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Das jüdische Echo · 1919-09-05 · 36 (5.9.1919) · p. Seite 430

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
36 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
Seite 430 (sequence 10)
Language
German
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430 Das Jüdische Echo Nr. 36 literarisches Echo Aus dem S c h I e m i e I: (Welt-Verlag, Berlin NW. 7. Dorothenstraße 35). Geheimrat Fuchs und der Bayerische Hiesel. Anfang Mai hat der Geheime Justizrat Dr. Fuchs in der Ortsgruppe Karlsruhe des Zentralvereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens einen Vortrag über das Thema „Der jüdische Kongreß“ gehalten. Ausweislich des Zeitungsberichtes hat er gesagt: „Insbesondere wir deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens sind kein jüdisches Volk und wollen keins sein. Wir sind eine Religionsgemeinschaft. deren Angehörige auch einige Rasseneigentümlichkeit sich bewahrt haben, genau wie der Bayerische Hiesel sich gewisse Eigentümlichkeiten . . . bewahrt hat.“ Der bekannte Jurist dürfte die kriminalgeschichtlichen Kenntnisse seiner Zuhörerschaft überschätzt haben. Wir geben deshalb nachstehend die erforderlichen Daten: Der Bayerische Hiesel, eigentlich Matthias. Klostermeyer, geboren am 3. September 1736 in Kissing, war ein berüchtigter Wildschütz und Räuberhauptmann. Er würde am 6. September 1771 in Dillingen hingerichtet. — Der berühmte Räuberhauptmann Matthias Kneisel, der in den 90ziger Jahren in Bayern sein Wesen trieb und am 19. November 1901 von dem Schwurgericht in Augsburg zum Tode verurteilt wurde, nannte sich den zweiten Bayerischen Hiesel. Es ist nicht ganz klar ersichtlich, an welchen der beiden genannten Mordbrenner Herr Geheimrat Fuchs gedacht hat. als er den Bayerischen Hiesel als Typus für den „deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ hinstellte, ebenso, wie es nicht ersichtlich ist, wieso eigentlich überhaupt eine Verwandtschaft zwischen den ehrenwerten und biederen, im allgemeinen gutbürgerlichen Berufen nachgehenden Mitgliedern des Zentralvereins und dem Bayerischen Hiesel gefunden werden soll. Wir vermögen jedenfalls nicht diesen Passus der Rede des Herrn Geheimrat Fuchs zu erklären, gestehen aber gern, daß die Rede auch im übrigen uns unverständlich erscheint. Wir halten uns aber zur Mitteilung der oben wiedergegebenen Daten für verpflichtet, um einem vielfach aufgetretenen Irrtum entgegen zu treten. Es ist nämlich vielfach die Vermutung aufgetaucht, daß der Bayerische Hiesel der Begründer des sich in Bayern, zumal in München großer Popularität erfreuenden „Vereins gegen betrügerisches Einschenken“ sei. Hier liegt augenscheinlich eine Verwechslung vor. Begründer dieses nützlichen Vereins ist der auch sonst verdiente Syndikus des Zentralvereins, Dr. Ludwig Holländer. Neues jüdisches Spiel. In geschmackvoller Ausstattung, entworfen von Frl. Bella Rosenheim- Frankfurt und hergestellt von der Lithographischen Kunstanstalt Kornsand & Co., erscheint soeben unter dem Titel: „Jezias Mizrajim“ ein Hindernis- Würfelspiel. Freudig dürfte dieses lehrreiche Spiel in allen jüdischen Häusern begrüßt werden. Es stellt die Wanderung unseres Volkes von Ramses bis zum Sinai dar. Das Hindernis-Spiel „Jezias Mizrajim“ ist zum Preise von M. 5.50 bei allen Buchhandlnugen oder direkt bei der Esra-Bundesleitune. Frankfurt a. M.. Am Tiergarten 8, erhältlich. Feuilleton Geisterstimmen. (Eine talmudische Legende.) In einem persischen Dorfe lebte ein frommer und gerechter Mann, der Zeit seines Lebens allem Bösen fernblieb. Im Schweiße seines Angesichtes säete und erntete er sein Brot, aber der Segen ruhte nicht über seiner Arbeit. Es war am Vorabend des Neujahrsfestes, als die Sonne sich zum Untergehen neigte, da ging der Mann hin und schenkte einem Bettler ein Geldstück. Dann eilte er in das Bethaus, um sein Herz vor Gott auszuschütten. Nach dem Abendgebete ging die ganze Gemeinde nach Hause, und die Weiber mit ihren Kindern kamen ihnen entgegen, um sie zum neuen Jahre zu beglückwünschen. Aber das Weib jenes Frommen überhäufte ihn statt mit Segenswünschen mit Vorwürfen, weil er dem Bettler die Münze gegeben hatte. Der Mann suchte sie zu begütigen und sprach ihrem Herzen Trostworte zu, sie möchte doch ihren Groll ablegen. Aber gleich einem aufgeregten Meere konnte sie ihren Sturm nicht besänftigen. Da ward des braven Mannes Seele unwillig und er grollte seinem Weibe ob der Entweihung des heiligen Festtages. Er verließ sein Haus und zog hinaus auf das Feld, um sich dort niederzulegen. Er wußte aber nicht, daß der Ort, wo er lag. ein Friedhof war. Und um- Mitternacht erklang plötzlich eine Stimme an sein Ohr. Er lauschte und vernahm folgende Worte: „Fliege, o Schwester, mit unserem Troß Lausche, was birgt das Jahr in dem Schoß.“ Und ein Mädchen antwortete: „Gefesselt im Grabe liege ich hier. Doch eilst Du und1 horchest, dann kündet mans Dir!“ Die Worte verstummten und Stille erfüllte die Luft. Und der Mann hielt den Atem an und schloß die Augen aus blasser Furcht, bis der Schlaf ihn umfing. Und bevor noch die Morgenröte heraufzog. da sangen die Lüfte: „Eh’ noch des ersten Vierteils Runde Die Ernte voller ließ ersteh’n. Stürzt seine Flut des Hagels Tücke Herab, und alles wird1 vergeh’n.“ Die Sonne stieg über die Erde auf und spiegelte ihr Antlitz in dem Flusse. Da erhob sich der Mann und ging nach dem Bethause. Und es geschah, da die Tage der Saat herankamen und alles Volk den Keim in den Erdboden senkte, daß ein gewaltiger Hagel niederging und alles Gewächs hinwegfegte. Und der Mann, der erst darauf gesäet hatte, erntete reiche Frucht im Lande. — Wieder war ein Jahr um, und1 der Mann lag wiederum auf dem Orte, da er am verflossenen Neujahrsabend geruht hatte. Und um Mitternacht vernahm er wiederum die gleiche Stimme, die ihm vor Jahresfrist an das Ohr geklungen: „Fliege, o Schwester, mit unserem Troß Lausche, was birgt das Jahr in dem Schoß.“ Und wiederum antwortete das Mädchen: „Gefesselt im Grabe liege ich hier. Doch eilst Du und horchest, dann kündet mans Dir!“ Die Stimmen verhallten und alles schwieg ringsum. Der Mann schloß die Augen und schlief ein. Und noch bevor die Morgenröte heraufzog. tönte es also in den Lüften: „Was in des zweiten Vierteils Kreis Des Landmanns fleißige Hand gesäet. Wird nimmer euer Herz erfreuen. Weil Sturmesmacht es rasch verweht.“

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