Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 307 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. ZG Das Jüdische Echo 307 In seinem dem Delegiertentag vorgelegten Rechenschaftsbericht sprach Dr. Brunschwig ausführlich über die schönen Erfolge, die der Zionismus in der Schweiz aufzuweisen hat. Die Zahl der Verbandsmitglieder ist von 1100 auf 2298 gestiegen. Es sind 749 neue Schekelzahler gewonnen worden. Der Schweizerische Zionistenverband, dessen Ansehen innerhalb der Judenheit der Schweiz sehr gestigen ist. hat mit Erfolg einige politische Aktionen unternommen. Er ist zweimal an die Bundesregierung herangetreten, einmal, um die Konferenz der Nationalräte in der Schweiz zu ermöglichen, ein anderes Mal, um gegen die Pogrome in Polen eine Abwehraktion einzuleiten. — Die Gesamteinnahmen des Verbandes betrugen im Berichtsjahre mehr als 80 000 Franken, die Ergebnisse der Nationalfondssammlungen sind von 17 000 auf 36 797 Franken gestiegen. — Der Tagung lagen Begrüßungstelegramme vor: von den Mitgliedern des Engeren Aktions- Komitees, von der Leitung der zionistischen Organisation in London, die die Notwendigkeit betonte, alle Anstrengungen zu machen, um die Stärke des Zionismus beim Eintritt in die neue Epoche zu demonstrieren und die von den Zionisten in der Schweiz auch in finanzieller Beziehung volle Unterstützung erwartet Ferner vom Kopenhagener Zionistischen Bureau usw. Die Tagung nahm einstimmig folgende Protest- Resolution gegen die Judenpogrome in Polen an und beschloß, sie dem Bundesrat der Schweizerischen Eidgenossenschaft zur Kenntnis zu bringen: „Die 22. Schweizerische Delegiertentagung vom 29. Mai in Basel, beschickt von allen Zionistischen Ortsgruppen und Vereinen der Schweiz, erhebt flammenden Protest gegen die unmenschlichen, aller Kultur spottenden Pogrome durch die polnische Soldateska und den polnischen Mob, die mit Wissen der polnischen Behörden in Szene gesetzt oder von ihnen geduldet werden. Zur Schande der polnischen Regierung sei es gesagt, daß sie erst nach vollbrachtem Massenmord1, nachdem Hunderte von jüdischen Vätern, Müttern und Kindern ihr elendes Leben lassen mußten, einschreitet, aber nichts unternimmt, um diese sich häufenden Greuel ein für allemal zu verhindern, Der heutige Delegiertentag gibt seinem Befremden darüber Ausdruck, daß die Pariser Friedenskonferenz bis heute das Machtwort nicht gesprochen hat, um den bestialischen Masakers endlich einmal ein Ende zu bereiten. Der heutige Delegiertentag appelliert an den Hohen Bundesrat, vornehmlich an Herrn Bundespräsident Ador, den früheren Präsidenten des Roten Kreuzes, unsere Resolution zur Kenntnis zu nehmen, sie weiterzuleiten und, soweit die diplomatischen Mittel unseres Hohen Bundesrates reichen, unserer Bitte Nachdruck zu geben.“ literarisches Echo Richard Beer-Hoffmann. Jaakobs Traum. S. Fischer Verlag, Berlin. Beer-Hoffmann hat als Dramatiker durch den „Grafen von Charolais“ längst einen guten Namen. Uns ist er überdies als Lyriker aus früheren „jungjüdischen“ Ge^ dichten bekannt, in denen die anscheinend heterogenen Vorzüge der Formenschönheit des gedanklichen Ernstes und der gemütlichen Durchdringung vereinigt sind. Die Formenschönheit ist das Erste, was auch bei seinem neuen Drama aufs angenehmste auffällt; dieses Drama ist ein Vorspiel zu einer Triologie, die als Vorwurf die Geschicke des Hauses Israel behandeln soll. Die Sprache ist