Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 39 (24.9.1919)
- Date
- 1919-09-24
- Page
- Seite 467 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 467 Warum sollte aber der Jude nicht gleichen Anteil nehmen an allen Bewegungen und in allen Steilen, wenn ihn keine prinzipielle Verschiedenheit vom Volk seiner Gemeinschaft trennt? Auch der Zentralverein ist heute gezwungen, Stellung zu nehmen; die Gleichheitstheorie hielt stand, so lange sie nicht in der Praxis ihre letzte Durchführung erfuhr. Jetzt ist sie geprüft — und durchlöchert. Denn bloß aus Furcht hat der Zentralverein. jetzt, wo sein kühnster Wunsch, jüdische Ministerpräsidenten und selbst Diktatoren, erfüllt ist, sicher nicht den Rückzug vom alten — und so bequemen — Prinzip angetreten. Wenn Juden die Stellen, die sie bekleiden, ebenso oder besser ausfüllen, wie ein Anderer und wenn die Stellen doch nun einmal ausgefüllt sein wollen und müssen, liegt gar kein Grund vor, warum sie sich zurückhalten sollten im Interesse dieser Sache. Oder glaubt der Zentralverein etwa, wenn es keine jüdischen Führer gäbe, dann gäbe es auch die ganze Bewegung nicht — was bisher nur radikalste Antisemiten glauben —? Ja, dann müßte er notwendig eine gemeinsame Geistigkeit, eine Besonderheit nur dieser jüdischen Führer annehmen; und jüdische Besonderheiten sollen doch gerade geleugnet werden; es gibt ja — nach Zentralvereins-Katechismus — nichts tiefer Geistiges, das die Juden nicht im großen und ganzen mit den Völkern ihrer Umgebung gemeinsam haben. Die revolutionäre Bewegung — das müssen sie also zugeben, wie es jeder vernünftige Mensch zugibt — war da. sie war nicht zu unterdrücken und sie brauchte Führer. Warum also keine jüdischen Führer? Doch deshalb, weil s i e eben hier nicht den gleichen Dienst tun. den Posten nicht ebenso ausfüllen, wie andere Führer es tun. Und warum füllen sie den Posten nicht ebenso aus? Weil es eben geistige Verschiedenheiten gibt. Ich glaube, man kann diesem Schluß nicht entrinnen. Nun aber ergibt sich für uns die große Frage: wo die Grenze liegt zwischen jenen Führerstellen, von denen Juden im allgemeinen Interesse zurücktreten sollen, und jenen, wo sie fraglos zum allgemeinen Nutzen arbeiten können. Es dürfte die Antwort zu finden sein aus dem oben dargestellten Gedankengang: Wo es sich um die Frage des Blutes handelt, wie neulich ein sozialistischer Führer schrieb, dort sollen sie schweigen. Wo es sich um selbständig leitende Stellen handelt, wo ein praktisch unbegrenztes Arbeitsfeld liegt, wo Empfinden, organisches aus sich heraus Schaffen alles ist, wo sie keinen andern fragen brauchen, wo alles ihrem Willen untertan ist, da sollen sie sich zurück halten. — Den Gegensatz zu diesen leitenden Stellen bilden die Ausführenden. Hier kommen die tiefsten verborgenen geistigen Verschiedenheiten nicht zur störenden IWirkung, denn es sind Ziel und Mittel schon gegeben, die Ausführenden brauchen sie nur anwenden. Der kaufmännische Chef im Verhältnis zu seinen Angestellten. der Rechtsanwalt in Auslegung des Gesetzes, der Richter in seiner Anwendung ist auf einen bestimmten Weg verwiesen. Es dreht sich hier nur um Durchführung eines gegebenen Programms, d. h. um Verständnis für das Programm einerseits und das darnach zu behandelnde Objekt andererseits. Diese Eignung wird niemand dem Juden absprechen können; alle geistigen Qualitäten, besonders seine angeborene Gabe des Hineinfühlens in den Anderen befähigen ihn zu diesen Stellen. Daß ein Jude den deutschen Bauer, den deutschen Arbeiter nicht versteht. davon kann keine Rede sein; und daß er keinen Anteil an ihm nimmt, wird kaum einer sagen, der den jüdischen Prinzipal, die jüdische Hausfrau, den jüdischen Vorgesetzten kennt. Die hier gegebene Formulierung ist nicht scharf und prägnant, aber das soziale und politische Leben ist viel zu veränderlich um feste Schablone zu vertragen. Und doch gerade in diesem dauerndem Wechsel erscheint hier und da und dort ein immer und immer Wiederkehrendes. Unsere Zeit litt an einer Verkennung alles Geistigen. Nationalität, Gemeinschaftsindividualität schienen uns längst überlebt. Der Krieg lehrte uns am deutlichsten, daß es ein Wirksames in der Tiefe gibt, das sich mit Gründen nicht beruhigen, mit schönen Worten nicht widerlegen läßt. Es gibt Verschiedenheiten, es gibt Gegensätzlichkeiten, und nur wenn wir ihnen scharf ins Auge sehen, können wir sie überwachen, daß sie nicht ausarten zu Chauvinismus, zu gegenseitigem Vernichtenwollen, zu Krieg und zu Antisemitismus. Max Ernst Lorch. Das Aufblühen der jüdisch» nationalen Bewegung in Lettland. Das Kopenhagener Zionistische Büro erhält folgenden Bericht aus Riga: Im lettländischen Volksrat wird jetzt das Gesetz über nationale Autonomie für die Minderheiten heiten behandelt. Die Kommission für nationale Angelegenheiten hat im Namen der ganzen jüdischen Demokratie ein Memorandum über die jüdischen Forderungen eingereicht, das sich auf das seinerzeit in der Ukrainischen Rada angenommene Gesetz stützt. In der Kommission für nationale Angelegenheiten beim Volksrat sind sämtliche jüdischsozialistischen und bürgerlichen Parteien vertreten. Die jüdische Bevölkerung ist sicher, daß der Volksrat ihre Forderungen erfüllen wird. Die verschiedenen jüdischen Institutionen, die während der Zeit der bolschewistischen Herrschaft geschlossen waren, haben ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. In letzter Zeit ist ein Palästina-Amt gegründet worden, dem die Aufgabe zufällt, der jüdischen Bevölkerung gründliche und ausführliche Informationen über die Ökonomische und politische Lage Palästinas zu geben und die kommende Emigration nach Palästina zu organisieren und zu regulieren. Vorerst ist das Amt mit der Registrierung der Personen beschäftigt, die nach Palästina überzusiedeln beabsichtigen. Die Anzahl der Auswanderungslustigen ist eine ziemlich große, es handelt sich zum großen Teile um Kapitalisten. Seit Ende dieses Jahres erscheint in Riga eine jüdische Tageszeitung, „Die jüdische Volksstimme“, die von Herrn Gulak redigiert wurde. Sachverständige für Palästina. Das Kopenhagener Zionistische Büro berichtet: Die Zionistische Palästina-Kommission hat den Professor der Botanik an der Londoner Universität, Patrick Geddes. als Sachverständigen für die Ausarbeitung der Pläne zum Aufbau des neuen Jerusalems und der hebräischen Universität engagiert. Professor Geddes reist demnächst nach Palästina ab. „Jewish Chronicle“ berichtet dazu, daß Professor Geddes als anerkannte Autorität auf dem Gebiet des Städtebaus gilt, worüber er auch mehrere