Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 35 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 Das Jüdische Echo 413 Wenn in Palästina soziale Interessen mit nationalen in unlösbaren Widerspruch treten, müssen die ersteren weichen. Das wichtigste nationale Interesse ist das an einer möglichst großen und raschen Einwanderung und wirtschaftlichen Verfestigung von Juden. Die sozialen Maßnahmen in Palästina müssen also so geartet sein, daß sie möglichst viele Juden anziehen und1 diesen Juden die wirtschaftliche Existenz in Palästina ermöglichen. Es soll keine einzige Schicht der Juden von der Einwanderung abgestoßen werden. Aus diesem Grund müssen für die zahlreichste Schicht der Einwanderungslustigen, für die unbemittelten. jungen, arbeitskräftigen Leute Bedingungen geschaffen werden, die ihnen das erste Einleben in Palästina und nach überstandener Lehr- und Probezeit den Aufstieg zu einer menschenwürdigen Existenz und zur Familiengründung gewährleisten. Andererseits dürfen auch ältere bemittelte Juden nicht dadurch praktisch von der Übersiedlung ausgeschlossen werden, daß man ihnen eine Handelstätigkeit oder eine Tätigkeit als industrielle Unternehmer mit Beschäftigung von Lohnarbeitern erschwert. Das Unternehmerkapital hat in Palästina bisher noch nicht außergewöhnliche Prdifite abgeworfen, und der Gefahr, daß in Zukunft das Kapital die Arbeiter aussaugt, kann durch gewerkschaftlichen Zusammenschluß der Arbeiter, durch ein Mitbestimmungsrecht der Gewerkschaften bei Festsetzung der Arbeitslöhne (Tarifverträge), durch Gründung einer Genossenschaftsbank zur Förderung von Arbeiter-Produktivgenossenschaften, durch Anschluß an die internationale Arbeiterschutzgesetzgebung entgegengetreten werden. Aber ein gewisser Spielraum muß dem Privatkapital bleiben. Deshalb muß z. B. das Verlangen, daß es nur selbstarbeitende, keine mit Lohnarbeitern arbeitende Landwirte in Palästina geben solle, zurückgewiesen werden, denn man schließt damit alle nicht mehr jungen oder körperlich schwachen Leute von der landwirtschaftlichen Ansiedlung in Palästina aus. Der Jude, der bis in seine Mannesjahre hinein niemals körperliche Arbeit geleistet hat. ist nicht imstande, sich noch auf schwere körperliche Arbeit unter freiem Himmel in einem anderen, den Neuling erschlaffenden Klima einzustellen. Der Typus des Pflanzers, Her diie schwere körperliche Arbeit durch Lohnarbeiter ausführen läßt und selbst nur organisatorische, verwaltende und leichte körperliche Arbeit leistet, bietet auf dem Wege über die Achusa (Pflanzergenossenschaft) für die Kategorie dieser Leute die einzige Möglichkeit, in die Landwirtschaft hineinzukommen. Es wäre durchaus verfehlt, wollte man durch Ablehnung dieses Typs großen Teilen unseres Volkes die landwirtschaftliche Ansiedlung unmöglich machen. Es wäre nicht nur ein Unrecht an diesen Juden, die Kapital, redlichen Willen und nationale Begeisterung nach Palästina mitbringen, es wäre auch ein schwerer Schaden für unsere Kolonisation. Diese würde zu einem weit langsameren Tempo gezwungen sein, wenn wir auf das Kapital und die Summe von wirtschaftlicher Erfahrung und Organisationsgabe, welche die älteren bemittelten Leute nach Palästina mitbringen, verzichten wollten. 