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Das jüdische Echo · 1919-08-01 · 31 (1.8.1919) · p. Seite 366

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
31 (1.8.1919)
Date
1919-08-01
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
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366 Das Jüdische Echo Nr. 3t gend hat Sehnsucht nach Menschentum. Freiheit. Gerechtigkeit und Geist — menschliche Dinge. Ja es geht etwas durch das Buch, das mit dem Wort unbescheiden zu hart, mit selbstbewußt zu milde beurteilt ist. Nicht die religiöse Bewegung, die der Autor gegen Schluß andeutet, meine ich, die dies befriedigte Volk auf rütteln wird zu neuer Menschheitstat. Nein, es fehlt von vornherein das Vertrau ernd-Zweifelnde: vertrauend auf die höhere Macht, zweifelnd an der eigenen Möglichkeit. Es fehlen die Begründungen. Es ist nur eine Utopie, aber sie scheint selbstsicher und felsenfest Der Autor hat es sich zu wenig Anstrengung kosten lassen, das Ziel zu erreichen. Er ist zu großzügig, zu wenig Pessimist, zu wenig mitleidend mit seinem eigenen Volk, wie es Jesaia und Arnos auch waren. Was ist mit dem Erwachsenen? Von ihm, von den „Beziehungen zum Volk“ ist nur kurz die Rede, das Volk ist werktätig. Aber nein, neben diesem Jugendstaat ist kein Platz mehr für die Erwachsenen. Will Bernfeld1 saeen: die Jugend ist der wesentliche Bestandteil des Volkes? Mir scheint. Jugend ist ein Teil des Volkes, ein selbständiger. wichtiger, wertvoller. Aber er ist doch nur Zukunft, doch nur Blüte, doch nur Möglichkeit. Aber das Volk, das Seiende, der gewachsene Baum, das, was den lebenden Organismus ausmacht, können nicht die sieben Jahrgänge der Jugend, auch nicht die Kinderjahr^änge sein. Ist der Baum nur für seine Blüte da? hat er nicht um seiner selbst willen Existenzberechtigung? Aber vielleicht ist’s so: Jugend ist ein Alter, aber Jugendlichkeit ist nicht an dieses Alter gebunden. Und wenn das jüdische Volk diese neue Jugend hat dann kann es nicht anders sein, als daß es selbst jugendlich empfindet. Dann ist es das Jugendvolk. Stolz ist der Seher der Utopie, die er den Traum seines Volkes nennt, den er mitnehmen soll nach Erez Israel. Unbescheiden ist er, mehr als ein Gideon, da er ein Jaakow sein will. Das ist das Zeichen der Jugend, die er in sich birgt, die er führt, die er ist. Ich möchte ihm Gefolgschaft leisten. , A. B. Die Organisation der Ostjuden in Deutschland. Das Ostjudentum, das den weitaus größten Teil des jüdischen Volkes ausmacht, durchlebt jetzt eine furchtbare Ka+~ Strophe. Das große Buch unserer Leidensgeschichte ist zwar reich an blutbedeckten Blättern, grausamen Verfolgungen und Zerstörungen. Einen solchen Ruin jedoch, wie den gegenwärtigen, haben unsere Vorfahren seit vielen Generationen nicht gesehen. Die schreckliche Kriegszeit hat die besamte jüdische Siedlung in den Ostgebieten verwüstet Große blühende Gemeinden sind ^zerstört. hunderttausende jüdische Existenzen vernichtet worden. Jüdisches Blut floß in Strömen, auf allen Schlachtfeldern — und wird jetzt noch vergossen durch die Hände der Völker, die die Geburt ihrer nationalen Freiheit mit entsetzlichen Pogromen und Judenschlächtereien feiern. Und die grausigen, blutigen Pogromwellen reißen die zerschlagenen ostjüdischen Massen aus ihren Reihen heraus und schleudern sie über die Grenze nach dem benachbarten Deutschland. So sehen wir hier täglich unsere neuangekommenen, unglücklichen Brüder mit den blassen Gesichtern. In ihren Augen zittert die Todesangst naeh, die sie in ihrer Heimat verfolgt hatte, auf ihren gebeugten Schultern tragen sie die Tragödie des jüdischen Volkes. So kommen sie hierher. — und dä stehen sie vor der furchtbaren Frage: „Was nun? Was soll jetzt mit uns geschehen? Was fangen wir nun an?