Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 41 (8.10.1919)
- Date
- 1919-10-08
- Page
- Seite 489 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 Das Jüdische Echo 4 89 völlige Mangel an solchen für den Religionslehrer. Dies soll nun in Zukunft anders werden. Die vom Ministerium für soziale Fürsorge schon ausgearbeiteten Gesetze und Verordnungen sowie die sicher noch erscheinenden, werden auch für den jüdischen Religionslehrer eine Einreihungsmöglichkeit bieten. Darüber berichtete Ehrenreich -Forchheim in seinem Referate: Zur Gewerkschaftsfrage. Die Verhandlungen zwischen Gemeinde und Religionslehrer werden in Zukunft nicht mehr den Charakter des Bittstellers auf Lehrerseite, den des Gewährens oder Versagens aber auf Gemeindeseite tragen dürfen, sondern sie werden als ein Unternehmen koordinierter Teile erscheinen. Die Organisation der Gemeinden, die nicht ausbleiben kann und darf, wird hiebei sich als große Wohltäterin erweisen. Zu diesen theoretischen Ausführungen gab Oppenheimer -Laudenbach die Winke zur praktischen Durchführung. Er behandelte ferner die Frage der zukünftigen Lehrerausbildung zur Erfüllung neu erstehender Aufgaben. U h 1 f e 1 d e r -Wilhermsdorf referierte über das Volkschullehrergesetz und seine Auswirkung auf die jüdischen Lehrer — über jenes Gesetz, dem so viele Hoffnungen entgegengebracht wurden und das nun als erstes Gesetzeswerk seit der Emanzipation einen Ausschluß von Juden festlegt. Freilich wird die Reichsschulgesetzgebung erst das entscheidende Wort über die jüdischen Lehrer sprechen. Bis dahin bleibt die Tätigkeit des jüdischen Lehrers in Bayern einzig und allein auf die jüdische Konfessionsschule, die leider auf dem Aussterbeetat steht, beschränkt. Diese drei Referate boten eine Fülle von Stoff zuro Gedankenaustausch während der Tagung; sie gaben auch Anregung zur persönlichen stillen Verarbeitung für Mußestunden in der Häuslichkeit. Die drei Referate ließen auch die Notwendigkeit erkennen, daß der Vereinsverwaltung für die nächste Zeit eine schwere Arbeitsbürde erwächst. Diese den Schultern allein aufzuwälzen, die seither alle Lasten tragen, wäre ein, selbst der größten Opferwilligkeit gegenüber nicht zu rechtfertigendes Vorgehen gewesen. Daher wurde der Verwaltungskörper durch einen zweiten Vorstand und einen zweiten Schriftführer erweitert. Die Wahl fiel für das erste Amt auf Ehrenreich - Forchheim, für das zweite auf U h 1 f e 1 d e r -Wilhermsdorf. Sodann glaubte der seitherige Vorstand des Vereins, Schuldirektor Mandelbaum-Würzburg, der 26 Jahre hindurch dem Vereine gedient hatte, nunmehr ein Anrecht auf Abgabe sines Amtes erworben zu haben. In Erkenntnis der großen Opfer, die diese 26 dem Vereine gewidmeten Jahre erfordert haben mögen, ernannte die Versammlung in spontaner Kundgebung Herrn Mandelbaum zum Ehrenmitglied der Verwaltung. Ein lauterer, selbstloser Charakter, ein ehrenhafter Mann vom Scheitel bis zur Sohle, beseelt vom besten Wollen, möge Herr Mandelbaum auch fernerhin seine langjährige Erfahrung dem Vereine nutzbar machen. Aus Altersrücksichten legte auch der Kassier, Frank -Würzburg, sein mit äußerster Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit geführtes Kassieramt nieder. Dieses wurde nunmehr Kollegen H e 11 m a n n - Würzburg übertragen. Zum künftigen 1. Vorsitzenden wurde der langjährige Schriftführer