Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 34 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das Jüdische Echo 403 stehenden jüdischen Arbeitsämter und Nachweise mit der Organisation der in Deutschland lebenden Ostjuden wäre dabei nützlich und erforderlich. Verband der Ostjuden in Deutschland. Berlin N. 54. Gormannstr. 29. Professor Dr. Markus Braun Vor wenigen Wochen feierte ein Mann seinen 70. Geburtstag, dessen Namen in der jüdischen Gelehrtenwelt einen gehaltvollen Klang genießt. Prof. Dr. Markus Brann. der verdienstvolle Forscher und Gelehrte, am 9. Juli 1849 als Sohn des Rabbiners Salomon Brann in Rawitsch geboren, besuchte später die Universität und das Breslauer Rabbinerseminar, wo er zu den eifrigsten Schülern von Grätz, Caro usw. gehörte. Im Jahre 1875 wurde er zum stellvertretenden Rabbiner der neuen Synagoge zu Breslau gewählt, von wo er 1883 nach Berlin als Direktor des Waisenhauses berufen wurde: von 1885 ab war er wieder Rabbiner in Pleß. welche Stelle er bis 1891 bekleidete. Das um diese Zeit erfolgte Ableben von Grätz veranlaßte das Kuratorium des Breslauer Seminars, ihm den Lehrstuhl des berühmten Geschichtsforschers anzuvertrauen. Man hatte sich in den Fähigkeiten des Berufenen nicht getäuscht; es war hier ein Mann auf den Platz gestellt worden, der wie kein zweiter berufen war, das Erbe seines großen Lehrers anzutreten. Die Geschichte der Juden, die Grätz so großzügig zu meistern verstand, hat er hier in einer Weise behandelt und weiter ausgebaut, wie es trefflicher nicht geschehen konnte. Im Laufe der Jahre hat Brann an 180 Schriften und Abhandlungen verfaßt, von denen besonders seine Lehrbücher über jüdische Geschichte an den meisten jüdischen Schulen zur Einführung gelangten und hier von unschätzbarem Wert sind1. Neben seiner schriftstellerischen und Lehrtätigkeit ist er auch noch der Herausgeber der von Z. Frankel begründeten „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“, sowie der jüdisch-deutschen Encyklopädie. die „Germania Judaica“. Anläßlich seines Jubiläums haben Freunde und Kollegen im Aufträge der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums eine Festnummer der Monatsschrift herausgegeben, welche wertvolle Beiträge einer Anzahl bekannter jüdischer Gelehrter enthält. Der Raum gestattet uns nicht auf die meist sehr interessanten und wertvollen Abhandlungen dieser Schrift einzugehen; Namen wie Lewkowitz, Treitel, Js. Heinemann, Horowitz, Guttmann, Eppenstein, Elbogen usw. zeugen für inhaltvolle und gründliche Untersuchungen. Nur auf eine Arbeit möchten wir an dieser Stelle eingehen, es ist dies eine Untersuchung von Dr. J. Elbogen über die Bezeichnung „jüdische Nation“. Wir entnehmen daraus folgende unsere Leser sicher interessierende Stellen: „Die Frage des Volkstums der Juden ist wieder einmal aktuell und wird wahrscheinlich wichtige politische Entscheidungen veranlassen. Die vorliegende Untersuchung zu Ehren des Forschers, dem ich die Einführung in das Studium der jüdischen Geschichte verdanke, betrifft nicht eine praktische, sondern eine theoretische Frage, nicht das soziologische Problem, ob und in welchem Sinne die Juden eine Nation sein mögen, sondern die quellengeschichtliche Frage, wann und in welcher Bedeutung die deutsche Bezeichnung „jüdische Nation“ zuerst vorkommt. Gemeinhin hört man. auch Sachkenner, die