Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 33 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 Das Jüdische Echo 389 massen sind antisemitismusfrei und! werden diesem Qift niemals mehr verfallen.) Sobald aber der Antisemitismus nicht mehr die herrschende Schicht zu ihrem Träger und Pfleger und keine Nährwurzeln im Staatsgesetz und in der staatlichen Ordnung: hat, büßt er seinen akuten, aktiven Charakter ein und verflüchtigt sich zu einem latenten, dämmernden Stimmungsmoment, dem jede lebensgestaltende Kraft abgeht. (In den gegenwärtigen antisemitischen Ausbrüchen sehen wir nur Augenblickserscheinungen, Übergangserscheinungen, die die sie hervorrufenden Sonderzustände und Umstände nicht überdauern werden und die schließlich schon jetzt mehr künstlicher, absichtsvoller als elementarer Natur sind.) Der Jude wird im kommenden Deutschland zumindest so wohlgelitten und geduldet sein, daß ihm das Untertauchen keine Schwierigkeiten mehr bereiten wird. Er wird bei der ihm eigenen Anpassungsfähigkeit von der Gunst der Umstände vollen Gebrauch machen, wie er es im Westen Europas mit unvergleichlichem Geschick tat, nachdem die äußeren Hemmnisse überwunden waren. Man frage sich, ob ein deutsches Judentum ohne tätigen Antisemitismus denkbar sei. Und die andere Kehrseite. Man weiß, wie sehr die politische Zurücksetzung und die Ausschaltung? aus jeder staatlichen Betätigungsmöglichkeit dem innerjüdischen Leben zugute gekommen ist, wie sehr sie Energien für jüdische Betätigung frei machte, wie viel auch unsere nationale Bewegung in Deutschland dieser Zurücksetzung und Freistellung der westjüdischen Intelligenz zu verdanken hat. Das wird nun aufhören. Dieser jüdischen Intelligenz werden sich uneingeschränkte staatliche. kommunale, parteipolitische Betätigungsmöglichkeiten öffnen. Die nichtjüdische, die allgemeine Lebenssphäre wird manche freie Kraft und manche Energie absorbieren, die bisher notgedrungen im jüdischen Lebenskreis sich auswirkte. Das jüdische Leben geht so einer wachsenden Verarmung und Verödung entgegen. So hieße es, an der Zukunft des deutschen Judentums verzweifeln? Nein. Wir sind keine Fatalisten und keine Deterministen und glauben aus vollem und ganzem Herzen an die Kraft sittlicher Selbstbesinnung. Wo die Not am höchsten, ist vielleicht die Erlösung am nächsten. Und unser jüdischer Lebenswille, der alte, mächtige, unverwüstliche, Jahrtausende überdauernde Lebenswille dieses Volkes sagt uns: Das deutsche Judentum wird den Weg zum neuen Leben finden. Den Anschluß an die nationale Bewegung, die Zukunft ist ihr Bestand. Und in die Trübe der Zukunft bricht ein verheißungsvoller Lichtstrahl: Die Vereinigung des deutschen mit dem deutschösterreichischen Judentum. Wird dieses Wirklichkeit, dann ist der schwere Blutverlust reichlich aufgewogen, dann winkt dem gefährdeten deutschen Judentum eine gewaltige Kraftzufuhr, die sein ganzes Leben um- und neugestalten wird. Daß es komme! # * * Daß wir irgendwo und' irgendwann aus der M i n d e r h e i t s s t e 11 u n g herauskommen, darauf kommt es an. Es ist des zerstreuten und des zertretenen Volkes Ziel. Sehnsucht und Hoffnung. Das wird nirgend auf Gottes weiter Erde Ereignis, es sei denn in einem Lande, in seinem alten und neuen Heimatland. Dieser Weltkrieg hat Palästina für das jüdische Leben freigemacht, das ist unseres Volkes größter und unzweifelhaftester Gewinn aus diesen fünf Jahren. Nun ist Erlösung nahe, für Ost und West. Wenn wir wollen, wenn wir so wollen, wie wir seit zwei Jahrtausenden nicht mehr gewollt haben. Ein Wort kommt mir nicht aus dem Sinn, das ich bei einem Vortrag in Nürnberg aus dem Munde eines frommen Nichtjuden vernommen habe: „Von Anfang an war es mir klar,t daß der Sinn dieses Weltkrieges Palästina ist.“ Mann frommen und sehenden Geistes, ich drücke dir von fern die Hand. Palästina ist der Sinn dieses Weltkrieges für das jüdische Volk, vielleicht auch für die Menschheit... Die Lage der Juden in Sowjet-Rufiland. Äußerungen eines Sozialrevolutionären Führers. Ein Mitarbeiter des in Rom erscheinenden italienischen Wochenblattes „Israel“ hatte eine Unterredung mit dem in Rom weilenden Führer der russischen Sozialrevolutionären Führers, Gregor Schneider, dem gewesenen Bürgermeister von Petersburg, über die Lage der Juden in Rußland. Es ist zweifellos, sagte der bekannte russische Politiker und genaue Kenner der gegenwärtigen Verhältnisse seiner Heimat, daß sich der Antisemitismus in Rußland ausbreitet. Eine systematische Lügen- und Verleumdungstätigkeit wird ins Werk gesetzt, welche im Osten Europas zu tragischen Konsequenzen führen kann. Die Antisemiten bedienen sich meistens des Schlagwortes vom jüdischen Bolschewismus. Dazu ist zu bemerken, daß die Juden, welche eine bedeutende Rolle in der russischen revolutionären und demokratischen Bewegung spielten, sich in allen Lagern befinden, und infolgedessen auch unter den Bolschewiken nicht fehlen. Jedoch sind die Juden unter den antibolschewikischen Strömungen viel stärker vertreten als im Bolschewismus. Während der ersten Monate der Revolution waren die Juden sowohl in den städtischen Vertretungen als auch in dem Vorparlament, das mit aller Kraft gegen den Bolschewismus ankämpfte, verhältnismäßig zahlreicher als in den gegenwärtigen bolschewikischen Kommissariaten. Auch nachdem die Bolschewiken zur Macht gelangt sind, stellt sich die Mehrheit der Juden gegen die Diktatur des Proletariats und sie sind in großer Zahl in den demokratischen gegenbolschewistischen Regierungen. in den städtischen und1 den Semstwoorganisationen vertreten. Diese Haltung ist leicht erklärlich: Vor dem Krieg und1 der Revolution waren die Juden, die an der russischen Politik teilnahmen, revolutionäre Sozialisten, gemäßigte Sozialdemokraten, eher Kadetten als Extremisten. Und dies sind sie bis heute geblieben. Auch trifft in Anbetracht der ökonomischen Lage der jüdischen Massen die soziale Politik der Bolschewiken die Juden viel härter als jeden anderen Teil der Bevölkerung. Überdies bringt sie das politische Chaos, der häufige Machtwechsel. wobei gewöhnlich die Situation vom Mob ausgebeutet wird, in die ewige Gefahr von Massakers, welche bereits, besonders in der Ukraine, schreckliche Dimensionen angenommen haben. Daß es eine stärkere Teilnahme der Juden am Bolschewismus geben soll, ist eine. optische Täuschung, die daher stammt, daß die Juden aus dem antibolschewikischen Lager sich zur Zeit Kerenskis sowie gegenwärtig eher im Hintergrund halten, während die jüdischen Bolschewiken, die nichts zu riskieren haben, ohne weiteres die sichtbarsten