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Das jüdische Echo · 1919-09-24 · 39 (24.9.1919) · p. Seite 466

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
39 (24.9.1919)
Date
1919-09-24
Page
Seite 466 (sequence 6)
Language
German
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466 Das Jüdische Echo Nr. 39 Zum Problem des jüdischen Führers. Es ist nicht unsere Aufgabe hier, allgemeine Revolutionsbetrachtungen anzustellen; was uns interessiert, sind die vielen jüdischen Führer, die bisher von der Revolution hochgetragen wurden — und die die Revolution nicht nur verschlang, sondern auch gleich desavouierte. Die Revolution schüttelte sie ab, erkaltete ihnen gegenüber. Die Ziele waren doch1 sicherlich ihnen gemeinsam mit dem revolutionären Volk, die Bewegung war vorhanden, die Entwicklung nicht mehr zu verhindern. Daß einige jüdische Führer die ganze Revolution „gemacht“ haben, daß das ganze deutsche Volk unfähig war. sich gegen das Drängen einiger weniger zu schützen, so klein wird doch nur ein alldeutscher „Kenner“ vom deutschen Volk denken — und doch — die Revolution dauert heute noch fort, die jüdischen Führer sind überwunden, zum mindesten allmählich aus ihrer Stellung verdrängt. Ich meine nicht das Beseitigen durch Organe der Reaktion, ich meine das Ablehnen, das man aus der Rede des revolutionären Arbeiters, aus der sozialistischen Presse, aus der Tätigkeit der die Revolution tragenden Schichten merkt. Wir sahen es in Äußerungen Schneppenhorsts, wir lasen es neulich aus der Feder Winnigs: die Genossen der Toller und Levine suchten sich vor Gericht durch ein paar antisemitische Unflätigkeiten wenigstens noch einen Strafmilderungsgrund zu ergattern; auch in Budapest zeigte sich allmählich, daß Bela Khün die Fühlung mit den prädistiniert revolutionären Schichten verloren hatte — Pogrome sind das schauerliche Nachspiel für unschuldig Unbeteiligte. Die jüdischen Führer, von bestem Wollen erfüllt, teilweise sicherlich auch von bestem Können, setzen sich für die Sache der Masse ein. die Idee der Masse allein soll sie beseelen, sie wollen nur Organ sein des unbewußten Volkswillens (dies ist vor allem Levines innerstes und felsenfestes Vertrauen gewesen); aber sie kommen unfehlbar auseinander, trotz gleichen Zieles, trotz gleichen Willens — sie verstehen sich nicht, sie bleiben sich fremd. Wenn auch der Führer, bei all seiner geistigen Überlegenheit, diese Spaltung nicht bemerkt — und je eitler, um so schwerer kommt er zur Erkenntnis einer solch bitteren Wahrheit — das Volk im sicheren Instinkt der Masse empfindet es; es vergleicht vielleicht die Bindung zwischen Führer und Volk, die selbst unter der Monarchie noch bestanden hat —, und zieht negative Resultate. Uns Zionisten wundert das nicht; wir wußten, daß es so kommen mußte; wir wissen, daß es ein Unausgesprochenes, Unaussprechliches gibt. das allein Menschen verbinden kann im schaffenden Gebären einer politischen Idee. Massen zu begeistern. Massen sich zu verbinden, ihren ganzen Willen an dies eigene Ziel zu fesseln — dazu gehört mehr, wie das äußerliche gemeinsame Begehrungsobjekt, dazu gehört noch ein tiefstes gemeinsames Innerliches. Nicht nur was der Führer will, muß das Volk wollen; sondern wie er es will, im gleichen Geist, wie er, so muß auch die Gefolgschaft denken und handeln können. Die Frage liegt nahe und ist uns schon gelöst: Wenn doch nun einmal diese Gefahr des Fühlungverlierens, des Nichtmehrverstehens besteht, wie ist es denn möglich, daß sich Juden so zahlreich an die Spitze einer Bewegung stellen, der sie doch den Sieg wünschen? Daß in der starken Beteiligung von Juden an den auf die Auflösung der bestehenden Staatsordnungen gerichteten Bewegungen eine Quelle antisemitischer Beschuldigungen und Verallgemeinerungen liegt, ist klar. — Man pflegt den Zionisten gern vorzuwerfen, daß sie den Gegnern Wasser auf die Mühle liefern; hier liegt, glaube ich, ein Punkt, wo wir den Assimilanten und Gleichheitsaposteln entgegenhalten können, daß sie den Antisemiten gleich ganze Quellen bohren oder doch erweitern. Nur weil jene Führer eben das Trennende zwischen sich und der Masse ihrer Gläubigen nicht sahen, nur weil sie sich nicht als Juden in jüdischer Eigenart empfanden, deshalb konnten sie eine Aufgabe angreifen, die eben scheitern mußte und den Juden allgemein zum Vorwurf wurde, wo der Vorwurf nur die treffen kann, die geistigen Anteil haben. Ich brauche hier, nicht gegen diejenigen sprechen, die diese Gleichheit prinzipiell und absolut vertreten. Denn gerade der Zentralverein empfindet die starke revolutionäre Beteiligung von „Glaubensgenossen“ als ganz besonders peinlich. Tragen aber diese Kreise nicht selbst mit die Schuld daran, daß diejenigen, die heute von politischen Gegnern und Genossen als Fremde empfunden werden, sich nicht selbst als Andere, als zur Entsagung und Zurückhaltung in jenem Arbeitsfeld Verpflichtete empfanden? Ihr habt alles Gefühl für innere Differenziertheit zu ertöten mitgeholfen, I h r sagtet immer, alles ist gleich, allen gehört das Gleiche — hier seht ihr die Nutzanwendung; ihr selbst, ihr Verteidiger der inneren Unterschiedslosigkeit. habt mitgearbeitet an den Prämissen. — jetzt seht die Konsequenzen. Das können wir mit gutem Gewissen den Gegnern im jüdischen Lager entgegenhalten, daß s i e mithalfen am Werk der Verblendung, die gestern die Führer Führer werden ließ, die heute in Pogromen und Judenhetzen in Budapest ihre Beurteilung erfährt. 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