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Das jüdische Echo · 1919-07-11 · 28 (11.7.1919) · p. Seite 328

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
Seite 328 (sequence 4)
Language
German
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328 Das Jüdische Echo Nr. 28 des Leidens durch die Tat die ungetan zu lassen Schuld bedeutet. Das höchste menschliche Ideal, das dem religiösen Judentum varschwebt, ist nicht das Christus-, sondern das Messias-Ideal Auf jüdischem Boden ist die Lehre gewachsen, daß ein jeder Jude verpflichtet ist, durch sein persönliches Handeln die Tage des Missias mit herauf zu führen, die in der unverfälschten Überlieferung nichts anderes bedeuten als die Tage der vollendeten Befreiung dds jüdischen Volkes. Schuld bedeutet es, als nichtmissionierender Missionar, die Hände im Schoß, das Kommen des Messias zu erwarten. Sühne der Schuld dagegen und einen Abglanz von Messiastum. an der Wiedergeburt des jüdischen Volkes fort und fort bis zum letzten Atemzuge tätig mitzuarbeiten. Weil das jüdische Volk sein eigener Messias werden muß. darum genügt es nicht, daß einige wenige, die im Rufe besonderer Begabung, besonderer Tatkraft oder besonderer Mittel stehen, als Träger und Wirker des Befreiungsgedankens angesprochen werden, nein, ein jeder Sohn und eine jede Tochter unseres Volkes ist erkoren, den Kampf der Freiheit mitzukämpfen. Gar manchem mag die Versuchung nahe liegen, unter dem Vorwände seiner Unbedeutendheit und Schwäche, seiner Einflußlosigkeit oder seines Alters sich wohlwollend, aber tatenlos im Hintergründe zu halten, doch auch ihn können wir von Schuld nicht frei sprechen bei diesem Kampfe, der eine Dienstunfähigkeit nicht kennt. Und da hier jeder als Kämpfer willkommen und beinahe unentbehrlich ist so erwächst uns die weitere Pflicht den Willen zum jüdischen Volke und seiner Erneuerung bei all unsern jüdischen Volksgenossen zu erwecken und in den Brennpunkt ihrer Lebensgestaltung zu stellen. Wir dürfen uns nicht dämit zufrieden geben, daß wir selber unentwegt streiten, an uns ist es, allenthalben unermüdlich Mitstreiter zu erwerben, die. indem sie für das Glück ihres Volkes kämpfen, auch ihrem eigenen Lebensglück die Pforten öffnen. Nicht in krankhafter Tatenlosigkeit zu verharren und in unsittlicher Lässigkeit zu leiden gilt es, bis die eingebildete „Schuld der Väter“ ab^ebüßt sei. sondern in jüdisch-zähem Ringen wollen wir unserem Volke die Zukunft erzwingen. Probleme des modernen Judentums. III. SctHußbetrachtung. In den vorausgegangenen Abschnitten*) sind die Hauptthesen Klatzkins, die die tragende Grundlage seines ganzen Gedankenbaues bilden, zur möglichst umfassenden und authentischen Darlegung gelangt. Eine über den Rahmen einer bloßen „Würdigung“ hinausgehende grundsätzliche Stellungnahme zu diesen wichtigen Feststellungen und Schlüssen des Klatzkinschen Buches ist schon aus dem Grunde nicht leicht und kaum tunlich, weil sich diese Feststellungen und Schlußfolgerungen auf einer sehr schmalen theoretischen Basis bewegen. Mehr aktuellen als sachlich-wissenschaftlichen Intentionen folgend, hat der Verfasser, den der Deutschlesende aus seinen allerdings bruchstückartigen Aufsätzen im „Juden“, vor allem aber der Hebräischlesende aus seinen hebräischen Arbeiten im „Haschiloach“ als einen tiefschürfenden, eindringenden Denker kennt, auf eine restlose gedankliche Durchdringung und Ergründung der Probleme zugunsten einer größeren Wirkungsmöglichkeit verzichtet. *) Siehe