4. Die natürliche Ungleichheit in den körperlichen und geistigen Fähigkeiten der Menschen und die daraus folgende Ungleichheit ihrer Leistungen und Bedürfnisse macht es praktisch unmöglich, alle Menschen in Bezug auf Einkommen. Vermögen, Bildung gleichzustellen. Keine soziale Neuordnung wird verhindern, daß der besser Befähigte sich mehr Kenntnisse aneignet, und daß er für seine Leistung, weil1 sie einen Seltenheitswert hat, eine größere Gegenleistung erhält als der weniger Befähigte. Es ist deshalb unmöglich, die Unterschiede von arm und reich ganz aus der Welt zu schaffen. Wohl: aber kann und soll verhindert werden, daß das vom befähigten Vater erworbene Vermögen im Erbgang auch seinen vielleicht unbefähigten Kindern Privilegien vor den befähigten Kindern armer Eltern schafft. Für iedes Neugeborene sollen die gleichen Chancen gelten. Das Kind des Armen soll durch die Fürsorge des Gemeinwesens ebenso in seiner Gesundheit und Einährung geschützt sein und ebenso alle Bildungsmittel offen haben wie das Kind des Reichen. Freie Bahn dem Tüchtigsten! Und fair play für alle! Als praktische Forderungen ergeben sich daraus neben einer starken Einschränkung des Erbrechts weitgehendste staatliche Kinderfürsorge und! unentgeltlicher Zutritt in alle Schulen und Bildungsanstalten nach Maßgabe der Befähigung. (Fortsetzung folgt.) Die Aufforstung Palästinas. Palästina war im Altertum bewaldet und' mit Fruchtbäumen bepflanzt. Von den Waldbäumen spielen die Zedern des Libanon, die Eichen von Basan und die Zypressen, von den Fruchtbäumen der Ölbaum, der Weinstock und der Feigenbaum in der Bibel eine große Rolle. Weinstock und Feigenbaum sind die Bäume des im Frieden lebenden und wohlhabenden Bauern. Der Satz: „Jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum“ bedeutet das Idealbild einer besseren Zukunft. Der beliebteste, weil der nützlichste Baum von alters her war der Ölbaum; noch heute findet man in Felsen geschlagene Ölhalter aus alter Zeit. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Palästina verwüstet und des Schmuckes seiner Bäume beraubt. Kein Volk von all den vielen, die in Palästina weilten, hatte genug Liebe zum Lande, um den Baumbestand zu schonen. Und die Folge war, daß durch fehlenden Schatten die Feuchtigkeit im Boden nicht festgehalten werden konnte, daß sich Sümpfe und Sandwüsten ausbreiteten, daß die Dünen in das Land vorrückten, und daß auf den Felsen die fruchtbare Erdkrume leicht weggeschwemmt werden konnte; Palästina verlor seine sprichwörtliche Fruchtbarkeit. Nur noch an wenigen Stellen des Landes sind spärliche Reste des alten Baumbestandes vorhanden. in Judäa und Samaria fast nichts mehr; lediglich auf dem Karmel, in Galiläa und in der Gegend von Nazareth ist etwas Wald übrig geblieben. ölbäume finden sich in größeren Mengen in der Gegend von Jerusalem. Sichern. Hebron und Bethlehem. Mit dem Beginn der praktischen Palästinaarbeit der Zionistischen Organisation und1 der Tätigkeit des Jüdischen Nationalfonds wurde di© Wiederaufforstung Palästinas als dringende Notwendigkeit erkannt. Wie sollte dem Lande anders als durch die Wirkung der Aufforstung: Austrocknen der Sümpfe, Reinigung der Luft und Festhalten des fruchtbaren Bodens die verlorene Fruchtbarkeit zurückgegeben werden? Im Jahre 1904 wurde die Baumspende begründet, gerade in dem Jahr, als Herzl starb. Da erschien es als das würdigste Denkmal für den großen Führer, die ersten großen Pflanzungen der Baumspende auf seinen Namen als „Herzlwald“ anzulegen. Die ölbaumspende wurde dem Nationalfonds ungegliedert, und im Jahre 1908 wurden auf