Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 34 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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400 Das Jüdische Echo Nr. 34 Wahrung: des Prinzips des Nationaleigentums an allen industriellen und Verkehrsunternehmungen von gemeinnützigem Charakter (public Utilities); die weitherzige Einführung sozialpolitischer Gesetze betreffend Freizügigkeit der Arbeiter, Arbeitszeit. Koalitionsrecht, Heimarbeit. Arbeiter-, Arbeiterinnen- und Kinderschutz. Sozialversicherung, sowie Anschluß an alle internationalen sozialpolitischen Vereinbarungen; gesetzliche Festlegung eines Minimallohnes für Arbeiter in privaten und öffentlichen Unternehmungen im Einvernehmen mit den gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter im Lande; Nationalisierung -des Bodens von Palästina und seine Vergebung — unter Respektierung der erworbenen Rechte der Fellachen — in Dauer- resp. Erbpacht.“ Von diesen vier Richtungen geht die erste sicher von einer falschen Annahme aus, wenn sie glaubt, durch Festhalten an den bisherigen Wirtschaftsformen und Ablehnung aller sozialen Neuerungen das Wirtschaftsleben in Palästina vor Störungen bewahren zu können. Bei der engen geistigen Verbindung, in welcher unsere Einwanderer — und zwar gerade der jüngere und aktivere Teil unter ihnen — zu der sozialen Umwälzung in Osteuropa stehen, ist es ganz ausgeschlossen, daß sie die Fortdauer der alten Formen in Palästina ruhig hinnehmen werden. Es würde im Gegenteil zu allerschwersten Konflikten und zur schlimmsten Erschütterung des ganzen wirtschaftlichen Lebens kommen, wenn man diese alten Wirtschaftsformen unverändert konservieren wollte. Nur durch rechtzeitiges verständnisvolles Eingehen auf den Geist der neuen Zeit besteht Hoffnung, die Wünsche der Einwanderer mit den Erfordernissen des palästinensischen Wirtschaftslebens zu versöhnen und Katastrophen zu verhüten. In diesem Sinne besteht denn auch unter den anderen obenerwähnten drei Richtungen Einverständnis darüber, daß eine soziale Neuordnung vorgenommen werden muß. Streitig ist aber, welche Ziele und welches Tempo sie einschlagen soll. Es ist auch nicht leicht, hier sicheren Weg und Ziel zu weisen. Wir können uns nicht nach europäischen Vorbildern richten, weil wir in einer Zeit des Übergangs leben, in der die alten sozialen Formen zwar verblassen, aber noch nicht durch erprobte neue Formen ersetzt sind. Würden wir uns über diesen Mangel an bewährten Vorbildern hinwegsetzen und aus unserem Kopfe — um mit Marx zu reden — die Formen des zukünftigen sozialen Lebens in Palästina erfinden, d. h. im voraus festlegen, so laufen wir Gefahr, eine lebensunfähige Utopie zu schaffen. Das umso mehr, als wir heute über die technischen und ökonomischen Grundlagen des zukünftigen Gemeinwesens noch sehr wenig Genaues wissen, während doch diese Grundlagen erst die sozialen Formen und Reformen bestimmen. Die Notwendigkeit, bei der Neuordnung des sozialen Lebens in Palästina europäische Vorbilder zu berücksichtigen, folgt auch daraus, daß es unmöglich ist, das kleine Palästina aus der wirtschaftlichen und geistigen Verbundenheit mit der übrigen Welt zu lösen. Die Entwicklung in Palästina wird immer in hohem Maße von der Entwicklung der sozialen Formen in der übrigen Welt abhängig sein. Solange diese Formen in Europa in einem Stadium stoßweiser Umgestaltung sich befinden, werden wir auch dem sozialen Leben in Palästina noch keine endgültige Gestalt geben können. Wie wir politisch bis zur Konstituierung eines indischen Palästina auf demokratischen Prinzipien eine Übergangszeit zu durchlaufen haben, so werden wir auch bis zur endgültigen Neugestaltung des sozialen Lebens eine Übergangszeit einschalten müssen. Auch die Rücksicht auf die Psychologie der älteren und bemittelten Elemente unter den jüdischen Einwanderern, die bei einer sofortigen radikalen Umgestaltung des sozialen Lebens in Palästina dort jede wirtschaftliche Orientierung verlieren würden, zwingt zu stufenweisem Vorgehen. Nicht aus der Raupe kommt sofort der Schmetterling; zuvor sind viele Häutungen und das Puppenstadium nötig. Dieses soziale Häutungsstadium wird in Palästina wahrscheinlich so lange dauern, bis die neue Generation unter dem Einflüsse neuer sozialer Ideen herangewachsen ist. Die endgültige soziale Neuordnung in Palästina kann nicht der Anfang, sondern nur das Ende der Entwicklung sein. Wir werden zwar auf diese Weise nicht, wie manche es verlangen, das Reich Gottes auf Erden über Nacht schaffen. Aber wir werden vor der Geschichte und vor unseren Enkeln gerechtfertigt dastehen, wenn wir uns von dem ernsten Willen beseelt zeigen, zu immer gerechteren Formen des sozialen Lebens zu gelangen und in allem, was wir jetzt tun, nur eine vorläufige Ordnung sehen. In diesem Sinne dürfen wir nicht durch definitive Schaffung neuer „wohlerworbener Rechte“ der Einzelnen den Weg zu späterer Neuordnung verrammeln, sondern müssen von vornherein durch entsprechende Bestimmungen bei den neu begründeten Individualrechten eine eventuelle spätere Änderung offen halten. » (Fortsetzung folgt.) Einreise nach Palästina. Das Londoner Zionistische Zentralbureau bringt folgende Mitteilung zur allgemeinen Kenntnis; „Das Verbot für Bodenkauf in Palästina ist derzeit noch in Kraft und wird wohl auch nicht aufgegeben werden, bis die Zivilverwaltung in Palästina eingerichtet ist. Derzeit steht das Recht, die Einreisebewilligung zu erteilen, ausschließlich den englischen Militärbehörden zu. welche große Schwierigkeiten machen. Sie verlangen in jedem einzelnen Falle nicht nur den Nachweis, daß der betreffende Einreisewerber Palästinenser ist und während des Krieges Palästina zu verlassen gezwungen war, sondern es muß auch ein besonders wichtiger Grund für die Rückkehr angegeben werden. Wenn unser Bureau sich allzuhäufig mit nicht ganz aussichtsreichen Gesuchen an die Behörde wendet, läuft es Gefahr, den Erfolg durchaus notwendiger und aussichtsreicher Gesuche zu beeinträchtigen.“ Konferenz von E.Ä.C.-Mitgliedern in der Schweiz. Am 29. Juli hat in Engelberg in der Schweiz eine Konferenz stattgefunden, an der vom E.A.C. die Herren Prof. Warburg-Berlin. Prof. Dr. Weizmann-Manchester. Dr. Hantke-Berlin, ferner die Herren Dr. Arthur Ruppin, Dr. Berthold Feiwel und Julius Berger teilnahmen. Es wurden alle Fragen betreffend die verschiedenen Aufgaben der Zionistischen Organisation bei der ökonomischen und kulturellen Entwicklung in Palästina besprochen. Eingehend erwogen wurden auch die Probleme organisatorischer Art. die die Zionistische Organisation in nächster Zeit zu lösen haben wird. Es wird beabsichtigt, binnen kurzem eine Sitzung des Großen Aktionskomitees einzuberufen.