Nr. 24 u. 25 d. „Jüd. Echo“. Dieses Verfahren, das dem von der Stichhaltigkeit seiner Grundlegungen, zu denen ja ein idealistisch gerichteter Geist auf dem Wege müheloser und zweifelsfreier Intuition zu gelangen pflegte, von vornherein durchdrungenen Verfasser als berechtigt erscheinen mag, muß freilich einen vom bösen Tatsachengeist geplagten, auf den Krücken der Induktion den Gegebenheiten nachlhumpelnden Kritiker zum Widerspruch reizen. Einem zionistisch gesinnten Kritiker — der Zionismus selbst ist ja! die denkbar entschiedenste Desavouierung aller Induktion — muß es obendrein nicht gerade leicht fallen an Postulaten zu rütteln, die unserer gesamten nationalen Weltanschauung zu Grunde liegen und bereits die Bedeutung von regulativen Prinzipien erlangt haben. Das ist bei der Lehre vom Kriterium der Fall. Die von K1 a t z k i n vertretene Aufassung von der Bedingtheit des nationalen Wesens durch die Form und nicht durch! Inhalt, die Anerkennung der territorialen und sprachlichen Lebensform als ausschließliches Kriterium des „reifen Nationalismus“ und die von Wirklichkeitserscheinungen ganz abstrahierenden, von allen jenseits der „Normalgrenzen“ wirkenden und lebensgestaltenden Formkräften absehende Gleichsetzung der territorial-sprachlichen Formwerte mit Hebräisch und Palästina müssen in ihrer vollen und uneingeschränkten fundamentalen Bedeutung für die Bewegung in noch) stärkerem Maße als für die Idee des Zionismus anerkannt werden. Sie bilden unverrückbare und unverbrüchliche Postulate unserer ..praktischen Vernunft“. Allein sie sind Abstraktionen vom Idealfall, Vor Wegnahme einer Zukunft, die Sehnsucht ist und nicht Tatsächlichkeit, Möglichkeit und nicht Wirklichkeit. Die „reine Vernunft“ begehrt auf. Schon die primäre Begriffsspaltung Form-Inhalt stimmt sie mißtrauisch. Sie gemahnt sie an ihren großen Freund und Preller Immanuel Kant mit seinem unaussprechlichen a priori und seinen „Formen“ der Anschauung und seiner kleinen Verkennung des Umtsandes. daß es keine Form ohne Inhalt, keinen Inhalt ohne Form gibt und daß Form und1 Inhalt Aspekte eines Prinzips sind. Die „reine Vernunft“ der Geschichte und der Soziologie, schon von Hatus aus gewitzigter und einsichtiger als ihre philosophische Schwester, läßt keine aus dem Bereich dieser letzteren entlehnte Trennung des Untrennbaren zu. Die Sprache, „lebendige Form, die ewig sich prägt“, ist nicht allein Ausdruck und Niederschlag sondern auch Medium und Prinzip des Erlebens, ist Teil und Element inneren Geschehens, ist geschaffene und schaffende Natur, ist Inhalt. Uns dünkt: gerade die hebräische Sprache, die doch seit Jahrtausenden nicht mehr volle „lebendige Form“ ist und deren Fortpflanzung wohl nur durch innigste Bindung an geistige Inhalte, durch ihre Verinhaltlichung gesichert wurde, ist erst recht kaum als reines Formprinzip zu bewerten. Wäre das hebräische Wort allen Ideengehaltes bares Formelement, so läge es wohl nahe — die Lehre von der objektiven Form als Kriterium des Nationalen als vollgültig vorausgesetzt — die Würde der nationalen Lebensform der lebenden Volkssprache, dem Jidischen zuzuerkennen, deren reiner Formcharakter und deren differenzierende Bedeutung doch in einem ganz anderen Maße einleuchten müßte. Die „Jidischisten“ könnten sich mithin diese Auffassung vom Wesen des Nationalen durchaus gefallen lassen. Und daß wir keine Jidischisten sind, daß vor allem Klatzkin selbst den Jidischismus

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