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Das jüdische Echo · 1919-07-04 · 27 (4.7.1919) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
27 (4.7.1919)
Date
1919-07-04
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten l!|IIIIIHIII!llllllll!llll>llllllllimiM!IIIIUIIIIIIIIIIIlll!lll]lllllllllllllllMMIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!lllllllllllllllimilllllllUIIIIIII!NIIIIII!llimill!ll!llllllll!nilllllllNmmillllllllllllllUllimillll!IIIIUIIIIIIIIIIII!IIIIIIIIIIIIIIMIMI Nummer 27 München / 6. Jahrgang 4. Juli 1919 Fazit. Von Leo Rosenberg:. Der letzte Akt des «roßen Trauerspiels ist zu Ende. Der Vorhang senkt sich über den Schauplatz eines grauenhaften Geschehens, das die Menschheit bald fünf Jahre lang: in seinem Bann Melt und dessen Nachklänge noch ihre späteren Geschlechter erzittern machen werden. Die Menschheit; denn keinem Volke und keiner Gemeinschaft auf diesem Erdenrund war in dieser Welittragödie die Rolle des Zuschauers vergönnt, alle mußten mithandeln und mitleiden, alle mitbluten und mithaßen, auch iene, deren Handeln nicht der eigenen Sache, deren Leiden nicht ihrem eigenen Schicksal galt, deren Blutopfer auf fremden Altären verröchelten und deren Haß, deren guter tausendjähriger Haß mit diesem Gegeifer einer tollwütig gewordenen Menschheit nicht eins werden durfte. Auch das jüdische Volk, dessen Hekatomben alle Schlachtfelder Europas und Asiens bedecken und! dessen Söhne, zahlreicher als je unter den Fahnen der Könige von Israel, dem blutgetränkten Banner folgten, ist, dem Gesetze der Gewalt und nicht dem eigenen Gesetze der Liebe folgend, den Weg des Fluches gewandelt, des Fluches, der der Gewalt auf die Spuren folgt. Noch ist die Zukunft Werden und nicht Sein, Möglichkeit und nicht Wirklichkeit. Keinem Auge eines Lebenden ist es gegeben, ihr Spiegelbild in der aufgewühlten Flut des Geschehens zu erblicken. Und diese Gegenwart hat nichts Gegenwärtiges, ist nur Gehäuse aller unsichtbaren Möglichkeiten, ist zukunftsschwanger bis zum Bersten. Wer Zukunft sagt, sagt aber Geschichte. und so soll nicht die Tiefebene des Augenblicks, sondern die hohe Warte der Geschichte den Standpunkt abgeben für eine Betrachtung, die im Werdenden das Seiende, im Möglichen das Wirkliche erkennt. Und von dieser hohen Warte der Geschichte, die Vergängliches ausschaltet und Zufälliges und Einmaliges femhält, wollen wir das Ergebnis dieser Jahre überblicken. Vergänglich und nicht schicksalhaft ist alles Leiden und alle Qual, die von äußeren Mächten und nicht aus innerer Bestimmung kommen, alles Handeln und Erleiden, das auf äußere, äußerliche Ziele und1 nicht auf innere Notwendigkeit gerichtet ist. Zufallsgeboren und flüchtig sind Begleiterscheinungen und Augenblickseinstellungen, bleibend und lebensgestaltend Tatsachen und Kräfte innerer Entwicklung. Der Tagesgeschichte gehören die ersten, der Weltgeschichte die letzten. Wir sind Zionisten, also keine Gegenwartsmenschen, und haben es gelernt, in Jahrhunderten zu denken. Unser Sinn ist jüdischer Weltgeschichte zugewandt. Dieser Weltkrieg hat zwei Revolutionen gezeitigt, die einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit und des jüdischen Volkes bedeuten. Die Auswirkungen der russischen und der deutschen Revolution bergen in sich Elemente der Entscheidung für die Zukunft des Ost- und des Westjudentums. Deutschlands Heere haben den Zarismus zertrümmert Als die erste russische Revolution Tatsache wurde, da schien es. als ob das große Ostjudentum, des zerstreuten Volkes bessere und hoffnungsvollere Hälfte, einem neuen Leben in Freiheit und Einheit entgegenging. In Freiheit und Einheit: denn mehr, unsagbar mehr als alle Freiheit bedeutete uns die Einheit. Die Erhaltung des jüdischen Volkstums in der Diaspora ist, alle unhaltbare Metaphysik beiseite, auf die als Ausfluß des elementaren Selbsterhaltungstriebes einer Minderheit anzusehende Sammlungs- und Sonderungstendenz zurückzuführen. Sammlung nach innen und Sonderung nach außen ist die natürliche Abwehrtaktik einer Minderheit gegenüber einer Mehrheit im Kampfe um die Arterhaltung. Im Leben des Diasporavolkes, der nationalen Minderheit, trat diese Tendenz in unvergleichlicher Kraft in dreifacher Weise in die Erscheinung: in der Sonderung innerhalb der einzelnen Siedlungen selbst (die Ghettos, die keine christliche Erfindung sind und überall ohne äußeren Zwang entstand e n), der Konzentration innerhalb eines Landes in den Städten und innerhalb des europäischen Kreises in einzelnen Ländern. Was bedeutete dieser elementare Wille zur Sammlung anders als der Wille zur Überwindung des Diasporaschicksals, der Zerstreuung? Das ausgehende achtzehnte Jahrhundert sah eine große und mächtige Konzentration des jüdischen Volkstums im alten Polenreich, und die Siedlungskompaktheit ermöglichte in weitestem Maße Arterhaltung und Artentfaltung und schuf unverbrüchliche Formen nationaler Selbstverwaltung und Selbstbestimmung, die. wie alles wirklich Gegebene und Naturgewachsene, von den herrschenden Mächten sanktioniert wurde. Bei der Aufteilung Polens, dessen Universalerbe wesentlich das Russenreich wird, kommt das große polnische Judentum unter das russische Szepter; der elementare Ballungsprozeß des östlichen Judentums hat durch die Verschmelzung des polnisch-litauischen mit dem südrussisch-ukrainischen Judentums seinen Höhepunkt und seinen Abschluß gefunden. Von entscheidender Bedeutung wird der Umstand, daß der inneren Sammlungstendenz der ostjüdischen Massen eine gleichgerichtete Absperungstendenz in der russischen Judenpolitik begegnet, wodurch ihre Verwirklichung nicht allein möglich, sondern auch zwangsläufig wird. Durch diese Absperrungstendenz der zaristischen Judenpolitik. die das ganze 19. Jahrhundert beherrscht und in den „Maigesetzen“ des Jahres 1882 ihren Höhepunkt erreicht, vollzieht sich die doppelte Konzentration der jüdischen Massen — die städtische und die territoriale — fast restlos. Das „Ansiedlungsgebiet“ entsteht. - jenes vielbektagte und vielgeschmähte Ansiedlungsgebiet, dem das Judentum viel mehr zu verdanken hat als allen Emanzipationsedikten. Denn diese räumliche Sammlung und Sonderung der ostjüdischen Volks-

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