Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 39 (24.9.1919)
- Date
- 1919-09-24
- Page
- Seite 464 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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464 Das Jüdische Echo Nr. 39 Die ukrainische „Judenfreundlichkeit“. Nun liegen uns authentische Berichte über die Pogrome in der Ukraine vor. Das jüdisch-nationale Sekretariat und die zionistische Organisation in der Ukraine übernehmen für die Wahrheit ihrer Berichte ihre vollste Verantwortung. Hiernach haben in der Zeit von Ende November 1918 bis zum 20. Mai 1919 in 127 Orten Pogrome und blutige Exzesse stattgefunden. Von weiteren 40 bis 50 Orten läßt sich nicht genau sagen, welchen Umfang dort die Ausschreitungen angenommen haben, da das Sekretariat mit ihnen nicht in Verbindung treten kann. Bei diesen Pogromen sind 30—^35 000 Juden ermordet worden. Eine große namentliche Liste der Ermordeten ist in den Händen des nationalen Sekretariats. Diese Ziffer ist absolut zuverlässig, sie ist eher noch zu klein . . . Die Pogromopfer betragen mindestens eine halbe Million Seelen, die Verluste der jüdischen Bevölkerung werden auf einige zehn Milliarden geschätzt! Die Grigorieff- oder die Petliura-, die Denikin- oder Machnotruppen, alle, alle ohne Unterschied raubten, plünderten und säeten den schrecklichen Tod unter die jüdische Bevölkerung. Die Ukrainer haben es bisnun verstanden, ihre Pogrome in Schweigen zu hüllen, man war bloß auf vereinzelte Nachrichten angewiesen, da doch ihre „politische Reife“ nach außen nicht mißkreditiert werden durfte! Immer wieder konnten die offiziellen Vertreter der neugegründeten ukrainischen Volksrepublik Worte des Lobes für die Juden finden, immer wieder wußten sie die jüdischen Kreise zu vertrösten, wo die Regierung die Macht habe, seien keine Pogrome vorgekommen. Inzwischen aber schlachteten sie 35 000 Juden aus, lassen mindestens eine halbe Million Seelen aushungern und fechten mit den Polen Kämpfe in den ausländischen Zeitungen in Bezug auf ihre „Judenfreundlichkeit“ aus. — Die ukrainische Staatsidee faßte ihre Wurzel nicht in Rußland, wo die zaristische Knute jede Selbständigkeit unterdrückte und die 26 Millionen Ukrainer sich nicht anders als „Kleinrussen“ nannten, sondern in Ostgalizien, wo die 3,5 Millionen Ukrainer eine entsprechende Unterstützung bei der österreichischen Zentralregierung fanden. Die politische Haltung der Ukrainer in Ostgalizien war von ihrem Geschäftsinteresse geleitet. Das ukrainisch-jüdische Bündnis bei den allgemeinen Wahlen in den österreichischen Reichsrat im Jahre 1907 hat die Ukrainer in die Öffentlichkeit gerückt und sie mußten einsehen, daß die Wahrung ihres nationalen Besitzstandes ausschließlich von einer gerechten Haltung den Juden gegenüber abhängig sei. Nach dem Zerfall Österreichs rissen sie die Macht in Ostgalizien an sich und es entbrannte der ukrainisch-polnische Krieg, in welchem die Juden ihre Neutralität so schwer bezahlten. Die Ukrainer brachten es aber mit ihrer „Politik“ dahin, daß die Polen auf Grund der Entscheidung des Obersten Rates der Alliierten vom 11. Juli 1. J. in ganz Ostgalizien ihre Zivilverwaltung einsetzten. wo sie jetzt trotz ihrer Minorität Polnische Orientierung schaffen. Sollte nämlich eine selbständige Ukraine nicht entstehen, dann geht die Forderung mehrerer alliierter Diplomaten dahin, Ostgalizien