Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1919-08-15 · 33 (15.8.1919) · p. Seite 393

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
33 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
Seite 393 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102975-9140167--02971-9075791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 33 Das Jüdische Echo 393 ben sie die Rollen auf. küßten sie und flüchteten mit ihnen in den bischöflichen Palast. Sie kasteiten sich sehr in jenen Tagen, taten Buße und gute Werke. Sechs Wochen, von Pesach bis zum Schawuothfeste fasteten sie für Tag für Tag und verteilten jeden Abend Geld an die Armen. Auch legten sie sich eine Steuer auf. viermal gaben sie von jedem Pfund einen Denar. Sie gaben und gaben, bis sie ihre ganze Habe und sogar die Mäntel von den Schultern weggegeben hatten. Zuletzt entschlossen sie sich, alles was ihnen noch geblieben war. dem Bischof zu geben, auf daß er sie von den Frevlern rette. Aber es nützte ihnen nichts, den der Herr hatte sie alle bereits ihren Feinden ausgeliefert. Sein Zorn war gegen sie entbrannt und er verbarg sein Antlitz vor ihnen am Tage der Ahndung. Es war am 1. Pfingsttage (1. Juni 1096), da man auch den Markttag und gleichzeitig das Kirchweihfest hielt, da kamen die Leute vom Rhein in die Stadt und rühmten sich des Mordens, so sie mit den heiligen Gemeinden geübt hatten. Der Bischof hielt im Dom eine Predigt zugunsten der Juden, da rotteten sich die Feinde gegen ihn zusammen, um ihn zu erschlagen. Er entfloh ihnen und barg sieb in einem besonderen Raume der Kirche und verblieb daselbst eine Woche. Nun zog alles Volk gegen seinen Palast, den man die Pfalz heißt, wohin sich die Söhne des heiligen Bundes geflüchtet hatten; sie konnten sie aber nicht einnehmen. Denn sie war sehr fest, die Mauern waren fünf Ellen dick und so hoch, als die Blicke reichten. Da zogen sie wieder ab und gedachten. den Bischof in der Kirche umzubringen. Der Bischof hatte große Angst, da er in der Stadt fremd war, keine Verwandte noch Bekannte besaß und nicht die Macht hatte, die Juden zu retten. Da kam er, mit ihnen Rats zu oflegen: „Was wollt ihr jetzt tun?“ fragte er sie. „Seht ihr nicht, daß ringsum alle Juden bereits erschlagen sind? Es war mein Wille und meine Absicht, mein Versprechen zu halten und auch die Treue zu bewahren, so lange noch eine Gemeinde im ganzen Reiche Lothringen übrig ist. Doch seht, wie sich die Kreuzfahrer jetzt auch wider mich erhoben haben, mich umzubringen. Ich fürchte mich vor ihnen und schon 15 Tage halte ich mich vor ihnen verborgen.“ Darauf antwortete die Gemeinde: „Du hast uns doch bei deiner Treue versichert, uns solange zu schützen, bis der König ins Reich wiederkehrt!“ Da widersprach der Bischof: „Auch der König selbst vermöchte euch nicht aus den Händen der Kreuzfahrer zu retten. Lasset euch taufen oder unterwerfet euch dem Urteil des Himmels“. Da sagten sie: „Wisse, wenn ein jeder von uns zehn Seelen hätte, würden wir sie hingebert. um Gottes Einzigkeit zu bekennen und uns nicht taufen lassen.“ Und sie streckten den Hals hin und sprachen: „Unsere Köpfe wollen wir hingeben, unseren Gott aber werden wir nicht verleugnen.“ Als der Bischof solches hörte, ging er samt seinen Dienern davon. Sie baten ihn noch, daß man ihnen vier Tage Ruhe gönne bis nach dem Schawouthfeste. und er tat nach ihrer Bitte. Sie aber begingen das Fest in Trauer. S>e wußten ja. daß der Bischof und alle, die da mitzusprechen hatten, ihr Unheil planten. Und es kam der Tag. da schickte der Bischof einen Boten zu ihnen, ihm zu sagen, was geschehen sollte. Denn alles Volk habe sich wider ihn erhoben und wolle ihn umbringen. Da vermeinten sie. er habe es auf Geld abgesehen, und erklärten sich bereit, all ihr Geld hinzugeben. Doch der Bote antwortete: „Das will der Bischof nicht.