“ und eine Kette von neuen Sorgen. Schwierigkeiten und Leiden beginnt für sie. Diesen unseren Unglücklichsten, durch alle höllischen Fegefeuer gewanderten Brüder zu helfen. — das ist die vornehmlirViste Pflicht der Ostjuden, die hier in Deutschland seit Jahren leben und sich hier mehr oder weniger gesicherte Existenz verschafft haben. Wer steht ihnen denn näher als die Ostjuden selbst? Wer vermag ihre Leiden und Qualen heißer und tiefer mitzufühlen als wir Ostjuden, die wir früher selbst aus jener Höllensphäre hergekommen sind? Überall im Reiche, wohin sich auch der Strom der ostjüdischen Einwanderer ergießt, müssen die ansässigen Ostjuden ein Hilfswerk für sie organisieren: Speiseküchen und Arbeitsnachweise, Unterkunftsräume und Unterstützungskassen, Rechtsschutz und juristische Hilfe. Das alles muß einen brüderlichen Charakter tragen! Ein warmes, liebevolles Trostwort ist mitunter mehr wert als Geldunterstützung. Die Hauptsache ist nicht bloß, was man tut, sondern auch, wie man es tut! Gewiß wissen wir und erkennen es auch an. daß unsere deutschen Brüder auf diesem Gebiete viel leisten, wir wollen uns auch gar nicht von ihnen absondern. wir wünschen mit ihnen zusammen zu arbeiten, — allein, sie sind in ihren Gefühlen mit unseren östlichen Brüdern doch nicht so eng verbunden wir wir selbst, die wir mit diesen durch Jugenderinnerungen und1 gemeinsames Schicksal, durch kulturelle, psychische und geistige Bande aufs innigste verbunden sind. Und deshalb müssen die Ostjuden in jeder Stadt die Organisierung und Durchführung des Hilfswerkes für die ostjüdischen Einwanderer selbst in die Hand nehmen. Dazu gehört aber eine große, einheitliche über das ganze Reich ausgedehnte Organisation! Die ganze Hilfsaktion muß planmäßig, systematisch durchgeführt werden. Das ganze Material muß in einer Zentralstelle gesammelt werden, damit man weiß, wie die Lage in den verschiedenen Teilen des Landes ist, welche Arbeits- und Aufenthaltsmöglichkeiten überall vorhanden sind. Dieses Material ist auch erforderlich für die Durchführung notwendiger politischer und rechtlicher Aktionen, die nur von einer zentralen einheitlichen Organisation erfolgen kann, welche autorisiert ist, im Namen aller Ostjuden in Deutschland zu sprechen, und positive statistische Grundlagen vorzulegen im Stande ist. Diese einheitliche Organisation ist der „Verband der Ostjuden in Deutschland44. Das Grundprinzip des Verbandes ist die Selbsthilfe! Die Ostjuden sollen sich selbst helfen. Sie sollen sich nicht mehr auf die Wohltätigkeit ihrer deutschjüdischen „Gönner“ verlassen und ihr Schicksal in die eigne Hand nehmen! Die Selbsthilfe ist gerade in der gegenwärtigen Zeit besonders dringlich! Zwar hatten die ausländischen Juden bisher genug Hindernisse zu überwinden, der gegenwärtige Moment ist jedoch, ein ganz besonders schwerer. Wir leben jetzt in wechselvollen unsicheren Verhältnissen. Jeder Tag kann neue peinliche Überraschungen bringen. Wir wissen heute nicht, was morgen mit uns geschehen kann. Dunkle düstere Wolken verdüstern den Horizont. In einer solchen kritischen Stunde mü§sen Wir alle Kräfte vereinigen, müssen

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