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Das jüdische Echo · 1919-09-24 · 39 (24.9.1919) · p. Seite 465

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
39 (24.9.1919)
Date
1919-09-24
Page
Seite 465 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 465 und monatelang in Verstecken, in Kellern usw. gelebt, um der Zwangsarbeit zu entgehen, die übrigens auch ein beliebtes Mittel zur Erpressung von Bestechungsgeldern war. Tatsächlich blühte unter ihr der Menschenhandel in der krassesten Form. Namenloses Elend wurde durch sie heraufbeschworen. Ganze Familien wurden zerrissen und haben sich nie wiedergefunden, viele Kinder, insbesondere junge Mädchen, sind spurlos verschwunden. Ich habe Fälle erlebt, wie diesen, wo eine Mutter ins Waser ging, deren Mann, bis er zur Zwangsarbeit verschleppt wurde, mit ihr in Wohlstand gelebt hatte, und die jetzt mit ihren Kindern in solches Elend gekommen war, daß sie sich tötete, um ihre Kinder zu Waisen zu machen und die öffentliche Wohltätigkeit zu zwingen, sich ihrer anzunehmen. Die Behandlung in der Zwangsarbeit war entsprechend dem ganzen System. Der Lohn war eigentlich nur fiktiv, bestenfalls so gering, daß er bei der miserablen Verpflegung allenfalls als ein unzulänglicher Zuschuß zu den Ernährungskosten betrachtet werden konnte. Die Baracken waren schlecht, kalt, verfallen, feucht, verschmutzt. Körperliche Mißhandlungen auch seitens der beaufsichtigenden Ofiziere waren an der Tagesordnung, schwere Geld- und Gefängnisstrafen standen auf die geringsten Vergehen usw. Die Lager waren mit Stacheldraht umzäumt, der Briefverkehr mit der Familie war sehr eingeschränkt oder ganz untersagt, die Leute blieben bis zu zwei Jahren fort, verkamen körperlich und seelisch — die Zwangsarbeit in Ober-Ost. die ich gesehen habe, ist das Schändlichste und Verruchteste, was sich denken läßt und hat dem deutschen Namen auf ewig Schande gemacht. Außerdem aber war sie so ziemlich das Unsinnigste und Dümmste, was sich der berühmte Geist der deutschen Organisation im Kriege geleistet hat. Denn natürlich war der Arbeitsertrag dieser Sklavenwirtschaft unter jeder nur denkbaren Berechnung. Diese „Arbeiter“ arbeiteten selbstverständlich nur höchst widerwillig. übten jede Art passiver Resistenz, taten alles und jedes, um nur der verhaßten Zwangsarbeit zu entgehefi. Die Zwangsarbeit wurde ursprünglich gegen alle Bewohner des besetzten Gebietes angewandt, sie entwickelte sich aber allmählich immer mehr zu einer jüdischen Angelegenheit. Schließlich bestanden die Kolonnen allein aus Juden und wurden auch nur mehr Juden eingereiht. Die Gründe liegen in der deutschen Politik im besetzten Gebiet, die die für die Gründung der „Randstaaten“ in Frage kommenden Völker einigermaßen schonte und um so rücksichtsloser glaubte, gegen das jüdische Volk Vorgehen zu dürfen, und dann natürlich in dem Antisemitismus der Deutschen im allgemeinen und der deutschen Offiziere und Beamten im besonderen. Ich habe an anderen Stellen wiederholt ausgeführt, wie verräterisch diese Elemente an ihrem Vaterlande gehandelt haben, indem sie die auch politisch gebotene Rücksichtnahme auf das jüdische Volk ihren gemeinen persönlichen Instinkten opferten. Damals habe ich geglaubt, daß diese antisemitische Befangenheit in der Politik sich auf die Kreise beschränke, denen das deutsche Volk vor und in dem Kriege ausgeliefert war. Inzwischen habe ich gelernt, daß das demokratische und sozialdemokratische Regime, das