segensreiche Arbeit unserem Lande zu leisten. Fast märchenhaft klingt es, wenn man liest, daß man heute im bequemen Expreßzug von Haifa nach Kairo reisen kann. Man muß das Eisenbahnnetz auf der Karte Palästinas betrachten, wie es jetzt ist und bereits der friedlichen Entwicklung dient, und sich die Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten vorAugen halten, die eine Reise von Jaffa nach Haifa vor einigen Jahren verursachte, um zu erkennen, wie weit wir uns schon von dem Palästina der Vorkriegszeit entfernt haben. Diese Entwicklung muß alle natürlichen Quellen und Hilfsmittel des Landes in ihren Dienst stellen, Hilfsquellen, die zum Teil vor aller Augen dauernd brachgelegen haben, zum Teil wie ein kostbarer Schatz aus der Verborgenheit gehoben werden müssen. Wir brauchen nur an die Wassermengen zu denken, die der reißende Litanifluß in verschwenderischer Nutzlosigkeit dem Mittelmeer zu-

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