“ Da wußten sie, was ihrer harrte und verloren alle Hoffnung. Der Sinn des Bischofs und seiner Diener hatte sich gegen sie zum Bösen verwandelt. Man gedachte nur zwei oder drei von ihnen zu töten, auf daß die anderen wankend würden und sich vielleicht doch noch bekehrten. Der Bischof ließ die angesehenen Bürger der Stadt und seine Diener rufen und am Eingang des Palasttores sich aufstellen; es war daselbst eine Tür. ähnlich der Öffnung eines Kalkofens. Rings um die Pfalz aber standen die Feinde zu Hunderten und Tausenden mit scharfen Schwertern bewaffnet und gierig ihre Opfer samt und sonders zu verschlingen. Der bischöfliche Heeresoberst trat in die Pfalz und sprach zu den Juden: „Also befiehlt unser Herr, der Bischof: Lasset euch taufen oder verlaßt seine Burg. Nicht länger will er euch halten, denn mehrmals haben sie sich erhoben, ihn um euretwillen zu töten. Euer Gott will euch nicht retten, wie er in alten Zeiten tat. Sehet die Menge vor dem Tor!“ Da setzten sich die Frommen auf den Boden, weinten gar sehr. Männer. Frauen und Kinder, und bekannten ihre Sünden. Sodann führte man den Gemeindeältesten. Mar Ascher ben R. Josef hinaus ihn zu' töten, und so den übrigen Angst und Schrecken einzujagen, auf daß sie ihrem Glauben entsagten. Da erhob Mar Ascher seine Stimme und sprach: „Wer ist unter euch vom Volke des Herrn, daß er mit mir gehe? Wer will die Herrlichkeit Gottes begrüßen und in einer kurzen Stunde eine Welt von Seligkeit gewinnen?“ Da antwortete ein Knabe, namens Meir ben R. Schemuel: „Warte auf mich, ich will mit dir einziehen in jene Welt des Lichts. Mit ganzem Herzen und1 freudiger Seele, mit dir gesellt, den erhabenen Namen des Einzigen zu bezeugen.“ Da sie aus der Pfalz hervortraten, holte man ein Kruzifix herbei, davor sie sich bücken sollten. Sie weigerten sich und erlitten den Tod der Frommen, um der Heiligung Gottes willen. Daselbst war auch Mar Awraham ben R. Jomtow. ein frommer, gerechter, gottgeliebter Mann, der jeden Morgen und jeden Abend ins Bethaus kam. auf sein Antlitz fiel und vor dem König der Könige dem Heiligen, gepriesen sei er, seine Sünden bekannte. Der erhob jetzt weinend seine Stimme und betete: „O ewiger Gott! Warum hast du dein Volk Israel verlassen? Warum überlieferst du es dem Tod und der Schmach? Warum gabst du uns den unreinen Völkern preis, die uns verzehren, das Volk, das du erwählt aus allen Völkern zu deinem dir eigenen Volke, das du von der Erde bis in den Himmel hobst; nun aber schleuderst du vom Himmel bis zur Erde den Stolz Israels und häufst die Erschlagenen um uns.“ Sprach’s und fiel vor aller Augen zu Boden. Man hob ihn auf und führte ihn hinaus, und er ward erschlagen. Auch ein kleines Mädchen war dort, das den Namen Gottes heiligte. Als die Feinde sahen, daß die in der Pfalz Zurückgebliebenen an ihrer Frömmigkeit festhielten, ohne sich durch da* Schicksal der ersten Getöteten abschrecken zu lassen, sprachen sie zu einander: „Die Frauen sind an allem schuld. Sie überreden ihre Männer, auszuharren und unsere Lehre zurückzuweisen.“ Und es kamen alle Beamten, bemächtigten sich mit Gewalt der Frauen, schlugen und verwundeten sie und1 führten sie in die Kirche zur Taufe. Auch entrissen sie den Müttern ihre Kinder und brachten sie fort. Die Mütter erhoben ihre Stimme und weinten. So wurde das Schriftwort wahr: „Deine Söhne und deine Töchter werden einem anderen Volke gegeben werden“.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.