Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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304 Das Jüdische Echo Nr. 26 II. Angesichts dieser unerwarteten und unerhörten Stellungnahme in der Gleichberechtigungsfrage kann es nicht wundernehmen. daß der Zentralverein in der Frage des jüdischen Kongresses völlig versagt hat und seinem Führer, dem Justizrat Fuchs die Gefolgschaft verweigert, wo dieser den großen jüdischen Zusammenhängen einigermaßen gerecht zu werden versucht. Justizrat Fuchs erkannte die Notwendigkeit des jüdischen Kongresses als einer breiten demokratischen Tribüne für alle Juden in Deutschland. Um dem Zentralerem auf Wunsch des Justizrat Fuchs die Teilnahme an der Einberufung des Kongresses zu ermöglichen, ließen die Zionisten ihre ursprüngliche Wahl Voraussetzung, das Bekenntnis zum jüdischen Volkstum fallen und man einigte sich auf folgender Basis: Einberufung eines jüdischen Kongresses in Deutschland, zu dem alle Juden vom 20. Lebensjahr an gleiches Wahlrecht haben und def folgende Hauptaufgaben habe: Für die bürgehiche Gleichberechtigung der Juden in allen Ländert! zu wirken, für die nationale Autonomie der Juden in den Ländern der jüdischen MassenSiediung einzutreten und am Aufbau des neuen jüdischen Gemeinwesens in Palästina mitzuwirken. Drei Forderungen, die eine Selbstverständlichkeit darstellen, für den der mit dem jüdischen Problem vertraut ist und der an der Sicherung der jüdischen Zukunft mitwirken will. Auf dieser Basis hätte auch in Deutschland ein jüdischer Kongreß als Glied der großen jüdischen Kongreßbewegung stattfinden können und! hätte wohi den Anschluß an den zu erwartenden jüdischen Weltkongreß gefunden. Damit würde das deutsche Judentum aus seiner gegenwärtigen Isolierung herauskommen und den Anschluß an das Judentum in der ganzen Welt zuTückgewinneh. den es’ im Interesse der eigenen Entwicklung nicht äuf die Dauer entbehren kann. Darüber war sich wohl der Versitzende des Zentralvereins klar, als er die Vereinbarungen mit den Zionisten traf und über diese Dinge fehlt eben dem größeren Teil des Zentralvereins die Einsicht vollkonfmen. Da wurde von einer Anzahl Redner im Scharfmächerlpn gegen die Zionisten gesprochen und vor allem die Beteiligung der Ausländer am Kongreß heftig abgelehnt. Nach diesen Herren ist die Einsicht in die Lebensfragen des Judentums (denn ütn einen jüdischen Kongreß handelt es sich doch!) an die deutsche Staatsbürgerschaft gebunden und all den ausländischen Juden, die seit Jahrzehnten in Deutschland wohnen, ja die hier geboren und aufgewachsen sind, wird die Teilnahme am Kongreß verwehrt, weil die deutschen Behörden ihnen seither in einer klar antisemitischen VerwaltungsPraxis die Einbürgerung verweigert haben und zwar im Prinzip nur den Juden. Es stört die betreffenden Staatsbürger jüdischen Glaubens eben kaum, daß sich dieser behördliche Antisemitsmus in der Tendenz gegen sie selbst, ebenso wie gegen die Ausländer richtet. Es ist reizvoll, wie „Im deutschen Reich“ bei der Polemik gegen die Antisemiten fast mit Befriedigung dargestellt wird, wie heute dieser behördliche Antisemitismus gegen die Ausländer mehr blüht denn je. um zu beweisen, daß wir Juden seit der Revolution vom Staat gar nicht so gut behandelt werden, wie die Antisemiten behaupten. Die Behörden sind weiter antisemitisch, also ist alles in schönster Ordnung. — Diese „Deutschen jüdischen Glaubens“, wie sie sich in einer vorgeschlagenen Resolution nennen. wollen absolut keine Zusammenhänge mit den nichtdeutschen Juden: sie haben auch keine. Sie haben überhaupt keine jüdischen Zusammenhänge, denn da's Judentum der meisten von ihnen besteht aus — meist sehr blassen — Erinnerungen und aus der Abwehr des Antisemitismus. Ihrem Judentum wohnt absolut nichts Zukunftsstarkes inne, wie es vor allem das nationale und manchmal das orthodoxe Judentum hat. Diese „Deutschen jüdischen Glaubens“ haben nicht das Geringste, was sie der nächsten Generation geben könnten und deshalb können alle ihre krampfhaften Bemühungen, die Jugend zu gewinnen (wobei mehr Geld als Geist aufgewendet wird), auf die Dauer keinen Erfolg haben. Daß die Leute, welche die Ausländer zum Kongreß nicht zulassen wollen, es ablehnen, für die nationale Autonomie der Ostjuden einzutreten oder am Aufbau des jüdischen Palästina mitzuwirken, versteht sich fast von selbst. Am liebsten hätte man den ganzen Kongreßplan weit von sich gewiesen, wenn er die Juden auch in Deutschland nicht schon so stark ergriffen hätte, daß seine Verwirklichung unabwendbar ist. Außerstande zu einer vollen klaren Zustimmung zum Kongreßplan, andererseits erkennend, daß die Situation eine einfache Ablehnung unmöglich mache, kam man zu folgender Entschließung: „Die Generalversammlung des ZentralveTeins begrüßt die Schaffung jüdischer Kongresse in Deutschland, auf denen die die deutschen Juden bewegenden Fragen von den gewählten Vertretern aller deutschen Juden behandelt werden. Die Generalversammlung erwartet vom Vorstand, daß der erste Kongreß erst zu einer Zeit einberufen, wird, in der seine Abhaltung aus allgemeinen Erwägungen angebracht erscheint. Die näheren Bestimmungen bleiben dem Vorstand Vorbehalten.“ Damit sollen wohl alle Möglichkeiten offen gehalten werden, denn jede klare Stellungnahme ist vermieden. Aber zusammen mit der ganzen vorhergegangenen Aussprache zeigt die Resolution mit aller notwendigen Deutlichkeit, daß diese Zentralvereinsmehrheit nicht im Stande ist, an einem wirklich jüdischen Kongreß mitzuwirken. Sollte der Vorstand aus dieser Resolution die Berechtigung herleiten. Abmachungen zu treffen, die für einen jüdischen Kongreß die unbedingt nötigen Voraussetzungen schaffen, so ist es sehr zweifelhaft, ob sich die Mitgliedschaft daran halten wird. Daß aber für alle positiven Juden, Zionisten, Nationale und Orthodoxe ein Kongreß, wie ihn die „Deutschen jüdischen Glaubens“ allenfalls wünschen, gar nicht in Frage kommen kann, erscheint uns ganz selbstverständlich. Dieser Kongreß des Minimal-Judentums wäre völlig wertlos, schlimmer als das. wäre schädlich und die Karikatur eines jüdischen Kongresses. Der jüdische Kongreß wird kommen, mit oder ohne den Zentralverein, undi er wird so kommen müssen, daß er der großen jüdischen Kongreßbewegung sich würdig eingliedert. Die Gruppen, die sich bisher für den Kongreßgedänken eingesetzt haben, werden weiterhin im deutschen Judentum aufklärend wirken und alle, die eine gesunde Entwicklung des Judentums wünschen, werden begreifen, daß der Kongreß ein besonders wertvolles Mittel dafür sein wird. J. Qlogauer.