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Das jüdische Echo · 1919-08-15 · 33 (15.8.1919) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
33 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten miiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiini, iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiii|||i|||||||||||iui|j|||j||||||||||||| Nummer 55 _München / 6. Jahrgang 15. August 1919 Die deutschen Juden und der Friedensschlufi. Von Leo Rosenberg:. Der verschiedenartige Entwicklungsverlauf des östlichen und westlichen Judentums läßt sich, wenn auch nicht ausschließlich, so doch' im Wesentlichen restlos auf das quantative Moment zurückführen. Diese Entwicklung läßt sich mit voller Berechtigung etwa auf die elementare und umfassende arithemtische Formel bringen: 0,85 : 15 Prozent. Die erste Ziffer drückt die heutige Siedlungsweise der jüdischen Minderheit im Westen, die zweite im Osten Europas aus. In einer Siedlungsatmosphäre von 15 Prozent gedeiht nationale Kultur; die engmaschige, undurchdringliche Gemeinschaftsstruktur läßt fremde, artfeindliche Kulturelemente nicht so leicht durchsickern. In der sozialen Atmosphäre von 0,85 Prozent gedeiht nichts Eigenes, Artgemäßes: ein derartig loses, porenreiches Gemeinschaftsgewebe ermöglicht das Eindringen fremder, zersetzender Kulturkeime. Die Assimilation des deutschen Judentums hatte sich völlig unabhängig vom rein äußerlichen Moment politischer Gleichstellung aus dieser inneren soziologischen Notwendigkeit heraus mit Elementarkraft vollzogen, und zwar, wie wir wissen, im wesentlichen um den Ausgang des achtzehnten Jahrhundert, der rechtlichen Emanzipation nicht folgend, sondern vorausgehend. Was noch in der westjüdischen Gemeinschaft an Sonderungs- und Sammlungswillen lebte, was diese innere Sonderungs- und Sammlungstendenz ermöglichte und begünstigte, ist durch die neue Lebensordnung des über die Gebundenheit der herkömmlichen merkantilistischen Lebensphase obsiegenden kapitalistischen Geistes über den Haufen geworfen worden. Dieser elementare soziale Entwicklungsprozeß. nicht papierene Edikte, hat die Selbstzersetzung der jüdischen Gemeinschaft besiegelt. Es folgte die für die Mehrheit der Westiuden offenbar unzutreffende und auch unaufrichtige Zurückführung des jüdischen Gemeinschaftsgehaltes auf religiöse Bewußtseinsmomente, denen einigende, bindende und sondernde Bedeutung nicht mehr innewohnte. Was die westjüdische Gemeinschaft nun noch zusammenhielt, war tatsächlich bloß die Kraft des Beharrungsgesetzes im Innern und die starke Sonderungstendenz von Außen. Je schwächer der Sonderungswille der Minderheit gegenüber der Mehrheit wurde, desto stärker trat der Sonderungswille des Wirtsvolkes zutage. (Diese Erscheinung ist so merkwürdig und einzigartig, daß hier die bloße Minderheitsformel zu versagen scheint. Merkwürdig: Weil der Sonderungswille einer Mehrheit doch nicht vom Selbsterhaltungstrieb eingegeben sein kann, einzigartig: weil tatsächlich dieser Fall einer Sonderungstendenz der Mehrheit beispiellos und außerhalb jeder aktuellen Erfahrung dasteht. Die quantitative Minderheitsformel muß hier offenbar durch Oualitätsmomente ergänzt werden.) Seitdem die Juden in den Lebenskreis des deutschen Volkstums getreten sind, empfindet sie der fremdnationale Organismus erst eigentlich als Fremdkörper, der ihm große Beschwerden bereitet. Die jüngste deutsche Volksgeschichte ist an Momenten krampfhafter Reaktion gegen diesen Fremdkörper nicht arm. Der deutsche Judenhaß und seine schärfste, wirksamste Ausprägung, der Staatsantisemitismus, bildete ein mächtiges und unüberwindliches Sonderungs- und Differenzierungsmoment: seine weit ins gesellschaftliche Gebiet reichende Auswirkung schufen neue Scheidungen und Bindungen, die diejenigen des merkantilistisch-vorkapitalistischen LebenssVstems an Kraft womöglich noch übertrafen. Man weiß in der Tat. daß der deutsche Gesellschaftsantisemitismus im wesentlichen eine Auswirkung des deutschen Staatsantisemitismus war, des Staatsantisemitismus, der die rechtliche und menschliche Gleichheit der Juden de facto aufhob und sie zu Bürgern und Menschen zweiter Ordnung herabwürdigte. Der Ausschluß der Juden aus allen staatlichen Verwaltungszweigen, aus dem Heeres¬ und Unterrichtswesen drückte ihnen das Stigma sittlicher und sozialer Minderwertigkeit auf und machte sie zu modernen Parias; die so völlig „verstaatlichte“ deutsche Gesellschaft diese Gesellschaft. die als einzige und letzte im westeuropäischen Kulturkreis sich mit dem Staate identifizierte, fügte sich dem staatlichen Moralgesetz nur allzu willig und aus innerer Neigung. Wir wissen aus der Erfahrung in den anderen Westländern, daß der Gesellschaftsantisemitismus nach der Verstopfung seiner Hauptquelle, des Staatsantisemitismus, allmählich versiegen muß; und' zwar in dem Maße, als durch die nach Durchführung faktischer bürgerlicher Gleichheit sich rasch vollziehende Angleichung des fremden Elements die Reibungsflächen vermindern werden. Das war in denjenigen westeuropäischen Ländern der Fall, wo die bürgerliche Gleichstellung tatsächlich war und durch einen fortwuchernden Staatsantisemitismus nicht illusorisch gemacht wurde. Ein Blick auf das Judentum Frankreichs und Italiens genügt. Die Folgen des Weltkrieges und die Revolution vom 9. November bedeuten in allen diesen Beziehungen einen Wendepunkt. Die Revolution hat dem deutschen Staatssozialismus den CjarauS gemacht und die schöne Beharrungstendenz des deutschen Judentums außer Wirkung gesetzt Durch die Loslösung der Ostmarken und Elsaß-Lothringens hat das deutsche Judentum in seinem. quantitativen Bestand eine gewaltige Einbuße erlitten. Eine lebensgefährliche Einbuße. Es handelt sich rein zahlenmäßig um eine Verminderung der Gesamtzahl (600 000) der deutschen Judenheit um etwa 70—80 000 Seelen. Was das bedeutet, erkennt man erst, wenn man die schon an sich ungünstigen biotischen Verhältnisse der deutschen Juden — der fortschreitende Geburtenrückgang, auf den ja bereits T h e i 1 h a b e r in seinem „Untergang der deutschen Juden“ hinwies — berücksichtigt, wozu noch die in den Kriegsjahren unheimlich gestiegene Zahl der Mischehen — jede dritte jüdische Ehe in Deutschland1 ist längst eine Mischehe —

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