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Das jüdische Echo · 1919-07-04 · 27 (4.7.1919) · p. Seite 316

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
27 (4.7.1919)
Date
1919-07-04
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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316 Das Jüdische Echo Nr. 27 massen hat erst alles jüdische Schaffen und Streben dieses Jahrhunderts möglich gemacht, bildete erst das Sammelbecken für die zersplitterten und zerrinnenden nationalen Energien die die Selibsterneuerung des Volkstums bewirkten. Ein jüdischer Geschichtsschreiber durfte im Grafen Ignatew. dem Urheber der „Maigesetze“, den größten Wohltäter des jüdischen Volkes feiern. Ohne diesen „Rayon“ wäre kein hebräisches und jüdisches Schrifttum, keine nationale Haskala, keine Chibat-Zion und keine modern-jüdische Volksbewegung und Volksidee denkbar. Karl Kautsky und Otto Bauer haben insofern mit ihrer Hervorhebung der grundlegenden Bedeutung der Siedlungskompaktheit für das Werden und Sein des jüdischen Volksgedankens durchaus recht. Und unzweifelhaft auch in ihrer Voraussage, daß die Aufhebung dieser Slfedlungsgemeinschaft unweigerlich zur Aufhebung des völkischen Sonderseins, zu Assimilation führen müsse. Von der Aufhebung der gesetzlichen Siedlungsbeschränkungen erwarteten diese Theoretiker die Zerbröckelung der ostjüdischen Siedlungskompaktheit: die innere Sammlungstendenz würde die äußere Absperrungstaktik nicht überdauern. „Sie (die jüdische Nation) vermochte sich nur zu erhalten durch engstes Zusammen wohnen der Juden. Die Berufe, auf die sich die Masse der Juden Rußlands konzentriert. vertragen aber zum großen Teil eine derartige Zusammendrängung nicht. Sie können nur gedeihen, wenn sie gemischt sind mit größeren Massen anderer Berufe, in denen die nichtjüdische Bevölkerung überwiegt. Gerade die erzwungene Zusammendrängung auf einen kleinen Raum, die heute den Schein der jüdischen Nationalität schafft, schafft auch das jüdische Elend. Mit diesem werden auch die Bedingungen der jüdischen Nationalität schwinden. Das Judentum muß nach dem Siege der Revolution die Freizügigkeit in Rußland dazu benutzen, um sich über den ganzen Staat zu verbreiten. (Kautsky, Rasse und Judentum, 1914). Drei Jahre später hatte die russische Revolution gesiegt. Und eine der ersten Taten der Revolutionsregierung galt der Aufhebung der Siedlungsbeschränkungen und der Gewährung von Freizügigkeit an die russischen Juden. Führte dies zur Aufhebung der jüdischen Siedlungsgemeinschaft, zur Zerstreuung und Atomisierung des russischen Judentums? Es wäre dies der Fall wenn Kautskys „Kastentheorie“, wonach die Juden eine wirtschaftliche Kaste und keine Nation darstellen, richtig wäre. Die Siedlungskompaktheit^ die um den tragischen Preis eines Armenstatus von 25 vom Hundert erkauft ist, müßte dann dem natürlichen Bestreben der Händlermassen weichen, „sich unter größere Massen anderer Berufe zu mischen, in denen die nichtjüdische Bevölkerung überwiegt.“ Da sie aber keine Wirtschaftskaste sind, sondern ein Volk mit völkischem Selbsterhaltungstrieb, so hat sie eben dieser nationale Selbsterhaltungstrieb auf die kleinen Vorteile der Einzelnen zugunsten des großen Vorteils der Gesamtheit verzichten lassen. So blieb die Einheit des großen russischen Judentums so lange gewahrt, wie die staatliche Einheit des Riesenreiches bestand. Das war bis zum „Frieden“ von Brest-Litowsk der Fall; die Massenevakuierungen der zaristischen Kriegstaktik und die Okkupation des weitaus größten Teiles des An Siedlungsgebietes taten dieser Einheit keinen Abbruch: die