Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 36 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten miiiiiiiiiiiiiiiiiNiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiimimmimiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimmiiiiiiiiiiiiiiiiimiumiiiii uiumiiiiiiimiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiimmiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiniiiiiiiiiiniiMiii Nummer 36 Mfinchen / 6. Jahrgang 5. September 1919 Zur „Hebraisierung des Galuth“. Das Education-Departement des Londoner Zionistischen Zentralbureaus ist sich der großen Gefahr einer Verschleppung fremder Sprachen nach Palästina bewußt und verlangt die Hebraisierung des jüdischen Lebens in der Diaspora. Wir sollen hier die hebräische Sprache zu einer Volkssprache ausbilden, um mit ihr dann nach Erez Israel kommen zu können. Dieser prominenten Kulturarbeit soll die politische und nationale Bedeutung nicht abgesprochen werden. Der Aufruf spricht klar und deutlich. Nur hebräisch Sprechende sollen den palästinensischen Boden betreten und es wird darauf aufmerksam gemacht. ..eine wie gefährliche Sache es in den Händen unserer Gegner sein wird, wenn die Emigranten massenweise kommen und sofort an der Entwicklung des neuen Lebens sich beteiligen wollen, bevor sie des Hebräischen mächtig sind.“ Der Educationsaufruf verlangt nun eine direkte Auslese des Menschenmaterials in Bezug auf hebräische Sprachenkenntnisse. Eine neue Schwierigkeit für unsere Einwanderer, mit der in diesem Maße nicht gerechnet wurde. So weit dachte auch Achad Haam nicht! Er sogar wollte zuerst eine bodenständige und materiell gesicherte jüdische Bevölkerung haben, die dann eine jüdische Kultur ausbilden, durch Ausstrahlung, die das Diasporajudentum kulturell beeinflußt, einheitlicher und gefestigter im Galuth dastehen wird. Die jüdische Kultur müsse ein Ausfluß palästinensischer Entwicklung sein, die als Volkskultur das Galuth beleben und stärken wird. — Bei der Fülle von Referaten und Artikeln, die sich mit dem Aufbau Palästinas beschäftigen, wurde bisher die Sprachenfrage kaum berührt. Ja sogar die Hühnerzucht und die Dynamitkultur, die Dienstbotenfrage und die Glyzeringewinnung wurden einer eingehenderen Erörterung unterzogen. Die Sprachenfrage wurde vielleicht bewußt gemieden. Und vielleicht mit Recht! In Palästina soll doch die hebräische Sprache souverän sein, das sieht doch jedermann ein! Bloß vereinzelte Stimmen wurden von der anderen Seite laut, die darin gipfelten, mit der Masseneinwanderung werde naturgemäß auch die jidische Sprache nach Palästina kommen. Besteht nun wirklich für das Judentum in Palästina eine „große Gefahr“, wenn auch das jidische mitkommt? Ist wirklich das jidische eine uns fremde Sprache, die die jüdische Wesens- und Eigenart vergiftet und uns in Palästina national und politisch ins Verderben stürzen kann? Ist das jidische wirklich ein Fremdkörper und hat es uns in Fremdkultur getrieben? Das harmonische Zusammenhalten einer Gesellschaft hängt nur von der Sprache ab. Das Schreien und Ausrufen des Urmenschen genügte schon, um gegenseitige Beziehungen anzuknüpfen und der Kampf ums Dasein vervollkommnete immer mehr dieses nützliche Verständigungsmittel. Was man als Gemeingeist der Menschen oder als Volksgeist bezeichnet, das hat in der Sprache seine Wurzel. So paradox es auch klingen mag: es gibt kein Volk der Erde, das einheitlich dastünde, es gibt kein Volk der Erde, das beim Erklimmen einer gewissen Kulturhöhe die Reinheit seiner ursprünglichen Sprache behalten hätte, es gibt keinen Kulturmenschen, der seine „Muttersprache“ — im ursprünglichen Sinne des Wortes — spricht. Man denke an den Süden und Westen Deutschlands. wo eine starke Vermischung zwischen Kelten und Germanen stattfand, man denke an Spanien, wo Germanen und Romanen. Semiten und Iberier sich vermischt haben, man denke an einen Süd- und Plattdeutschen. Die sprechen miteinander nicht ihre „Muttersprache“, weil sie sich in ihr trotz gemeinsamer Wurzel kaum zurechtfinden, sie sprechen ihre Schrift und Literatur-, d. i. ihre Nationalsprache. Trotz der Wurzeleinheit sind die Dialekte als Verständigungsmittel verschieden, doch, die Schul- und Literatursprache ist dieselbe. Und wie das nationale Bewußtsein durch Erlebnisse, durch äußere und innere Kämpfe und Wandlungen und aus der überlieferten Geistigkeit entsteht. so entwickelt sich die Sürache aus der Aneinanderreihung der Ereignisse im betreffenden Volke. Die Juden sind ein krankes Volk, weil sie die Einheit der Kultur eingebüßt haben. Unsere nationalen Schätze wurden nur infolge Aufgebens der nationalen Sprache zersolittert, unser Volk wurde krank nicht infolge Verlustes des Bodens, sondern weil es in Fremdkulturen sein Ausleben suchte. Die geistige Produktivität in ihrer Gesamtheit als Kriterium der Kultur findet ihren Ausfluß in der Sprache, in der nationalen Sprache, die den nationalen Geist voller zum Bewußtsein bringt. Und wie die Nation nie etwas Fertiges, Abgeschlossenes darstellt, sondern immerfort neue Werke, neue breitere Horizonte in sich aufnimmt, so wechselt und wächst, so bereichert und erweitert sich die Sprache immer von den sittlichen und geistigen Einflüssen der beherrschenden Gemeinschaft. So mußte auch unsere hebräische Nationalsprache dem wechselreichen jüdischen Leben sich anzupassen suchen. Doch wir tragen mit uns die hebräische Sprache lebendig herum und diese Lebendigkeit äußert sich gemäß den Verhältnissen, in denen wir leben. — Unsere geistige Eigenart konnte sich in einer fremden Sprache nie entwickeln, wir griffen nach dem Eingewurzelten zurück und fanden in den hebräischen Spracheigentümlichkeiten die Befriedigung unserer Eigenart. Dieses langsame Verdrängen und Ausschalten des Fremden, das sich einzunisten drohte, das Nichtaufgehenwollen in der fremden Kultur führte zur Notwendigkeit der jidischen Volkssprache. Der hebräische Geist weht aber mächtig in dem jidisehen. die hebräische Sprache hat ihren großen Einfluß nicht nur in den religiösen Dingen, aber auch das ganze seelischsubjektive und soziale Element ist in der iidischen Sprache — hebräisch. Und1 so lebt in uns die hebräische Sprache durch die jidische und trägt zur Erhaltung der jüdischen Eigenart bei 10 Millionen Juden wesentlich bei. Unser Ge mein- und Volksgeist lebt in uns durch die