Großrußland einzuverleiben, da die ostgalizische Frage nur mit der großrussischen gemeinsam gelöst werden könne. Die vor der polnischen Besetzung bestehenden und von der Pariser Konferenz noch nicht anerkannten Grenzen der ostukrainischen (großrussisch) und westukrainischen (ostgalizisch) Republik haben wenigstens diesen Umstand gezeitigt, daß in Ostgalizien die blutigen Pogrome während der ukrainischen Herrschaft ausblieben. Die Ukrainer haben sich wenigstens hier bemüht, das Leben den Juden möglich zu machen, im Lande Ruhe und Ordnung zu schaffen, um ihre „politische Reife“ der Außenwelt zu zeigen. Doch ihre Macht war zu schwach und ihre Politik zu kurzsichtig. Organisierte Banden durchzogen das Land, raubten und plünderten jüdisches Hab und Gut und die reichgewordenen Bauern verkauften den Juden keine Lebensmittel, was 10 Prozent Sterblichkeit in Ostgalizien zur Folge hatte. Die ukrainisch-republikanische Regierung Petljuras will nun die Augen der zivilisierten Welt „öffnen“ und schlägt vor, eine spezielle Kommission aus den Vertretern des jüdischen Volkes zu bilden und sie in die Ukraine zwecks Konstatierung und Überprüfung der wirklichen Sachlage zu entsenden. Zu dieser Kommission sollen seitens des Präsidenten der ukrainischen Friedensdelegation in Paris Grafen Tyszkiewicz über Antrag des Ministers des Äußern Wladimir Tenr u y c k y j die Herren Ussischkin, Goldstein, Achad Haam und1 Dr. J o c h e 1 - mann eingeladen werden. Diese Tatsache, daß die Petljura-Regierung selbst die Initiative zur Untersuchung durch eine jüdische Kommission ergreift, ist für uns sehr erfreulich und beweist zur Genüge, wie sehr die Ukrainer mit dem jüdischen Volke heute rechnen müssen. Emes. Jüdische Zwangsarbeit unter deutscher Besatzung. Ein Kapitel Kriegsgeschichte von Julius Berger.*) Zwangsarbeit der Zivilbevölkerung war in Polen während des ersten Jahres, im Gebiete Oberost bis Ende 1918 und im Etappen- und Frontgebiet wohl bis zum Ende der Besetzung eingeführt. Die Zivilbevölkerung wurde mit Gewalt zur Arbeit in der Landwirtschaft, beim Eisenbahn-, Wege- und Hafenbau, im Waldbetrieb, aber auch zur Anlage von Schützengräben und Verschanzungen gepreßt. Ich selbst habe einen Fall beschwerdeführend behandelt. in dem es sich um eine Zahnärztin aus Pinsk handelte, der bei der erzwungenen Schanzarbeit im Schußbereich des russischen Feuers durch eine russische Granate der rechte Arm abgerissen worden war. (Die Dame konnte später nicht erlangen, daß ihr der Ersatzarm geliefert wurde, den ihr die deutsche Verwaltung zugesagt hatte, und wurde zudem noch vom militärischen Befehlshaber in Pinsk malträtiert, um von ihr einen Widerruf ihrer uns gemachten Aussagen zu erzwingen). Die Aushebung zur Zwangsarbeit erfolgte in der brutalsten Weise, nachts aus den Betten heraus, Kinos wurden umstellt und die ganze Besucherschar abgeführt Freikonzerte wurden veranstaltet und das ahnungslose Publikum zusammengetrieben und fortgebracht. Eltern wurden solange eingesperrt, bis ihre Kinder sich freiwillig aus ihren Verstecken heraus meldeten usw. Tausende junger Männer und Mädchen haben wochen- *) Julius Berger veröffentlicht in einer Broschüre „Ostjüdische Arbeiter im Kriege“ seine im Osten als Leiter der „Jüdischen Abteilung“ der deutschen Arbeiter-Zentrale gesammelten Erfahrungen, der wir diese besonders bemerkenswerten Stellen entnehmen.