ersteren haben, ohne die Kompaktheit der alten Siedlungen im geringsten zu gefährden, obendrein neue jüdische Agglomerationen im Innern des Reiches ins Leben gerufen, während die künstlichen Schranken der Okkupation den unzerstörbaren Einheitswillen des ostjüdischen Volkstums erst recht in seiner ganzen unüberwindlichen Kraft zutage treten ließen. Gerade diese Jahre erzwungener Trennung und Zerrissenheit haben in wahrhaft ergreifender Sehnsucht nach Wiedervereinigung das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Bewußtsein der untrennbaren Einheit aller Glieder des großen ostiüdischen Volksorganismus mit Elementarkraft in jedem jüdischen Herzen entflammt; Berlin und Köln und München waren niemals so eins, wie in diesen Jahren gewaltsamer Trennung Warschau, Wilna und Odessa. Der Vertrag von Brest-Litowsk. der die staatliche Einheit des Russenreiches zertrümmerte, hob auch die politische Einheit des ostjüdischen Volkstums auf. Das große russische Judentum zerfiel in großrussische, ukrainische, po>lnische und litauische Teiljudentümer, deren nationale Lebensfähigkeit und vor allem Vermögen, den heiligen Faden des nationalen Schaffens fortzuspinnen. fraglich war. Der Zusammenbruch der deutsch-ukrainischen Seifenblasenpolitik hat zumindest die Wiedervereinigung des ukrainischgroßrussischen Judentums ermöglicht. Die ebenfalls in Brest-Litowsk vollendete Tatsache gewordene Loslösung des polnischen und litauischen Judentums vom russischen Gesamtjudentum ist durch die späteren Ereignisse nicht mehr rückgängig gemacht worden und ist nunmehr durch den Friedensvertrag von Versailles, der die staatliche Selbständigeit Polens und Litauens verbürgt, endgültig geworden. Das große russische Judentum gehört der Vergangenheit an. An seine Stelle tritt ein großrussisches, ein polnisches und ein litauisches' Judentum. Das litauische, polnische und südrussische Judentum werden den Weg zur Einheit niemals mehr finden, zwischen Warschau. Wilna und Odessa, den drei Quellpunkten jüdischen Kulturlebens, sind unübersteigbare Schlagbäume aufgerichtet. Die Vivisektion des großen ostjüdischen Volksorganismus, schmerzhafter und nicht minder tragisch als die Zerstückelung des polnischen Volkskörpers vor anderthalb Jahrhunderten, ist vollzogen. Die Tatsache der Siedlungskompaktheit des jüdischen Volkstums, die Grundbedingung jüdischen Eigenlebens und Schaffens, bleibt durch diese territoriale Zersplitterung ebensowenig berührt, wie die Möglichkeit der Aufhebung dieser Kompaktheit infolge Massenabwanderung und Zerstreuung über das wirtschaftlich aufblühende Riesengebiet des Russenreiches. Neun Zehntel des ostiüdischen Volkstums fristen in wirtschaftlicher Beziehung ein Proletarierdasein, und diese Handwerker- und Händlermassen haben nichts zu verlieren und auch — wenn nicht gerade — in einem bolschewistischen Rußland manches zu gewinnen. Es wäre verfehlt, die Zerstreuungsgefahr ebenso ohne weiteres zu verneinen wie sie von Kautsky bejaht wird. Darüber wird eine nahe Zukunft entscheiden. Bereits entschieden hat aber die Gegenwart über den Untergang des großen russischen Judentums, das in seiner Gesamtheit mehr und etwas anderes war als jedes seiner Teile. Seine Eigenart und seine Kraft waren in erster Reihe durch ein quantitatives Moment bedingt: ein jüdischer Kulturkreis, der ein zusammenhängendes, riesenhaftes Siedlungsgebiet von den Grenzen Deutschlands bis zum Schwarzen Meer umfaßte und dessen Träger ein einheitlicher, organisch verwachsener jüdischer Bevölkerungskomplex von 6 Millionen Seelen bil-

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