Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 27 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Das Jüdische Echo 317 dete. Die Tiefe dieser Eigenart und das Geheimnis dieser Kraft erwuchs aber auch aus dem innigen Zusammenhang südrussischen, litauischen und polnischen Wesens; aus dem Widerstreit dieser mannigfachen Seelentöne entstand! jener höhere Rythmus der Einheit, der allem wahrhaft Ostjüdischen innewohnte, der die große Seele des Ostjudentums mit jener süßwehmütigen, von Erlösungssehnsucht geschwellten und doch so sieghaften und zukunftsgewissen Musik erfüllte! Nun wird diese Musik verstummen. Wenn uns aber etwas über das Unersetzliche trösten könnte, so ist es die Tatsache der Auferstehung des alten geeinigten, ruhmreichen polnischen Judentums, das das vor anderthalb Jahrhunderten verlorene und seither in der Trennung der Verkümmerung verfallene galizische Glied wiedergewonnen hat und nunmehr ein einheitliches und einiges Dreimillion envolk dar stellt, die ihm (und allen anderen Gliedern des ostjüdischen Volkstums) vom V e rsailjer Vertrag unverbrüchlich verbürgte Möglichkeit weitgehender nationalkultureller Selbstbestimmung, die seine alten Rechte auf polnischem Boden wiederherstellt, und — das wäre wirklich der wichtigste Aktivposten unserer nationalen Bilanz — daß die Aussichten und Ansätze einer Assimilation in Osten nunmehr gründlich vernichtet sind. Die Zentripetalkraft des übermächtigen großrussischen Kulturgeistes, von dem allein dem Bestand und der ungehemmten Entfaltung unserer nationalen Kultur auf östlichem Boden immer steigende Gefahr drohte, ist endgültig gebrochen. In seinem erlegenen Sitze, im heutigen Reiche der Räte, hat dies der Bolschewismus gründlich besorgt. In Polen ist die Assimilation unmöglich, in Litauen undenkbar. Mit gesicherter Rückenstellung wird das Ostjudentum den siegreichen Vormarsch zu hohen nationalen Zielen antreten, die freigewordenen Kräfte der Abwehr werden seinen Schöpferwillen beflügeln und befruchten; was es an Breite verloren hat, wird es an Tiefe gewinnen, die Einbuße an extensiver Energie wird von einer gesteigerten Intensität des neuerwadhten jüdischen Lebensgefühls vollauf wettgemacht werden. Zur 15. Jahrzeit Herzls. Theodor Herzl! Zum 15. Male jährt sich der Tag. da dein irdisches Auge für immer sich schloß, dein Herz von Fleisch und Blut zu pochen aufhörte, da der Engel des Todes deine Stirne küßte. Und doch klagen wir nicht in herbem Weh, geben uns nicht dem Schmerze ob der Trennung hin; nur leise Wehmut will uns beschleichen, daß wir nicht die Schranken dieses Planeten zu durchbrechen vermögen, um dir die beseligende Botschaft zu künden; die große Sehnsucht deines Lebens ist erfüllt, das letzte Ziel all deines Strebens ist erreicht, Zion ist auferstanden. Indes auch dieses Wehegefühl verzittert gar bald, und uns überkommt die beglückende Gewißheit, daß nur deinen Schatten die Gruft umfing, du selbst in Wahrheit wieder lebst, für uns und m i t uns lebst, i n uns lebst, daß dein Geist sich von uns nie getrennt, daß dein Herz für uns stets geschlagen hat. sowie auch unser Geist sich nie von deinem Geiste trennen Und unser Herz sich nimmermehr von deinem Herzen scheiden kann. Du hast das alte jüdische Erbe der Prophetie angetreten, als du uns in flammender Begeisterung aus tatenloser Lethargie jäh auf scheuchtest, uns zu erkennen zwangest, daß wir bis auf den Grund unserer Seele krank waren und! langsam dahinsiechten. Du reichtest dem kranken Riesen den Becher der Genesung, zaubertest vor seine fieberglänzenden Augen einer Fata Morgana gleich den „Judenstaat“, ließest vor seinem gebannten Blicke wie ein Märchen aus Tausend und eine Nacht „Alt Neuland“ erstehen. Da schoß durch den erstarrten Volkskörper eine siedendheiße Glutwelle, und der kranke Riese richtete das leiddurchfurchte Antlitz vom harten Schmerzenslager des Golus empor, seine zitternden Hände griffen — nach der Heimat und seine zuckenden Lippen flüsterten: „Heimat ist Glück“! An sein Ohr aber drang die Wunder Verheißung des Propheten: „So du willst, ist es kein Märchen.“ „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen!“ Als Mensch hat Herzl bisweilen geirrt; gedacht und erstrebt, was unzweckmäßig gewesen, was er: später selbst als Verirrung erkannt hat. Als Prophet hat er unverbrüchliche Wahrheit verkündet: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen!“ Ohne unser Wollen wäre das Märchen —- Märchen geblieben, wäre von dem ätzenden Spotte unheilbar kranker Juden immerdar als gleißende Utopie verlacht, wäre Herzl als falscher Prophet an den Pranger gestellt worden. Jedoch wir wollten, und aus dem Märchen ward Wirklichkeit und die Stimme des Propheten hatte nicht getrogen. Herzls Prophetie ist echt und dennoch unterscheidet sie sich scharf von der Prophetie unserer biblischen Propheten. Nicht im Namen der Gottheit tritt Herzl auf und keinerlei Autorität nimmt er für sich in Anspruch. Er fordert nicht: ihr sollt, ihr müßt; er droht nicht mit Strafe und Ausrottung. Er wendet sich an den von Golusgift gelähmten Willen seines Volkes, denn er weiß, daß der Wille Berge versetzt, die der Glaube nicht versetzen konnte, wenigstens nicht der Glaube des Golusiuden. der an Gott zu glauben wähnt, auch da er den Glauben an sich selbst verloren. „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen!“ Solange ihr nur die andern Völker wollen laßt solange bleibet ihr lediglich Objekt der Weltgeschichte; erst euer Wille reiht euch unter die Subjekte des Weltgeschehens ein. erobert euch den Platz auf Erden, der von alters her euer Eigen ist. So ihr nur wollt, werden auch die Völker wollen. Durch diese Worte aber klingt in einer Sprache ohne Worte der innige Wunsch Herzls: „O wollet doch!“ Wohl haben wir gewollt, doch Herzl war es, der uns wollen lehrte, der zuerst den Feuerbrand in unsere Seele warf und sie vor unserem bewußten Ich erleuchtete, daß wir die letzte Wurzel unserer Glücklosigkeit erkannten und zugleich den Pfad erschauten, der von der Hölle uns zum Paradiese wies. Gewiß, auch vor Herzl hatten sich schon Stimmen erhoben, die die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina als Lösung der Judenfrage an empfahlen, doch erst Herzl war es Vorbehalten, das Judenvolk aus seinem katastrophalen Zustande zu erlösen, ihm „Zionismus“ in die Brust zu senken. Es reicht nicht aus, daß eine Idee ausgesprochen wird, um ihre Auswirkung zu garantieren, sondern alles hängt davon ab, wer die Idee ausspricht und wie er sie ausspricht: nur Herzl war berufen und erwählt, dem Zionismus das Leben zu geben und die Bahn des Gelingens zu weisen. Gleich unseren Propheten stand Herzl vom Augenblicke seiner Berufung ab im unablässigen Dienste seiner Lebensaufgabe. Wie die Propheten, verschmähte er nicht Politik und Diplomatie, um der guten Sache des jüdischen Volkes zum