Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 37 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 440 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102975-9140171--03024-9075844- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
440 Das Jüdische Echo Nr. 37 haftet zweifellos etwas Okkupatorisches an, was den übrigen Menschen leicht in die Stimmung versetzt, sich verdängt zu fühlen. Egern erscheint da wie ein jüdisches Seebad, das Deandl wie die jüdische Nationaltracht. Freilich, die Mehrzahl der Juden ist nicht so geschmacklos wie jene, die Mehrzahl der Juden hat keine Kriegsgewinne gemacht, aber die Minderzahl, die geschmacklos ist und mit Kriegsgewinnen protzt, verführt zu dem Schluß, daß alle Juden so seien. Dies ist nun einmal die Arithmetik, die die Menschen seit je bei der Beurteilung jüdischer Fragen angewendet haben. Sie ist falsch, aber Ihr Juden müßt nun einmal damit rechnen, daß die anderen so falsch rechnen. Das politische Gegenstück zu der falschen Arithmetik ist die P r o z e n t n o r m. Ich bin dagegen, daß man sie einführt? aber vielleicht solltet Ihr Juden untereinander überlegen, ob Ihr Euch nicht stillschweigend oder durch Verabredung untereinander eine freiwillige Prozentnorm für den Besuch gewisser Kurorte und den Gebrauch sonstiger öffentlicher Einrichtungen auferlegen solltet. Aber ob diese oder jene Maßnahmen, jedenfalls tut eins bitter Not: taktvolles Benehmen und das bedeutet für Ihr Volk nationale Disziplin. Die Erziehung hierzu scheint mir eine der wichtigsten Aufgaben Ihrer Politik, wofern es deren Aufgabe ist. Euch Juden, die Ihr nun einmal unter den andern Völkern zu leben gezwungen seid, ein erträgliches Dasein zu sichern. Doch es ist nicht meines Amts. Ihnen Ratschläge zu erteilen. Ich fühlte nur das Bedürfnis, auf das Problem hinzuweisen. Versuchen Sie die Lösung. Hochachtungsvoll Ernst Mittler. Wir legen zunächst Wert darauf zu betonen, daß wir schon bisher nicht blind an dem Deandlproblem vorbeigegangen sind, wenn wir auch nachdrücklichst dagegen protestieren, daß es sich dabei geographisch oder kulturell um ein spezifisches Problem der bayerischen Juden handle. — (Aus Westerland, Baden-Baden, Ischl usw. hört man ähnliche Dinge.) Der Unterfertigte bekennt offen, daß er selbst vor kurzem mit Beschämung und Widerwillen das Treiben am Tegernsee — es waren allerdings beileibe nicht nur Juden daran beteiligt — beobachtet hat und daraufhin den Beschluß faßte, einige kräftige Worte im „Echo“ dazu zu sagen. Dies hat nun Herr Mittler in vorstehendem Brief wirksamer und eindringlicher besorgt. Wen von uns es angebt, der kann aus dem Brief ersehen, wie sein Treiben auf anständige, aufrichtige Christen wirkt, und er kann sich dann auch berechnen, wie es auf die leider viel größere Masse der unaufrichtigen, in Vorurteilen befangenen, übelwollenden Beobachter wirkt. Wir Juden kommen nun einmal nicht darum herum, in unserem Alltagsbenehmen der Problematik unserer gesellschaftlichen Stellung Rechnung zu tragen. Anstand, Takt, bescheidenes Auftreten ist in einem sozialen Gemeinwesen jedermanns Pflicht, unsere aber ganz besonders. Damit will ich beileibe nicht Leisetreterei, ängstliches, ghettoartiges Ducken empfehlen, sondern nur das Gegenteil davon verpönen: die Lauttreterei, das Protzentum. Die Gebote des Taktes und des Geschmacks sind für uns Juden höhere als nur gesellschaftliche und ästhetische Pflichten, sie sind nationale Pflichten. Denn jede einzelne Gebotsverletzung eines Juden wird verallgemeinert, das Volk büßt, was der Einzelne verschuldet. Jeder jüdische Schädling ist Verräter seiner Gemeinschaft. In einer Periode der Ausweisungen und Aufenthaltsverbote sollte jeder dies doppelt beherzigen. Eine Verordnung der bayerischen Ministerien des Innern und der Landwirtschaft vom 6. Sept. 1919 (St.A. Nr. 220) spricht scharfe Worte über die Hamsterei, anstößige Kleidung und das anmaßende Benehmen „eines großen Teils der Fremden auf dem Land. Die Schuld hieran tragen vor allem gewisse Kreise, die es während des Krieges und des Umsturzes verstanden haben, auf Kosten ihrer Volksgenossen reich zu werden“. Wienn in amtlichen Auslassungen in letzter Zeit so häufig Wendungen wie „gewisse Kreise“, „landfremde Elemente“ wiederkehren, so müssen wir uns bewußt sein, wen die Verfasser damit meinen, jedenfalls wen übelwollende Leser darunter verstehen — so gewiß es auch ist, daß die verpönten Ausschreitungen in der Hauptsache nicht den Juden, sondern anderen Menschen zur Last fallen. Soviel zur „Deandlfrage“. was unsere Beziehungen nach außen anlangt. Es gibt aber auch ein i n n e r j ü d i s c h e s „D e a n d 1 p r o b l e m“ — auch dies wahrhaftig kein bayerisches Privileg —, das uns sogar die größere Sorge macht. Dieses Protzentum, diese Genußgier, diese Sucht, überall dabei zu sein, jede Mode mitzumachen, überhaupt der Materialismus, der nichts kennt als Geld und Genuß und beides in der widerlichsten Kombination; den Genuß, das erraffte Geld öffentlich zur Schau zu tragen — all dies ist eine üble Zeitkrankheit, von der Juden und Nichtiuden betroffen sind. Aber es ist besonders schmerzlich, das Umsichgreifen dieser inneren Haltlosigkeit und Inhaltlosigkeit, diesen Mangel an geistigen und sittlichen Idealen bei den Juden beobachten zu müssen. Das sind die widerlichsten Formen der Assimilation und Entjudung und sie sind besonders tragisch, weil jene materialistischen Laster dann noch uns als spezifisch jüdische Laster angekreidet werden. Der jüdischen Politik aller Richtungen erwachsen hier Forderungen: Sprecht weniger von jüdischen Rechten und mehr von jüdischen Werten! Treibt weniger Apologethik und dafür mehr jüdische Er Ziehung! Im Innern sind unsere wichtigsten Aufgaben. Haben wir d i e bewältigt, wird auch der Kampf nach außen leichter sein. Ich habe immer beobachtet, daß ein Jude, der jüdische Inhalte hat, auch in der Form seines Lebens taktvoller und anständiger ist. Ein guter Jude ist der beste, selbstbewußteste Kämpfer gegen Judenfeindschaft, mindestens ist er stärker, deren Anstürme zu bestehen: Denn er hat sein seelisches Bereich, wohin kein Haß hindringen kann. Löst das innere „Deandlproblem“, dann ist auch das äußere gelöst. Dr. S. F. Centralverein und „Ausländer". Vom Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erhalten wir folgendes Schreiben: In Nummer 31 des „Jüdischen Echo“ ist ein Aufruf des Verbandes der „Ostjuden“ abgedruckt. In diesem heißt es u. a.: „Wir müssen volle Gleichstellung in den jüdischen Gemeinden und Organisationen fordern. Daß wir in dieser Hinsicht noch viel zu überwinvden haben, beweist der Entschluß des „Central- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, die ausländischen Juden von der Teilnahme am jüdischen Kongreß in Deutschland auszu-