Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 36 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- Seite 424 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102975-9140170--03005-9075825- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
424 Das Jüdische Echo Nr. 36 hebräisch-jüdische Synthese. Die .iidische Sprache konnte in ihrem ersten Entwicklungsstadium bei den religiösen Gebeten nicht bleiben. „Got fyn Awruhem“ konnte das jüdische Leben nicht abschließen. Diese „Heiligkeit“ in der jidischen Sprache führte zur Trennung des „beten“ vom „dawnen“. Man betete jidisch und dawente hebräisch. Aber das jüdische Leben suchte nach weiterem Inhalt, es suchte seine Vervollkommnung in der Übertragung der alten Kulturgüter. es wollte die „Erinnerung mit der Hoffnung verbinden, um daraus die Tat zu schmieden“. Die alten Erinnerungen lebten durch die iidische Sprache in uns auf, unsere tatenreiche Hoffnung wurde neu geboren. Und diese Verbindung des Hebräischen als Inbegriff unserer alten Freiheit mit dem Jidischen, als Inbegriff unseres heutigen traurigen, aber hoffnungsvollen Lebens, das ist unser jetziges Dasein, unsere komplizierte jüdische Wesensart. Der Zionismus ist unser ganzes Leben und deshalb quillt aus ihm soviel Kraft. Er nimmt in sich alles auf was jüdisch ist und hat Platz für „beten“ und „dawnen“. Diese geheiligte Form des „beten“ wird den heiligen Inhalt des. „dawnen“ bekommen. Dieses Eindringen des tiefen Inhaltes des jüdischen Lebens als Idee, als heilige, geläuterte, kristallne Reinheit des jüdischen Volkes auch in die neuzuentstehende Form unseres Lebens wird erst in Palästina naturgemäß erfolgen müssen. „Ideen gehören zum Bereich der praktischen Vernunft, sie konstituieren die praktische Vernunft, sie sind die Vernunft, die zugleich Wille ist“ (Kant). Unsere Vernunft gebietet uns in Palästina Hebräisch, das sich unbedingt im edlen Ideenringen wird durchringen müssen. Das Jidische als Galuthprodukt wird dort naturgemäß dem Hebräischen Platz machen und „ein hebräisch-jidischer“ Kulturkampf wird unterbleiben müssen. Hebräisch und jidisch sind doch keine wesensfremden Elemente, die auf sich gegenseitig losgehen, doch keine Inbegriffe zweier verschiedener Kulturen, die mit ihrer Urkraft bewaffnet, dann einen schweren Kampf werden auszukämpfen haben. Für Palästina wäre eine „große Gefahr“, wollten wir dorthin den ganzen Ghettoschmutz, die uns hier aufgedrungene sprachliche Fremdheit, in der unser jüdisches Ich verkümmert, verpflanzen. Es wäre eine ..große Gefahr“, sollte die jetzige babylonische Sprachenverwirrung herrschen, sollten die Zöglinge der verschiedenen Schulen sich nicht gegenseitig verstehen, sollte dort eine kulturelle Zersplitterung herrschen, eine Gefahr in nationaler, kultureller und politischer Hinsicht, sollte die jidische Sprache ein Fremdkörper sein. Jidisch' ist doch keine deutsche Abart, wie viele deutsch-jüdische Patrioten während des Krieges „orientieren“ wollten! Durch die Pflege der jidischen Sprache ist noch keiner dem Assimilantentum verfallen, wohl aber viele, die uns in polnischer, deutscher oder russischer Sprache hebraisieren wollen! Was wird alles angewendet, um die hebräische Sprache im Galuth zu einer lebendigen Volkssprache zu machen? Und wie verfehlt ist die Taktik des versteckten Kampfes gegen das Jidische? In jenen Ländern, in welchen Juden in kompakten Massen wohnen und sich der jidischen Sprache bedienen, ist sie nicht auszurotten und