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Das jüdische Echo · 1919-07-11 · 28 (11.7.1919) · p. Seite 329

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
Seite 329 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28 Das Jüdische Echo 329 im Prinzip restlos verneint, wird wohl auf ein besonderes inhaltlich bestimmtes Wertgefühl zurückzuführen sein. Was die Theorie vom objektiven Kriterium des Nationalen selbst betrifft, so wollen wir uns hier mit der kurzen Bemerkung begnügen, daß unseres Erachtens eine umfassende und erschöpfende Definition des nationalen Phänomens noch nicht gefunden ist. Ein Kriterium müßte aber die Elemente einer derartigen Definition ienthailten. Diie objektive Theorie des nationalen Bewußtseins scheitert an der greifbaren Wahrnehmung, daß der englisch sprechende Neger und Neuseeländer (und auch Kanadier) kein Engländer ist noch sein will, und daß nun einmal die Nabelschnur, die das Menschenkind an die Mutter Erde fesselt, zerschnitten ist und Menschen und Völker sich über den Erdball hin und herschieben. Man frage auch die eine niederdeutsche Mundart redenden und auf gut deutscher Scholle ansässigen Elsaß-Lothringer, warum sie sich ehrlich und aufrichtig als „Franzosen“ betrachten. Französische Gelehrte haben sich in diesen Jahren denn auch geflissentlich auf die rein subjektive Auffassung des Nationalgefühls berufen, und es scheint, daß der geistvollste Begründer der subjektiven Auffassungsweise, Ernest Renan, nicht ohne Hinblick auf das elsaß-lothringische Problem die berühmt gewordene Formel geprägt hat: Eine Nation ist, was eine Nation sein will. Hier müssen wir aber Halt machen. Unseres Geistes Licht vermag die dunklen Gründe des Einzelwillens nicht zu erhellen. Die Offenbarungen des Gesamtwillens bleiben ihm ein Mysterium. Daß die Juden ohne Land und ohne Sprache ihr völkisches Zusammengehörigkeitsgefühl — ein krankhaftes und gebrochenes, aber ekstatisch-übermächtiges Gefühl — Jahrtausende hindurch bewahren konnten — die religiösen Satzungen als nationale Differenzierungsformen hätten schwerlich die naturgewachsenen Bindungen zui ersetzen vermocht! — und noch heute bewahren, deutet auf tiefer liegende Wurzeln des völkischen Empfindens, tiefer, als das Senkblei eines armen Rationalismus reicht, und von anderer Dimertsionalität als die, für die die normativen Maßstäbe gelten. All das ist schließlich graue Theorie. Von eminenter, prickelnder Aktuelität sind K1 a t z k i n s Ausführungen über Galut und Palästina. Der Ablehnung des Achad-Haamschen Theorems vom „geistigen Zentrum“ pflichten wir insofern bei, als diese Idee in ihrer üblichen naiven Auffassung, wonach Palästina zum organischen Mittelpunkt der großen Galutperipherie werden könnte, tatsächlich den Ausfluß verschwommener, von keiner geschichtlichen Erfahrung gestützter Vorstellungen darstellt. Das Leben entwickelt sich nicht nach Paradigmen, sondern nach immanenten Gesetzen. Diese immanenten Gesetze wurzeln in den jeweiligen sozialen Gegebenheiten. „Palästinazentrie“ ist ein schönes, aber leider gedankenloses Wort. K1 a t z k i n hätte daran erinnern können, daß das große, mächtige „geistige Zentrum“ Deutschland nicht die Deutschen Amerikas, das große „geistige Zentrum“ Frankreich nicht die Franzosen Kanadas vor der fortschreitenden Assimilation schützt. Während aber Klatzkin diese Ablehnung in meuchelmörderischer Absicht ausspricht, verbindet sie sich bei uns mit der Zuversicht in die Kraft zur Selbsterlösung. Die Aussicht auf die Erhaltung eines „Elites“ würde uns ein sehr schwacher