gediegen und trotzdem voller ursprünglicher Kraft; es wird uns daran so recht deutlich, woher die Originalität der dichterischen Sprache quillt, nämlich aus dichterischer Originalität. Eine Kleinigkeit, die wir auszustellen haben, ist künstlerisch belanglos, aber doch befremdend: Wenn der Künstler von der üblichen Schreibweise und Betonung „Jakob“ abgeht, so wäre die hebräische Form „Jaaköb“ verständlich gewesen; unbegreiflich und im metrischen Gefüge oft störend ist dagegen die Betonung Jaäkob“; ähnliches gilt für fast alle vorkommenden Eigennamen (Michael, Raphäel, Gabriel). Diese Caprice der Aufmachung hätte das Werk nicht nötig gehabt. Das zweite Element der künstlerischen Persönlichkeit B. H.’s, wie sie uns erscheint, die „gemütliche Durchdringung“ seines Stoffes, ist nicht nachzuweisen; wer das Buch liest, wird die Wärme verspüren, die ihm daraus entgegenweht. Nur der Gegenstand!, der die Aufnahme- und Reproduktionsorgane des Künstlers in Bewegung setzt, kann in eine künstlerische Form gegossen mit dieser Form zu einer künstlerischen Einheit verschmelzen. Ein solches die Dichterkraft weckendes Thema ist für B. H. das große Drama der jüdischen Geschichte, zu dem er uns jetzt das Vorspiel, gegeben hat. Die Gefühlsspannung seines Werkes bestätigt die Wahl seines Themas als ihm angemessen; und in dieser Wahl finden wir die schon durch die Selbständigkeit der Form erwiesene echte Künstlerpersönlichkeit erneut bekräftigt. Auch von dem dritten der Vorzüge der Kunst B. H.’s — dem gedanklichen Ernst — kann man eigentlich nur sagen: lies das Buch und Du wirst ihn verspüren. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß B. H. „etwas kann“, so ist er damit aüfs sicherste gegeben: daß er seine Gedanken eindringlich darlegen kann, ohne scharfsinnig und ohne lehrhaft zu werden. Das war die Klippe, vor der ich mich gefürchtet habe, als ich das Buch zu lesen begann, und an der Minderbegabte zu scheitern pflegen. Gescheitert ist der Dichter B. H. daran nicht. Aber wenn schöne Form und starkes Gefühl unmittelbar vom Papier des Buches durch das Auge in das Innere des Lesers überzeugend1 ein strömen, so rückt der gedankliche Unterbau das Ganze aus der Sphäre der Überzeugung in die der möglichen Erörterung. Gefühle eines anderen kann man verstehen oder nicht verstehen; kritisieren kann man sie nicht. Gedanken aber sind wir gewöhnt, kritisch zu betrachten. So wird in der Regel von der sogenannten „Gedankenlyrik“ eine weniger unmittelbare Überzeugungskraft ausströmen, als von der reinen Lyrik, und so hat auch B. H. den künstlerischen Wirkungsbereich durch diesen gedanklichen Unterbau zweifellos verengert. Da indessen zunächst nur das Vorspiel vorliegt, bleibt abzuwarten, ob nicht das rein Gedankliche in den Hauptteilen des Werkes ziemlicherweise zurückhaltender auftritt. Aber da bleibt noch eines, womit wir uns weniger leicht abfinden. Die Geschichte von Jakob und Esau hat einen fest bestimmten Gefühlswert für uns. Die Gestalten der Bibel sind keine Menschen, deren Charakter und' Motive zu beurteilen wir das Bedürfnis haben. Daß nach der biblischen Darstellung der Patriarchengeschichte B. H. nochmals eine Darstellung, und zwar eine völlig abweichende, gibt, wird begreiflich nur durch die Traditionslosigkeit unserer Zeit und deshalb — weil es sich um ein Vorspiel handelt. Die allegorisch-gedanklichen Erfordernisse eines Vorspieles in ein historisch gegebenes