Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1919-09-24 · 39 (24.9.1919) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
39 (24.9.1919)
Date
1919-09-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9072829-9102975-9140174--03049-9075869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten iiinitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiii iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiinmmi Nummer 39 München / 6. Jahrgang 24. September 1919 Lebensbedürfnis in unseren Tagen, da sich alles gegen das Judentum verschworen zu haben scheint, da die grimmigste Hetze blüht, ist für jedes jüdische Haus ein Blatt wie Das Jüdische Echo Es ist unsere beste, unsere einzige Waffe in allen inneren und äußeren Kämpfen. Das Jüdische Echo kommt dieser Aufgabe in vorbildlicher Weise nach. Es unterrichtet über alle wichtigen Angelegenheiten. es klärt auf über die Bestrebungen in unseren Reihen sowohl wie über die der Gegner. Wir bitten daher alle unsere gelegentlichen Leser, das „Jüd. Echo“ nunmehr regelmäßig zu abonnieren. Zu beziehen um M. 2.— vierteljährlich beim Verlag München. Herzog Maxstr. 4. oder direkt bei der Post. Rosch-Haschanah. Wiederum kommt der Tag heran, an dem sich die Söhne Judas in den Bethäusern versammeln um in der alten Sprache ihre Gebete dahin zu richten, wohin sie ihr Herz zieht und von woher sie die Hoffnung für ihre Zukunft schöpfen. Schwere Tage liegen hinter uns; bedrängt von allen Seiten treten wir in das neue Jahr hinein und nur wenige Lichtblicke sind es. welche uns hoffnungsvoll in die Zukunft schauen lassen. Der Haß, der uns von allen Seiten entgegenschaut, die schrecklichen Verfolgungen, welche ein großer Teil unserer Volksgenossen in Osteuropa im abgelaufenen Jahre zu erdulden hatte und unter denen sie zur Stunde noch leiden, bedrückt unser Inneres noch so gewaltig, daß wir nur schwer die innere Ruhe finden, die wir so sehr zur Sammlung benötigen. Die Hoffnungen, welche die Friedenskonferenz in uns wachgerufen, bieten uns angesichts des unsagbaren Elends, von dem unser Volk in Polen und den umgebenden Ländern heimgesucht ist, nur wenig Trost, und doch müssen wir uns ermannen, jeden Strohhalm, der uns eine schwache Stütze zum Aufstieg gewährt, zu ergreifen um der idealen und realen Wiedergeburt unseres Volkes die Wege zu ebnen. Die Friedenskonferenz hatte für die Völker Europas schwere Probleme zu lösen und wohl noch viel schwerere harren bei der weiteren Entwicklung der Verhältnisse der Entscheidung und unter diesen dürfte wohl die „jüdische Frage“ keinen so leichten Stand haben. Wohl haben sich die Hauptmächte auf eine prinzipielle Lösung betreffs Palästinas geeinigt, wohl hat die Konferenz die wichtige Frage des Schutzes der Minoritäten in den Oststaaten in bestimmter Weise festgelegt, allein alle Beschlüsse stehen vorderhand nur auf dem Papier und es bedarf der ganzen Energie der Großmächte um ihren Wünschen auch die restlose Durchführung zu sichern. So lange diese nicht erfolgt ist, sind unsere Volksgenossen noch immer „Luftmenschen“, denen jeder Hauch das Lebenslicht ausblasen kann. Angesichts dieser Sachlage müssen wir Juden Westeuropas uns fragen, was haben wir getan um dem Unglück, das unsere Brüder im Osten heimgesucht hat, vorzubeugen oder es zu mildern? Wir haben Protestversammlungen und Geldsammlungen veranstaltet, haben Geld gespendet, unsere strenggläubigen Volksgenossen haben durch Sühnegebete und Fasten Hilfe gesucht; viele von denen aber, die protestierten, spendeten, beteten, fasteten, haben zu gleicher Zeit über die minderwertigen Ostjuden harte Worte gesprochen. Wir haben das wichtige: „Kol Israel Arevim se lose“ stets außer Acht gelassen und zu Zeiten, wo wir die Macht hatten, das rechtzeitige Eingreifen unterlassen. Jetzt ist es zu spät, aber zu Zeiten wo unsere Großen in Israel an den Höfen Einfluß hatten, da hätte man durch Energie manches leisten können. Wenn man durch große Stiftungen bei Potentaten Ehren und Titel einheimste, hätte man in erster Reihe Fürbitte für unterdrückte Volksgenossen tun sollen und damals wäre noch Zeit gewesen, den Boden zu bearbeiten, auf dem später so böse Saat aufgehen sollte. Doch darüber zu rechten ist heute zu spät, aber nicht zu spät ist es. am Rosch-Haschanah Einkehr zu halten und zu versuchen, soweit als möglich das Versäumte gut zu machen. Kann man es den Polen oder Rumänen übel nehmen, wenn sie die Juden als Fremde behandeln und ihnen Bürgerrechte entziehen, wenn jüdische Gemeinden ihren ostjüdischen Brüdern in den Gemeinden die einfachsten bürgerlichen Rechte vorenthalten? In wenigen Tagen hören wir in den Gotteshäusern von unsern Predigern die schönsten Worte über unsere „Einheit“, wir lauschen den Vorbetern, wie sie die herrlichsten Gebete, die unsere „Gemeinsamkeit“ betonen, in trefflicher Weise rezitieren — und am Heimweg vom Gotteshause werden schon wieder Pläne geschmiedet, wie man im neuen Gemeindestatut die alte Ausschließung wieder festlegt. Möchte doch dieser Geist aus unseren Reihen verschwinden; möge der Geist der Einigkeit im Judentum sich durchringen, möchte unser Tun nach Rosch-Haschanah unserem Gebete entsprechen! J. Fr.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.