heute Deutschland beherrscht, sich auch in diesem Punkte nur wenig von seinem Vorgänger unterscheidet. Im General-Gouvernement Warschau wurde die Zwangsarbeit gegen Ende 1917 abgeschafft, aber die Erregung über ihre Furchtbarkeit zitterte noch lange in den Herzen der Bevölkerung nach. Die Betriebsleiter indessen konnten sich auch den freiwilligen Arbeitern gegenüber durchaus noch nicht freimachen von den Anschauungen und Methoden, an die sie sich unter der Zwangsarbeit gewöhnt hatten. Die Arbeitgeber waren entweder militärische Unternehmungen — die Militär-Generaldirektion der Eisenbahnen, die Militär-Eisenbahn-Direktionen, die verschiedenen Forstverwaltungen —. oder sie standen unter militärischer Kontrolle. Auf all diesen Betrieben herrschte mehr oder minder das Kriegsrecht in der korrupten Form, in der es im besetzten Gebiet und dem „Feinde“ gegenüber zur Anwendung kam. Und alle diese Betriebe waren beherrscht von dem bis ins Cäsarenwahnsinnige gesteigerten Eroberergefühl der deutschen Gewalthaber. Die Bevölkerung galt als feindlich, als bar jeden Anspruches auf Recht und menschliche Behandlung. Was ihr an solcher gewährt wurde, war Entgegenkommen, das verdient werden mußte. Prinzipiell war die Bevölkerung verpflichtet, für die Eroberer zu arbeiten. Wer das nicht tat, machte sich strafbar. Von irgendeinem Vertrag war auch bei der freiwilligen Arbeit keine Rede, und wenn er vorhanden war. galt er als ein Fetzen Papier. Die Löhne waren enorm niedrig, 1.10—1.80 M. pro Tag, bei sehr schlechter (Kriegsgefangenen-) Verpflegung. Die Behandlung war schlimmer als die der Kriegsgefangenen. Mißhandlungen waren an der Tagesordnung und eine Entlassung fand' überhaupt nicht statt. Die unglücklichen Familien dieser Arbeiter waren Monate und Jahre lang ohne jede Nachricht von ihnen, es sei denn, daß diese, was sehr oft vorkam, als Krüppel, ohne jeden Anspruch auf Rente, zurückkamen. Auf der anderen Seite aber bestand trotz allem bei der jüdischen wie bei der polnischen Bevölkerung eine sehr große Nachfrage nach Arbeit Infolge der immer furchtbarere Dimensionen annehmenden Hungersnot blieb den Arbeitern und dem proletarisierten Mittelstand nichts anderes übrig, als sich zur Arbeit zu melden, trotz der furchtbaren Mißstände, die herrschten. Das Angebot an jüdischen Arbeitskräften war immer viel größer als die Möglichkeit der Vermittlung, die Büros der Arbeiterzentrale waren dauernd mit Arbeit suchenden Juden überfüllt, die immer sehr froh waren, wenn ihnen eine Arbeit zugewiesen wurde und wenn sie nicht gezwungen waren, in das Elend der Hungesnot zurückzukehren. Besonders groß war immer das Angebot jüdischer Arbeiter für Deutschland. Gelernte jüdische Arbeiter allerdings meldeten sich bald nur mehr in geringer Zahl. Sie waren im wesentlichen bereits in Deutschland oder im besetzten Gebiete untergebracht. Um so größer war das Angebot an ungelernten Arbeitern, die massenweise kamen, um sich nach Deutschland vermitteln zu lassen. Denn wie immer auch die Verhältnisse in Deutschland lagen, so waren sie in'der Regel doch noch weit besser als im besetzten Gebiete. Vor allem war in Deutschland — wenigstens in der Meinung dieser Leute —■ eine größere Freiheit, die ihnen gestatten würde, sich irgendeinem aussichtsreichen Erwerb zu widmen, wenn sie es mit der vermittelten Stelle unglücklich treffen sollten. Gedenkt an den Feiertagen des Jüdischen Nationalfonds!:

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