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Das jüdische Echo · 1919-08-15 · 33 (15.8.1919) · p. Seite 388

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
33 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
Seite 388 (sequence 4)
Language
German
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388 Das Jüdische Echo Nr. 33 hinzukommt. In der Zahl allein tritt die ganze Schwere dieses Verlustes kaum zutage; im posensohen und elsässischen Judentum namentlich verliert der Organismus des deutschen Gesamtjudentums seine lebendigsten, kräftigsten Glieder. Es sind dies diejenigen Teile des West Judentums, in denen noch das stärkste jüdische Bewußtsein und der kräftigste jüdische Lebenswille pulsierte. Was haben die Ostgebiete für die Erhaltung des deutschen Judentums bedeutet? Schon die Einverleibung der polnischen Gebiete um den Ausgang des achtzehnten Jahrhundert war für das bereits damals stagnierende jüdische Leben im Westen eine lebenserhaltende Blut- und Kraftzufuhr. In der Folgezeit wurden die ursprünglich polnischen Landesteile Preußens zum Kraftreservoir für das ganze deutsche Judentum. Alles, was in diesem Judentum wahrhaft groß und wahrhaft schöpferisch war, jüdisch groß und jüdisch schöpferisch, kam von Männern, deren Wiege auf östlichem Boden stand. Ich weiß nicht, ob ein deutscher Jude in diesen Tagen daran gedacht hat. daß die Geburtsstätten von Heinrich Grätz und Moritz Lazarus an Polen fallen sollen. Ich weiß nicht, ob es viele deutsche Juden gibt, die wissen, daß die erst seit einem Jahrhundert „westjüdische“ Provinz Posen in der Assimilation tatsächlich hinter ihren älteren Schwestern sehr zurückgeblieben ist, daß es noch heute alte graubärtige Juden gibt, die sich noch immer in ihr westliches Schicksal nicht hineingefunden haben, und deren jüdisches Denken und Fühlen über die preußischen Grenzpfähle hinweg mit dem großen jüdischen Volksleben des Ostens geht. Ich habe dortzuland viele solche weiland mitannektierte Ostiuden gesehen, die, noch heute mit der ihnen innerlich fremden deutschen Sprache auf dem Kriegsfuße stehend, ein altes gutes Jidisch vorziehen, sowohl auf das verdeutschte Judentum Moses Mendelsohns, wie S. R. Hirschs weidlich schimpfen und sich lieber an ihren alten vertrauten R a s c h i halten. Nun hat die Geschichte die Politik von anno 1772 einer gründlichen Korrektur unterzogen. Das vor einem Jahrhundert vom großen ostjüdischen Volkskörper gewaltsam getrennte und dem Westen angehängte Glied hat wieder den Weg zu seinem Ursprung gefunden. Für das deutsche Judentum bedeutet diese Loslösung seiner ursprünglich ostjüdischen Teile (wie auch des elsaß-lothringischen Judentums, dessen Anschluß an das dahinsiechende französische Judentum dem letzteren sehr zugute kommen wird) ein unersetzlicher Blutverlust, der einen akuten Kräfteverfall zur Folge haben könnte. Es wird dies schon in naher Zukunft zutage treten. Das westjüdische Leben steht im Zeichen des Trägheitsgesetzes. Die Kraft der Beharrung war sein Rettungsanker, seine Lebenskraft. Der Mangel an innerem Zusammenhalt wurde durch die Stabilität kier äußeren Organisationsformen ersetzt und wettgemacht. Es gab keinen lebendigen jüdischen Gemeinschaftsgeist, dafür aber ein rechtlich festgefügtes Gemeindesystem, und über dem Mangel eines wirklichen jüdischen Erziehungs- und Unterrichtswesens konnte noch das armselige Surrogat eines obligatorischen, staatlich erzwungenen Religionsunterrichts hinwegtäuschen. Die Existenz eines Minimaljudentums war dadurch zur Not gesichert. Die scheinbar unverbrüchlichen Formen äußerer Organisation ermöglichte einen gewissen