Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 31 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 365 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102975-9140164--02941-9075761- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 31 Das Jüdische Ecbe 365 muß ein „Stand1 sein, der unbestochen um den Alltag, und doch nicht lerne von ihm. die Güter des schöpferischen Glückes bewahrt. Er kann nur kommen durch den Dienst an den überlegenen und schaffenden Menschen.“ Ein Gefühl* des Stolzes und der Beschämung: zugleich erfaßt uns. wenn wir erfahren, wie der vielleicht edelste Teil der deutschen Jugend uns. die wir uns als die Juden der Rückkehr betrachten. zum Vorbild nimmt. Wir dürfen aber eins nicht dabei übersehen, wodurch sich unsere Idee von der Idee der freideutschen Jugend unterscheidet. deren „Sendbote“ Blüher sein will. Seihe Idee ist vor allem eine geistige Idee, die nur in ihren letzten Auswirkungen sich mit dem politischen Leben der Zeit befaßt. Wir dagegen gehen vom Politischen aus. Etwas Konkretes, die Rückkehr nach Erez Israel, die Schaffung einer Heimstätte. die Lösung der Judenfrage ist das Primäre. Wenn wir uns freimachen wollen vom materialistischen Geiste, wenn wir unsere Bewegung mit dem echten Sozialismus zu erfüllen suchen, den auch Blüher meint, so ist diese Iede gewiß tief innerst aus dem Judentum gewachsen, vielleicht aber doch nur durch die Zeit, in der wir leben, oder doch erst durch den Zionismus erweckt worden. Dieser Sozialismus, dieser Kampf gegen Rationalismus und das Habenwollen, ist kein „Stand“ und kein „Orden“ wie die freideutsche Jugend. Und fühlt sich daher nicht im Gegensatz stehend zur Gesamtheit des übrigen Volkes. Sie will kein Bund der Edlen sein, keine Gemeinde von Menschen, die „alle etwas vom Priester oder König an sich haben“. Sondern sie ist eines mit dem ganzen Volk, will „Dienst“ tun am ganzen Volk. Die Juden der Rückkehr — erfüllt von diesem jugendlichen Geist —. sie sind (ich folge einem Gedankengang Kurt Blumenfelds) die jüdische Jugendbewegung. Eine besondere Ausprägung hat die jüdische Jugendbewegung in der Richtung eines Dr. Siegfr. B e r n f e 1 d gefunden, den wir am Mittwoch, den 23. d. M, im Hotel Union hörten. Sein Thema: „Das jüdische Volk und seine Jugend“ ist auch der Titel eines soeben erschienenen Buches und weil Rede und Buch, im wesentlichen die gleichen Gedanken enthalten, so sei es mir gestattet, beide gleichzeitig zu besprechen.*) Zwei Voraussetzungen: die eine ist. das jüdische Material, ist so selbstverständlich, daß es kaum irgendwo betont wird. Es gibt kein Kapitel: die jüdischen Einrichtungen. In der Diskussion wurde dies vermißt und gesagt Bernfelds Gedanken könnten sich genau so auf ein beliebiges Volk beziehen wie auf das jüdische. Falsch! So wie jener in der „ostjüdischen“ Stadt Wien vielleicht nach langem Kampf und gewiß durch Nurbeschäftigung mit jüdischen Dingen schließlich zur Selbstverständlichkeit seines Judentums gelangte, so ist ihm dies Ausgangspunkt und Grundlage. Die Geistigkeit, das Nationale, die Hingebung und endlich das Ziel, die „Utopie“ (etwas, was mit unserem Maßstabe nicht zu werten ist), sind nur jüdisch denkbar. (Doch soll Lenin bei Petersburg eine „Kinderstadt“ für 10 000 Kinder gegründet haben.) Die andere Voraussetzung liegt in der Erkenntnis, daß die übliche Wertung aller Dinge in unserer Zeit grundsätzlich falsch ist. Alle Lebensäußerungen. alle Menschlichkeitsziele sind der Kritik *) R. Löwit Verlag. Wien 1919. Br. M. 5.50, geb. M. 