Meinung vertreten, daß noch Moses Mendelssohn. noch David Friedländer von ihrer Gemeinschaft als der „jüdischen Nation“ sprachen, daß erst später Wort und Sache geleugnet wurden. Noch Moses Mendelssohn, noch David Friedländer? Wer denn vorher? In den deutsch geschriebenen Quellen früherer Zeiten findet man die Bezeichnung, soweit meine — allerdings lückenhafte — Literaturkenntnis reicht, so gut wie gar nicht. Amtliche Schriftstücke sprechen gemäß den alten lateinischen Bezeichnungen (Judaei, Universitas Judaeorum) von Juden, Judischheit, Judenschaft. Judengemeinde oder jüdischer Gemeinde, aber nirgends vom „jüdischen Volke“ oder der „jüdischen Nation“. Ebenso steht es mit der Literatur. Von Luther bis Lessing ist mir kein deutscher Schriftsteller bekannt, der die Juden seiner Zeit als jüdisches Volk oder jüdische Nation benennt. Man blättere z. B. den ganzen Schudt durch und wird außer Zitaten — über die später — und einigen allgemeinen Wendungen in der Einleitung dem Ausdruck kaum begegnen. Das ändert sich im Zeitalter der Aufklärung: mit einem Male wird bei Juden und Christen, bei Freund und Feind, die Bezeichnung „jüdische Nation“ geläufig. Woher stammt diese veränderte, gerade in Berlin beliebte Ausdrucks weise? Schudts Zitate weisen auf die außerdeutsche Literatur, wo der Sprachgebrauch eineinhalb Jahrhunderte älter ist. Simone Luzattos Discorso circa il stato de gl’Hebrei — der erste soziologische Versuch über die Juden — beginnt gleich die Vorrede mit den Worten „la natione hebrea“ und stellt sich die Aufgabe, nachzuweisen, „che la natione hebrea dimorante nella Inclita Citta. di Venetia“ der Stadt großen Nutzen bringt. Menasseh ben Israel wendet sich an Oliver Cromwell „in behälfe of the Jewish Nation“ und verweist auf Sir Edward Nicholas Schrift „An Apologie for the Honorable Nation of the Jews, and all the Sons of Israel (1648)“. Bei Menasseh haben wir es mit einer Übersetzung aus dem Holländischen „de Joodsche Natie“ zu tun. Allein auch außerhalb Deutschlands ist der Sprachgebrauch nicht alt. Holländische Urkunden aus der Zeit Karl V. kennen nur den Ausdruck „Joden“, spanische sprechen von Judios oder Hebreos. Eine neue Bezeichnung geht auf die aus Portugal ausgewanderten Marranen1) zurück. Wo sie sich niederließen, wahrten sie zunächst den Schein des Christentums; nicht als Juden suchten sie das Aufenthaltsrecht nach, sondern als Portugiesen, als Portugiesische Nation. Das läßt sich im einzelnen deutlich verfolgen. Das Privileg Heinrich II. für die Juden in Bordeaux vom Jahre 1550 wird verliehen an „marchands et autres Portugals, appeles nouveaus chretiens“. Da dieses Privileg wohl dem Parlament von Paris, aber nicht dem von Bordeaux vorgelegt war. richtet Heinrich III. kurz nach seiner Thronbesteigung, 1574, an dieses die Aufforderung, die Leute „de la Nation portugaise“ in den Genuß ihrer Rechte zu setzen. Auf dem Wege über Basnages „L’histoire et la religion des Juifs“ und Schudts „Jüdische Merkwürdigkeiten“ ist die Benennung „jüdische Nation“ in Deutschland weiteren Kreisen bekannt gewor- *) Über den Sinn des Wortes kann kein Zweifel mehr bestehen, seitdem Art. Farinelli in der Festschrift für Pio Rajna (S. 491—555) nachgewiesen hat, daß es im Sprachgebrauch aller normanischen Völker „Schwein“ bedeutet. Marranen waren also „Saukerle“, welche sich mit dem Judentum befleckten“.