Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 31 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102975-9140164--02940-9075760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
364 Das jüdische Echo Nr. 31 bad ist noch zu klein, die Romanowtaktik ist noch nicht konsequent durchgeführt. noch muß ein Drittel der Juden ausgeschlachtet. ein Drittel ausgehungert werden und ein Drittel auswandern. Nur so kann nach polnischer Anschauung die Judenfrage radikal gelöst werden. Und so wird der Pole wohlwollend die Hand drücken, aber sie auch gleichzeitig erdrosseln, er wird „prüfen“, aber nie gerecht handeln, er wird versprechen, aber nie halten. Diese entseelten, ausgekernten Schalenmenschen werden uns stets Ketten auferlegen und verlangen, daß wir sie noch mit Hochachtung tragen, uns unablässig unterdrücken und mit ihrer Knute erwarten, daß wir ihnen treu zugetan sein sollen! Kenner des Ostjudenproblems, wie Grabowsky. sahen den heutigen schrecklichen Zustand der Juden in einem selbständigen Polen voraus. Die Juden wären damit den Polen ausgeliefert. was bei dem polnischen Antisemitismus eine schwere Gefahr für die national-jüdisch gesinnten Elemente wäre. (Grabowsky: „Die polnische Frage.“) Das gesamte polnische Judentum denkt nun heute national, aber auch die wenigen Abtrünnigen, die früher Sklavendienste leisteten, wurden schon ihrer Blutsverwandtschaft wegen von den Pogromheliden nicht verschont. Eine ausgesprochene Wirtschaftspolitik, die nur auf Brot und Gerechtigkeit und weniger auf nationalistich-kulturelle Programme hinzielen soll — wie Dt. Sigbert Feuchtwanger in seinem Werk „Die Judenfrage“ verlangt — wird' heute in einem freien Polen auf einen ungeheuren Widertand stoßen. Brot und Gerechtigkeit, jene primitivsten Forderungen jedes Menschen, widersprechen heute dem systematisch durchgeführten Pogrom-Programme des polnischen Volkes. Und es geht das polnische Judentum unter diesen Umständen einem großen Sterben in seiner ganzen Pracht und Seelengröße entgegen. Die Polen wollen die Judenfrage nicht gerecht lösen. Auch Palästina kann jetzt dem gesamten polnischen Judentum nicht die radikale Lösung bringen. Die Durchführung einer systematischen Auswanderung, der Ausbau unserer nationalen Heimstätte ist eine Zeitfrage. Unser heißensehnter Traum ist der Verwirklichung nahe, in Palästina wird ein gesundes jüdisches Leben entstehen und wir werden Zionisten haben, denen es beschieden ist in Palästina zu wohnen und Juden, die noch nicht in Palästina sind und hier im Galuth werden bleiben müssen. Palästina wird uns Wachstum, Erstarkung und Lebenskraft verleihen, es wird die von sittlichen Miasmen verpestete Luft, in der wir unser trauriges Dasein fristen, neu beleben, reinigen, heiligen; das jüdische Leben wird an Aktivität und Intensität voller und reicher werden. Diese reinen, veredelten Fäden, die um uns von dort gezogen werden, werden unseren Geist, unser höheres Seelenleben aufrichten, unser Wesen sittlicher gestalten, unserer ganzen Struktur positiven Rückhalt verleihen. Durch die Gewinnung des neuen Begriffes „Erde“ werden unsere nationalen Normen strenger, weltwirklicher fixiert werden und unser einheitlicher Zusammenhang. unser gemeinschaftliches Leben, unsere ganze geistige Produktivität wird festbegrenztej übereinstimmen können! Das Pariavolk wird neubelebt, wieder aufgerichtet, in seiner Varietät nicht mehr verkommen! — Die Schaffung eines halbwegs menschlichen Daseins den