Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 37 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 444 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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444 Das Jüdische Echo Nr. 37 Feuilleton Drei Köpfchen.*) Von Schalom Alechem. I. Wäre die Feder des Schriftstellers der Pinsel eines Malers oder wenigstens ein photographischer Apparat, dann würde ich Ihnen, lieber Freund, eine kostbare Gruppe als Geschenk darbringen: drei anmutige, wunderhübsche, schwarze Köpfchen, mit gelocktem Haar und hellen, leuchtenden Äuglein. Alle drei schauen verwundert darein, als möchten sie die Welt fragen: „Warum?“ Und Sie sehen die Kinderköpfchen an. staunen über sie und fühlen sich ihnen gegenüber schuldig, als wären Sie wirklich daran schuld, daß diese Wesen geboren wurden — noch drei überflüssige Seelchen mehr in der Welt. Die drei lieblichen Köpfchen gehören Abramtschik, Mosejtschik und Dworka — zwei Brüdern und ihrem kleinen Schwesterchen. „Abramtschik“. „Mosejtschik“ — diese Namen mit den russischen Endungen gab ihnen der Vater, der Buchbinder Pejsa. Hätte er nicht Angst vor seiner Frau, und wäre er nicht so bettelarm, dann hätte er auch seinen Namen geändert und wäre aus „Pejsa“ ein „Petja“ oder „Peter“ geworden. Vorläufig muß er sich jedoch mit „Pejsa“ begnügen, bis jene glücklicheren Zeiten kommen werden, von denen Bebel, Karl Marx und alle guten, klugen Menschen sprechen. — Dann, ach! dann wird alles anders werden! ... In der Erwartung dieser Zeiten muß Pejsa vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein in seiner Werkstatt stehen, Pappe schneiden und Schachteln kleben... So steht er also den ganzen Tag, schneidet und schneidet, klebt und klebt und singt dabei alte und neue, jüdische und nichtjüdische Liedchen, am häufigsten fröhlich-wehmütige mit einem fröhlich-wehmütigen Refrain. „Möchtest du nicht endlich aufhören, deine russischen Lieder zu singen!“ pflegt seine Frau oft zu ihm zu sagen. „Du scheinst ja ganz vernarrt zu sein in die Russen oder was sonst? Seitdem wir in die große Stadt gezogen sind, bist du ganz christlich geworden.“ II. Alle drei — Abramtschik, Mosejtschik und Dworka — sind' an derselben Stelle, zwischen der Wand und dem Ofen, geboren und groß geworden. Alle drei sehen immer ein und dasselbe: den lustigen Vater, der Pappe schneidet, Schachteln klebt und Lieder singt, und die sorgenvolle, ausgedorrte Mutter, die kocht, backt, fegt und putzt und mit ihrer Arbeit nie fertig wird. Alle beide sind immer bei der Arbeit, die Mutter beim Herd, der Vater bei den Schachteln. Wer braucht die Schachteln? Wozu werden so viele gemacht? Die ganze Welt scheint von Schachteln voll zu sein! ... So denken die lieblichen Köpfchen und warten ungeduldig, bis der Vater viele, viele Schachteln fertiggestellt hat. Dann bindet er sie zusammen, bringt sie auf den Markt und kommt ohne Schachteln zurück, aber dafür mit Geld für die Mutter und mit Semmeln, Kringeln und Süßigkeiten für sie, die Kinder.. / Einen Vater haben sie, der ist gut, ach, wie gut, wie Gold! Die Mutter ist auch gut, aber aufgeregt: manchmal schlägt sie oder stößt *) Aus des Verfassers neuestem Novellenbuch „Die erste jüdische Republik“, Oesterheld & Co. Verlag, Berlin. oder zieht am Ohr. Sie verträgt keine Unordnung im Zimmer, wünscht nicht, daß die Kinder „Papa und Mama“ spielen, daß Abramtschik die Papprester zerschnipple, daß Mosejtschik dem Vater den Kleister fortschleppe. daß Dworka Brot aus Sand und Wasser backe... Sie will, daß die Kinder still und’ andächtig sitzen. Die Mutter scheint nicht zu wissen, daß die Kinderköpfchen arbeiten, daß die jungen Seelen hinausstreben, hinaus, hinaus — wohin? Nach draußen! Zum Licht! Zum Fenster! Zum Fenster! III. Ein einziges kleines Fenster haben sie. Alle drei Köpfchen drängen sich an das Fenster. Was gibts denn dort zu sehen? Eine Mauer, eine hohe, lange, graue, feuchte Mauer. Sie ist immer feucht, selbst im Sommer!... Schaut die Sonne wohl herein? — Manchmal zeigt sie sich, wenn auch nicht die Sonne, so doch ihr Licht. Dann ist es Feiertag für die Kinder. Alle drei Köpfchen recken sich und sehen einen schmalen, langen, blauen Streifen, ein langes, blaues Band. „Seht ihr, Kinder? Dort ist der Himmel!“ Das sagt der älteste, Abramtschik. Abramtschik weiß es. Abramtschik besucht die Religionsschule. Abramtschik kennt schon das Alphabet. Die Schule befindet sich im Nachbarhaus, im zweiten Stockwerk. Ach! Was für wunderbare Erzählungen bringt Abramtschik aus der Schule mit! Abramtschik erzählt, daß er mit eigenen Augen ein großes steinernes Haus mit lauter Fenstern von oben bis unten gesehen habe. Abramtschik HUie distyet im HJeitfrieg nimmt die Ittämfynet fugend aurff defra HJicÖccßuf&au ftneöen^ ffyce ausgeprägte Stellung unter den deuffrffen illufkierten ^dtf^riften ein, Gie iß norff toie öor die ßie&lmgökftüre täte* Jefleri/ der ernß und öorurteiisios den 3eit* geiß öerfoigt Gejugspreis öfertelJäf>rÜ4 Wf. 10.— (Uurfjfjanöd oder poß) ilnmitfeidar üom Gering in ftoflen tterparft mit portO/ in Gentßtyand fllf. 12.50 im Ausland ittf. 13.— Prodedände 4 Hummern enthaltend Ült. f.fo äinjelne Hummern HTf. l.— Oedng flet ,flugett6' illumJjen, £eßingßt. 1