Dingfelder -München gewählt. Der unter der Lehrerschaft Deutschlands wohlbekannte Name gibt Gewähr, daß auch für die Zukunft das Steuer des Vereins den besten Händen anvertraut ist. Erster Schriftführer des Vereins ist nunmehr Dr. Klugmann -München. Zu den altbewährten Mitgliedern der Verwaltung traten zwei Junglehrer. Nach zwei Tagen angestrengter Arbeit trennte man sich mit der befestigten Erkenntnis: Entweder bringt die neue Gesetzgebung den Zermürbungsprozeß zum Stillstand, der die israelitischen Religionslehrer dem wirtschaftlichen Zusammenbruche schon bedenklich nahe gebracht hat oder es werden Konsequenzen eintreten, die letzten Endes der bayerischen Judenheit zum bitteren Schaden gereichen werden. Noch hat einzig und allein des Lehrerstandes hoher Idealismus einen starken Damm gebildet. Es wurden aber auch schon starke Dämme weggespült. Die Versammlung zu Würzburg am 1. und 2. September 1919 bedeutet einen Wendepunkt in der Geschichte des israelitischen Lehrerstandes in Bayern. Uhlfelder-Wilhermsdorf. Morgenthau. Botschafter Henry Morgenthau ist heute die bekannteste Persönlichkeit im östlichen Judentume. Mit speziellen Vollmachten ausgerüstet kam er nach Polen, um die Wahrheit zu ergründen und sie der Welt mitzuteilen, um die vielen Fehler auszubessern oder sie zu beseitigen. Nun ist er nach seiner zweimonatlichen „Studienreise“ mit der Untersuchung der Judenfrage in Polen zu Ende und konstatiert dort wohl eine starke antisemitische Bewegung, doch hätten „die von den Zeitungen gemeldeten Grausamkeiten an der jüdischen Bevölkerung nicht in dem berichteten Umfang und nicht in so rascher Folge stattgefunden“. Den ganzen ethischen Inhalt der Polen bildet heute der Haß gegen die Juden. Unter dem Einflüsse dieser bis zur Leidenschaft gesteigerten Abneigung schaffen sie Normen und Gesetze. Sie sind bereit, ihr eigenes nationales Glück diesen Haß- und Rachegefühlen zu opfern und ihr gesamtes Denken, Fühlen und’ Wollen wird von dieser zersetzenden Begierde beherrscht. Der einzige Wunsch, den die Juden Polens jetzt hegen, ist Ruhe und Ordnung, um ihr eigenes Leben leben und als gleichberechtigte Bürger am Wiederaufbau Polens mithelfen zu können. Morgenthau, der Friedensfühler, sollte zu diesem natürlichen Monopol, das jedem Bürger zusteht, verhelfen, die weiteren Beziehungen würden die Juden dürch ihre positive und ersprießliche Arbeit selbst auszubauen bestrebt sein. Doch die Polen antworteten dem Diplomaten Morgenthau, sie werden demnächst auch eine Kommission zur Untersuchung der Verhältnisse zwischen der gelben und schwarzen Rasse nach Amerika entsenden und der antisemitische Redakteur Niem o j e w s k i ließ dem amerikanischen Botschafter sagen, falls er ihn zu sprechen wünsche, erwarte er ihn bei sich zuhause. Der mächtige Amerikaner ging nun zum schlichten polnischen Zeitungsschreiber, und das Resultat war kläglich. Morgenthau erläßt an die jüdische Bevölkerung in Minsk einen Aufruf, in welchem er sie auffordert, beim Einmärsche der polnischen Truppen sich ruhig zu verhalten und den.. Bolschewiken(?) keine Hilfe zu leisten, da nur durch „gegenseitige freundliche Beziehungen die unangenehmen Geschehnisse verhütet werden können.“ Dieser Aufruf ist der schlagende Beweis, wie fruchtbringend die polnische „Aufklärungsarbeit“ war und wie sehr ihr Morgenthau unterlegen ist. Aus dem