Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 42 (15.10.1919)
- Date
- 1919-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102975-9140177--03089-9075909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 42 15. Oktober 1919 6. Jahrgang Aufruf! Palästina, die historische Heimat des jüdischen Volkes, soll nach den feierlichen Erklärungen der Großmächte auf der Friedenskonferenz wieder zu einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk werden. Damit erwachsen der jüdischen Gesamtheit Aufgaben gewaltigster Größe. Palästina ist ein Land,, das kulturell noch entwickelt werden muß. Kolonisationsarbeiten, Häfen-, Straßen- und Bahnbauten, soziale und kulturelle Einrichtungen mannigfachster Art müssen errichtet und ausgebaut werden, soll das Land imstande sein, einen beträchtlichen Teil der jüdischen Einwanderer aufzunehmen, die dorthin strömen werden. Dazu kommt, daß in Palästina der Krieg die Ergebnisse jahrzehntelanger Arbeit der jüdischen Kolonien außerordentlich geschädigt, vielfach ganz zerstört hat. Die Arbeit muß rasch aufgenommen und energisch durchgeführt werden. Kein Aufschub ist möglich. Große Massen im Osten sind verelendet und ihrer Heimat beraubt und warten sehnsüchtig auf den Augenblick, in dem sie sich in Palästina niederlassen können. Jeder Jude muß wissen, daß das Schicksal der neuen jüdischen Siedlung in Palästina auch für ihn von Bedeutung werden wird. Das Urteil der Welt über die jüdischen Leistungen im jüdischen Lande wird entscheidend sein auch für die Beurteilung der Juden in allen anderen Ländern. Die Mittel, die für die Vorbereitungsarbeiten erforderlich sind, sind außerordentlich große. Sie betragen nach sorgfältiger Schätzung für das erste Jahr 30 Millionen Mark. Die deutschen Juden müs'sen Wert darauf legen, an diesem Werke der Gesamtjudenheit beteiligt zu sein. Der Aufbau des jüdischen Palästina ist keineswegs nur Sache der zionistischen Partei; wie es denn auch keine Partei im positiven Judentum gibt, die den Palästina-Aufbauplänen ablehnend gegenüberstünde. Jeder Jude, gleichviel welcher Richtung und Stellung, hat die Pflicht an dem Werke mitzuarbeiten. Naturgemäß sind große Geldmittel eines der Haupterfordernisse. Wir bitten deshalb unsere jüdischen Mitbürger durch Geldspenden an der großen Aufgabe mitzuwirken. Durch freiwillige Hilfskräfte werden wir Ihnen eine Zeichnungsliste vorlegen lassen und bitten Sie, Ihren Beitrag in dieselbe einzutragen. Spenden werden im „Jüdischen Echo“ ausgewiesen. Deutsches Komitee für den Palästina-Aufbaufonds Ortsausschuß München. Dr. Julius Adler, Julius Basch, Professor Arthur Cohen, Dr. Alexand. Eliasberg, Dr. Sigbert Feuchtwanger, Justizrat Dr. Emil Fränkel, Privatdozent Dr. Adolf Fränkel, Rechtsanwalt Alfred Perlmutter, Dr. Benno Perlmutter, Jacob Reich, Amtsrichter Dr. Schäler, Dr. Julius Siegel, Dr. Elias Straus, Dr. Berthold Weiß, Arnold Zweig. OOO Der Aufbau Palästinas. Während der Kriegsjahre ist die Judenfrage mit schnellerem Tempo als bisher ihrer Lösung näher gekommen. Die Erledigung dieser für uns so wichtigen Frage wurde nicht zum geringsten Teile dadurch beschleunigt, daß es uns in langer mühevoller Arbeit gelungen ist, vor dem Rate der Völker selbst Gehör zu finden. Diese Tatsache und der Umstand, daß unsere jahrhundertealte Sehnsucht in Erfüllung gehen wird, verpflichtet uns zu einer letzten großen Kraftanstrengung. Die Ergebnisse unserer praktischen Palästinaarbeit geben uns die Zuversicht, daß die großen Möglichkeiten, die der mit Sicherheit erwartete öffentlich-rechtliche Rahmen unserer zukünftigen Arbeit erstehen läßt, vom jüdischen Volke in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Denn darüber müssen wir uns Rechenschaft geben. Was wir von den Völkern erwarten, ist nicht ein uns in den Schoß gelegtes Palästina, ist nicht das Recht, die Früchte unseres bisherigen Schaffens zu genießen; was wir erwarten, sind lediglich Möglichkeiten, Befugnisse, durch Anstrengungen bisher nicht gekannter Art Palästina in unserem Geiste zu gestalten, es zur Heimstätte des jüdischen Volkes aufzubauen, Möglichkeiten, die den Arbeitszwang für das jüdische Volk in sich tragen und die in nichts zerfließen, wenn das jüdische Volk das von der Gemeinschaft der Kulturvölker in es gesetzte Vertrauen auf seine Kraft und auf seinen Willen enttäuschen würde. Dazu ist die Mitarbeit des ganzen Volkes notwendig; und man darf darauf vertrauen, daß das Volk in seiner Gesamtheit der großen Zukunftsaufgabe sich nicht versagen und vom Schwünge der bisher tätigen Elemente mit fortgerissen wird, sobald der viele Jahrhunderte vergebens herbeigesehnte Ruf an das Volk ergeht.