kann dort durch die hebräische nicht ersetzt werden, da sie keinesfalls die Konkurrenz mit der Landessprache aufnehmen kann und schließlich ist doch das Leben stärker, als theoretische Beschlüsse und geharnischte Aufrufe. Die Gründung von hebräisch-polnischen oder -russischen Kindergärten zeitigte den Umstand, daß wir dem Schema das Leben opfern wollten. Wir erlebten, daß man hebräisch nur in polnischer oder russischer Sprache predigte, daß man das Galuth polnisch oder russisch hebraisieren wollte und durch diese hebräisch-polnische Devise begann das Assimilantentum in uns sein Unwesen zu treiben. Man erinnere sich der Czernowitzer Sprachenkonferenz de anno 1908. Dort tobten zwei jüdische Welten, beide beseelt von der Erhaltung der Jüdischkeit. Die Jidischisten, welche jidisch zu d e r jüdischen Nationalsprache erheben wollten, für die sie ihre politische, kulturelle und gesellschaftliche Gleichberechtigung forderten, ließen sich dabei von den realen Tatsachen leiten, das Galuth. das praktische Leben sei gegen ein gesprochenes Hebräisch und das Aufgeben der angestammten Sprache zu Gunsten einer der herrschenden Nation bedeute das Aufgeben der eigenen Nationalität. Durch die Abkehr von der jidischen Sprache fallen wir im Galuth in die Arme der Fremdheit, liefern wir uns der Sprache des Hasses aus. Galuth als Selbstzweck gewertet ist nicht zu erhalten, Galuth als Hoffnung auf eine Erlösung ist zu erhalten! (Klatzkin-Probleme des modernen Judentums.) Wir müssen Galuth schon der Erneuerung wegen erhalten. Galuth ist nur eine Vorhalle.Palästinas und wird das Baumaterial liefern, das Palästina formen wird, es wird dem Galuth die besten Kräfte und Säfte entziehen. Wenn wir aus Galuthmenschen das Menschenreservoir für Palästina bilden sollen, wenn wir nun ohne Galuth kein Palästina und umgekehrt haben und ohne ein jüdisches Galuth kein jüdisches Palästina, dann müssen wir jene Werte, die das Galuth uns schafft, erhalten, heben und stärken. Falsch wäre nun, das Galuth mit all seiner Geistigkeit zu bekämpfen, die jidische Sprache als Galuthprodukt hat ihren unverkennbaren Wert, sie steht und fällt mit dem Galuth. Sie wird nur in Palästina durch die hebräische ersetzt werden, nie durch eine andere, was 'dem Verschwinden der Jüdischkeit gleichkäme. Ist nun das Galuth die Erhaltung einer ..nationalen Abnormität“. so müssen wir auch diese national abnorme Sprache, diesen „permanenten Kriegszustand“ erhalten, so ist die Bekämpfung der jidischen Sprache eine Schwächung des nationalen Besitzstandes, eine Verminderung der jüdischen Werte, eine morsche und kranke palästinensische Vorhalle! Sprachschwierigkeiten den bedrängten Auswanderern, von denen viele nach Palästina vielleicht „flüchten“ müssen, in den Weg legen, heißt Verkennung der Tatsachen unseres tristen Lebens. Wollen wir mit der Wirklichkeit rechnen oder dem Schema unser Leben opfern? Dr. Israel Taubes. Georg Hermanns Bekenntnis. Von Jakob Koppel. Man sollte von einem erfolgreichen Dichter nicht verlangen, daß er auch ein guter, klarer Politiker sein müsse. Indem ich Hermanns Bekenntnis in Nummer 19/20 der „Neuen jüdischen Monatshefte“ zu lesen beginne, denke ich an seinen lyrischen Roman Jettchen Gebert, erwarte den klaren Ausdruck eines tiefen Erlebnisses — und bin bitter enttäuscht. Georg Hermann bezeichnet seine Empfindungen als die typisch deutsch-jüdischen, deutlicher: als die des deutsch-jüdischen Assimilanten. Und die sind jetzt nichts weniger als klar.