Beharrungszustand, in dem das jüdische Leben des Westens zwar auf dem Aussterbeetat gesetzt war. ohne jedoch gewaltsamen Erschütterungen ausgesetzt zu sein. Diese Sicherung wird dem westlichen Minimaljudentum nunmehr durch die politische Neuordnung endgültig entzogen werden. Die Trennung von Kirche und Staat und die Aufhebung des obligatorischen Religionsunterrichtes wird im neuen Deutschland bald Tatsache werden. Die Trennung von Kirche und Staat bedeutet — wird sie konsequent durchgeführt — die völlige Zertrümmerung der jüdischen Gemeindeorganisation in Deutschland. Die jüdische „Religionsgesellschaft“ wird jeder anderen privaten Gesellschaft gleichgestellt und sinkt, wie in Frankreich, zu einer aller öffentlichen Rechtstitel entkleideten „Kongregation“ herab. Es gibt keinen Gemeindesteuerzwang mehr; es gibt nunmehr nur noch ein „freiwilliges“ Judentum. Diese „Freiheit“ dürfte dem deutschen Judentum nicht weniger übel bekommen, wie dem jenseits des Rheins. Über das nicht uninteressante Kapitel „jüdische Steuerflucht“ erbitte* man sich bei unseren Gemeindeverwaltungen Auskunft. Die Freiwilligkeit bedeutet das Ende jeglicher gemeindlichen Finanzwirtschaft, die völlige Desorganisation und Verelendung des jüdischen Gemeindelebens. Welche Folgen die Abschaffung des pflichtgemäßen „Religionsunterrichts“ zeigen wird, kann man sich lebhaft ausmalen. Gut „liberale“ jüdische Eltern, die über den staatlichen Zwang zum Judentum schon bisher stöhnten, werden Ähren hoffnungsvollen Sprößlihgen die religiöse Schutzimpfung ganz ersparen können. Wer da glaubt, die jüdische Unwissenheit im Westen lasse sich nicht mehr übertreffen, wird sich bald eines Besseren belehren lassen müssen. Im Zeichen der Freiwilligkeit wird bald auch hier der Rest jüdischer Erziehung und jüdischen Unterrichtes in den weiten Schichten des liberalen deutschen Judentums kläglich zusammenschmelzen. Der Tag ist nahe, wo das deutsche Judentum vor den Trümmern seiner Gemeindeorganisation und seines jüdischen Unterrichtswesens dastehen wird. Es wird dann vor dem französischen Judentum nichts mehr voraushaben, dessen Schicksal es bald teilen wird. Die Trennung von Staat und Antisemitismus wird für den Fortbestand des deutschen Judentums die schwerwiegendsten Folgen haben. Dem deutschen Juden wird in Zukunft die Assimilation, jene gründliche Assimilation, die man treffend die Ziviltaufe nannte, unzweifelhaft viel leichter gemacht werden als bisher. Die tatsächliche volle bürgerliche Gleichstellung wird die psychologischen Auswirkungen auf beide Teile, die deutsche Umwelt und die Juden selbst, nicht verfehlen. Diese deutsche Umwelt, die deutsche Gesellschaft wir eine tiefgehende Umschichtung und Umlagerung erfahren, die eine weitgehende Umwertung der sozialpsychischen Werte zur Folge haben wird. Das Deutsche Reich der Zukunft wird das Reich des vierten Standes sein. Beamtentum und Kleinbürgertum, diese Hauptträger des Judenhasses und der Judenächtung werden zu einer zweiten politischen und gesellschaftlichen Rolle degradiert werden. Ihre Traditionen, ihr Ehrbegriff und ihre Moralgesetze werden nicht mehr maßgebend sein. In der neuen Ära wird der elementare Sonderungswille und die Abstoßungskraft einem immer mächtiger werdenden Gleichheits¬ und Nivellierungstrieb Platz machen. Der vierte Stand, der herrschende Stand, ist — däs ist der deutschen Sozialdemokratie höchstes sittliches Verdienst — vom Völker- und Judenhaß freigeworden. (Man weise nicht in üblicher Weise auf diese und jene Äußerung, auf dieses und jenes Auftreten eines Führers; die deutschen Arbeiter-

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