polnischen Juden während dieser Übergangszeit dieses Problem muß eine rasche Lösung erfahren. Die muß aber durch andere Mittel und Wege kommen, von den Polen direkt ist sie nicht zu erhoffen! Jugend und Judentum. Zu Beginn des Jahres sprach Blüher, der geistige Führer der Freideutschen Jugend, hier zweimal vor ausverkauftem Saat über das Thema: Deutsches Reich, Judentum und Sozialismus. Diese Rede, die auch in mehreren anderen deutschen Städten gehalten wurde, liegt seit kurzem gedruckt vor und ist dadurch unserer Betrachtung näher gerückt worden (G. C. Steinicke. München. 1919, Mk. 1.35). Der Hörer, der unbefangen zu dem Vortrag kam. der Leser, der Blüher nicht kennt und das kleine Heft mit dem packenden Titel zur Hand nimmt, vermutete vielleicht und wird vermuten eines jener zahllosen Themata behandelt zu finden. die mit ihrem . und1 das Judentum“ entweder eine Verteidigung des Judentums oder einen Angriff auf das Judentum und nur selten eine objektiv-wissenschaftliche Vergleichung enthalten. Und je nach seiner jüdisch-politischen Stellung oder Nichtstellung ist sein Vorurteil. Aber er sieht seinen Irrtum bald ein. Diese Rede ist an die Freideutsche Jugend gerichtet und das jüdische Volk ist hier nichts anderes als das Vergleichsobjekt mit dem deutschen Volk, als das Vorbild für die, zu denen Bl. spricht. „Denn es gibt kein Volk, das uns Deutschen seinem Schicksal (nicht seinem Inhalte) nach verwandter ist als die Juden.“ Blüher kämpft gegen den Materialismus der Zeit und stellt ihm die Idee gegenüber. Das jüdische Volk hatte seine Idee durch die Jahrtausende, die stark genug war, nicht nur es zu erhalten, sondern auch mit seinem Geist zu durchsetzen — das war die Thora. Und eine andere Idee, Zion, läßt die Juden, die nur mehr „bloße Rasse“ waren, wieder zum Volk verden. „Aber wir Deutsche haben keine Thora, und wir haben keinen Tempel.“ Und nun zeigt der Redner, wie es doch eines gibt, das jener Idee gleichkommt, die Idee des deutschen Reiches. Diese Idee darf aber nicht gewollt sein, sondern sie wächst unbewußt. Damit meint Blüher das Deutschtum der Alldeutschen, das er aufs schärfste geißelt, das ihm nur eine „Germantik“ ist, ein Rechenexempel, das „die Professoren und die sonstige Intellektuaille“ vorgerechnet haben. Noch etwas weist er zurück, den politischen Sozialismus unserer Tage. Dieser Sozialismus ist ein „überwiegend jüdisches Denkprodukt“, spiegelt eine Eigenschaft der jüdischen Rasse wieder, „die sich bei ihrem staats- und volklosen Dasein mit Notwendigkeit bei ihnen ausbilden mußte: nämlich die Rationalisierung des Staatsphänomens“. In diesem Zusammenhang spricht Blüher von drei Typen der Juden, dem „Juden der Rückkehr“, der ihm „der oberste Typus“ ist, dann dem geistigen Typus, der sich ganz dem abstrakten Denken hingegeben hat und „statt der bloßen Assimilation“ „eine wirkliche Synthese“ in sich zusammengebracht hat. und schließlich dem „Tschandala“-Typus. dem Assimilanten. Der Jude der Rückkehr ist ihm Vorbild. „Im Zionismus versucht der Jude den Rücksprung von der Rasse zum Volk: Er ist eine Bewegung von unbedingter geschichtlicher Größe.“ „Wenn für uns die Worte Deutsches Reich noch einen Sinn haben können, so kann es nur der sein, der für den Juden im Worte Zion liegt.“ Vor dem andern aber, dem Assimilanten. warnt Blüher seine Jugend. Er zitiert Buber : „Jugend ist die ewige Glückschance der Menschheit“ und nennt Jugend „den Stand, der in Unbedingtheit leben will“. Sie