Trost für die Gewißheit des Unterganges von sagen wir zehn Millionen Juden des Galut bedeuten. Wir würden es vielleicht persönlich vorziehen. den Untergang der Vielen als den „Übergang“ der Wenigen mitzumachen. So sind wir komischen Käuze einmal, die den lebendigen Menschen noch mehr als die Idee, den leibhaftigen Juden mehr als seine „Formen“ lieben. Allein ist das Galutjudentum wirklich dem Untergang geweiht? Hat das Weltgericht der Weltgeschichte ein Todesurteil über dieses Volk gefällt und ist dieses Weltgericht wie ein Revolutionstribunal oder ein Standgericht berufungslos? Mit nichten, sagen wir. Wie die Natur, so macht auch die Geschichte keine Sprünge, aber sie verschmäht offenbar auch Geradlinigkeit und Eingleisigkeit Sie ist jedem Radikalismus und jeder Scharfmacherei abhold. Hart aufeinander stoßen die Gedanken, friedlich nebeneinander wohnen die Dinge in Raum und' Zeit. Und Frau Klio läßt mit sich reden. Noch hat ihr Buch, darin auch das Schicksal des alten Volkes steht, niemand entsiegelt. Sie hat in diesen Jahren des Unheils viele böse Streiche verübt, aber auch sie ist eine Macht, die häufig Böses will und Gutes schafft. Die politischen Gestaltungen in den Gebieten der jüdischen Massensiedlungen haben die Zukunftsaussichten des Galut Judentums sehr verbessert. Mit dem Niederbruch des großrussischen Kultureinflusses ist das immer näher rückende Gespenst einer östlichen Assimilation für alle Zeiten gebannt. Die Sicherung der national-kulturellen Rechte der jüdischen Minderheiten in den Friedensverträgen, die. wenn nicht alle Zeichen trügen, diesmal nicht auf dem Papier bleiben wird, steigert die Zukunftsmöglichkeiten beträchtlich und gewährleistet eine hemmungslose Entfaltung der nationalen Lebenskraft. Der Wille zur Zukunft ist in diesen Tagen in der Judenheit lebendig wie kaum jemals. Im Galut Amerika, der doch dereinst alle anderen jüdischen Zerstreuungen im Osten verschlingen wird wie Pharaos mageren Kühe die fetten, regt es sich mächtig. Das jüdische Schulwesen und das Schaffen in der nationalen und in der Volkssprache blüht auf. Auch der Kampf um die nationalen Lebensformen, der Sprachenkampf wird einen anderen Austrag finden als unsere Entweder-oder-Politiker glauben. Unsere Zukunft ist auf das Sowohl-Aueh eingestellt. Alles deutet darauf hin, daß aus der gegenwärtigen Zersplitterung und aus dem Widerstreit der Kräfte und Wallungen eine höhere Synthese und eine neue lebendige Einheit hervorwachsen wird. Und der nationale Lebenstrieb wird sich wieder seine Lebensformen schaffen, lebendige Formen, die ewig sich prägen. Das neue Palästina wird kein „Mittelpunkt“ und kein „geistiges Zentrum“ dieses vielfältigen, weitverzweigten jüdischen Volkslebens in der Diaspora, jedoch ein mächtiger, fruchtbarer nationaler Kraftspeicher werden, von dem schöpferischer „Entwicklungsreiz“ nach allen Richtungen und Sammelpunkten jüdischen Volkslebens und Schaffens ausgehen wird, wie er in immer steigendem Maße schon jetzt ausgeht. * * * Unser kritischer Querschnitt durch das neue Buch Jakob Klatzkins hat wohl das Wesentliche, keineswegs jedoch den ganzen Gedankenreichtum des Werkes bloßgelegt. Der Gedankenreichtum wird aber von einem Reichtum an jüdischem Gefühl noch überstrahlt, das in den tiefsten und höchsten Tönen mitschwingt und jenen Eindruck der Lebendigkeit und der Lebensfülle hinterläßt, der jedem Echten und Ganzen eignet. Die rote Farbe des glühenden Erlebens ist von der Blässe der Abgezogenheiten nicht angekränkelt. i

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