7.70. (z. Zt. vergriffen. Neuauflage erscheint demnächst.) unterworfen und, weil sie Verächter ist. wird .Revolution“ gepredigt. Revolution heißt hier Umwertung aller Werte, nicht plötzliches mit Gewalt, geschweige denn politisch sich äußerndes Geschehen, sondern Erkenntnis der nackten Wahrheit und ihre „unbedingte“ Verwirklichung durch Wort und Tat. Sie dauert ungemessene Zeiten, Minuten oder Jahrhunderte und kann von weitem manchmal nicht anders aussehen als Entwicklung. Dies sind die Grenzen, die jüdisch nationalen nach unten, alles menschliche Leben nach oben. In solch weitestem Rahmen behandelt der Autor sein Thema. Es ist nicht, wie wir vor dem Hören und Lesen erwarteten. Bewegung der Jugend, etwas von der Jugend Ausgehendes, Subjektives, Aktives, das uns entgegentritt, sondern ein Buch, dessen Ziel ist. die Erziehungskunst ehies Wvneken. Otto, Montessori und Hall „ihre Gedanken und Taten, ihre Gesinnung und ihr Wollen dem jüdischen Volk, der jüdischen Jugend zu vermitteln.“ Erziehung ist nicht nur gleich pädagagischer Einwirkung gesetzt, sondern umfaßt (bezw. ersetzt) Elternhaus und Schule, Spiel auf der Straße und Ferienreise, und alle hygienischen Maßnahmen, die Sorge für Wohnung, Kleidung. Esen und Trinken der Jugend und vor allem die Jugendbünde, dennoch sie soll aktiv gemacht werden. Erziehung sei Jugendleben. Und selbst wenn es dem Erwachsenen falsch erscheint und vermöge seines Andersseins erscheinen muß, die Jugend hat ihr Selbfstbestimmungsrecht. Dieses wird aber dem neuen Kulturwillen nur entsprechen, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: die Jugend muß dem Geiste gegeben werden, sie muß frei sein von jedem Zwang der Erwachsenen, sie muß gebunden sein innerlich an die selbstgewählten Führer. Man lese die „Utopie“, man lese sie in einem Zuge, man versuche einmal, sich ganz und restlos in die Gedankenwelt dieses Menschen zu versetzen, sich einmal kritiklos diesen gewaltigen und gewalttätigen Worten hinzugeben Dann versteht man ihn. Hinterdrein kann man ablehnen oder den Autor über sich selbst hinausheben, wie er vermeint, aber Vorurteile lasse man zuhause. Mich erfaßten zwei Gefühle beim Lesen, wie beim Hören. Ich wurde mitgerisen vom Glanz der Sprache, von der mannigfaltigen Ausdrucksform, von der bezwingenden Art und Geste. Und der geistige Inhalt, sobald ich ihn nur erfaßte, gab mir Freudigkeit. Sicherheit und Begeisterung. Aber auch das Gegenteil fühlte ich. mußte ich fühlen. Wir jüdische Jugend in Deutschland, wir K.J.V.er, wir Blau-Weiße, wir Turner und Volksheimler. ja auch die Leute vom Hapoet-Hazair, wir sind weit, weit entfernt von Bernfeld, wir sind Bourgeoise gegenüber den Bernfeldianern. Können wir zu ihm körnen, wollen wir? Ich weiß vom K.J.V. daß es ein Männlichkeitsideal also ein Erwachsenenideal hat, ich weiß vom Blau-Weiß, daß er Hingebung Kritiklosigkeit, Natürlichkeit will, daß er die Jugend wohl revolutioniert gegen falsche, lügnerische, eingezwängte und gesetzlich geregelte Lebensform unserer Gesellschaft. Aber erstrebt er diese Rastlosigkeit diese ewige Problematik, diese Revolution alles Bestehenden? Dieses letzte vielleicht, denn er sagt es, ohne noch bis zum Radikalismus Bernfelds vorgedrungen zu sein. Er ist aber noch1 viel zu genießend und glüht für Idteale, ohne noch sich selber frei und nur gebunden an Führer gemacht zu haben. Aber ein Funken glüht in ihm vom Jerubbaal. Wird er zur Flamme werden? Eins ist. was ich als Einschränkung der reinen Idee empfinde, die Grenze nach oben. Seine Ju-