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Das jüdische Echo · 1919-06-20 · 25 (20.6.1919) · p. Seite 296

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
25 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
Seite 296 (sequence 8)
Language
German
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296 Das Jüdische Echo Nr. 2S setzesverfassüng, eine Existenz außerhalb der nationalen Normalgrenzen führen. Nachdem aber die religiöse Lebensform zertrümmert ist und alle Entwicklung auf deren Eliminierung und' Entwertung hinzielt, ist die Bestandsicherheit der Diaspora offenbar in Frage gestellt. Woher soll ihr Lebensmöglichkeit, woher Lebensrecht werden? Wie soll diese ungesicherte, durch keine feste und unverrückbare iForm zusammengehaltene, ja schon an sich aller klaren Bestimmung bare nationale Seinsart der Gefahr der Verwischung und Angleichung entgehen? Auf diese „Existenzfrage des modernen Judentums“ geben die mannigfachen Richtungen des „geistigen Nationalismus“ verschiedene Antworten. Die eine leugnet jede Assimilationsmöglichkeit schlechthin. Ihr Lehrsatz lautet: „Eine vollständige Auflösung der Judenheit liegt nicht im Bereiche der Möglichkeit. Die Assimilationsversuche sind als mißlungen anzusehen; sie vermochten nicht unser nationales Gepräge auszumerzen und die Judenfrage auch nur zu mildern, geschweige denn zu lösen. Wir sind nicht unter dem Gesichtspunkt der Quantität als eine den Gesetzen der Zahl und Menge unterworfene Minderheit, sondern als eine eigenartige nationale Qualität zu bewerten, die jene seltsame Eigenschaft besitzt: nie und nirgends aufgelöst werden zu können.“ Die andere Richtung, die im Gegensatz zu dieser recht „intelligiblen“ und nicht ganz erfahrungsgemäßen Betrachtungsweise keine historische Ausnahmegesetze für die Juden in Anspruch nehmen will, erwartet das Heil) der gefährdeten Galutexistenz vom „geistigen Zentrum“. Ihr Lehrsatz lautet: „Palästina kann nicht die Frage der Judennot, sondern die der Judentumsnot lösen. Eine jüdische Siedlung im Lande der Väter bedeutet nicht die Aufhebung des Galut. eine Sammlung der Zerstreuten, sondern die Schaffung einer Heimstätte für jüdische Kultur, die Ermöglichung einer normalen Entwicklung und nationaler Werte auf unserem historischen Nährboden: die Errichtung eines geistigen Zentrums. Von diesem Zentrum, das gleichsam ‘ die Sonne der Nation und den Brennpunkt aller ihrer schöpferischen Kräfte bilden soll, werden Strahlen zu der weitausgedehnten Peripherie der gesamten Judenheit in den Diasporaländern ausgehen und. Licht und Wärme spendend, das Judentum allerorten befruchten und fördern. Der kleine Tempel unseres nationalen Heiligtums in Palästina wird auch die großen Massen in den Fremdländern vor Entjudung schützen. Die versprengten Volksglieder werden sich um geistigen Mittelpunkt sammeln, um das Herz der Nation, aus dem sie neues Leben empfangen werden, sobald sie seinen Pulsschlag in der Ferne vernehmen. Die geistige Sammlung wird die räumliche Zerstreuung überwinden.“ Gegen diese beiden Theoreme des „geistigen Nationalismus“ zieht nun K1 a t z k i n ins Feld. Die Ansicht von der Unmöglichkeit eines restlosen Untertauchens der Juden ist irrig. „Eine vollständige Assimilierung der Judenheit ist möglich. Die Assimilation gewinnt immer mehr an Umfang und noch mehr an Tiefe. Noch ist sie dahin nicht gelangt, die jüdische Nationalität völlig auszulöschen und die Judenfrage aus der Welt zu schaffen, aber damit ist nicht bewiesen, daß sie niemals dahin gelangen wird. Noch steht sie in den Anfängen ihrer Entwicklung und kann sich schon ansehnlicher Erfolge rühmen. In der kurzen Zeitspanne ihres Wirkens ist unser Nationalbesitz bedeutend geschmälert worden: der erst vor einem Jahrhundert iedngetretene Entnationalisierungsprozeß hat bereits viele und wesentliche Glieder unseres Volkskörpers verunstaltet, entartet. und treibt nun Blüten der Verwesung. Mit welchem Recht dürfen wir die Assimilation als mißlungen bezeichnen? Die Assimilation ist unterwegs. Es ist ja nur ihr Anfangsschritt und man muß sagen: sie hat in raschem Tempo ein großes Stück des Weges vom Judentum ab zurückgelegt und die erste, allerdings leichtere Hälfte ihrer Aufgabe — die Entwurzelung — mit erstaunlicher Fertigkeit gelöst Und wer will es bestreiten, däß auch die zweite, schwierigere Hälfte — die Eipwurzelung — verheißungsvolle Ansätze aufzuweisen hat? Unser zweitausendjähriger Bestand im Exil kann gewiß' nicht als Beweis dafür gelten, daß unsere Assimilierung schlechterdings unmöglich ist. Die Kraft der religiösen Lebensformen, die unser Volkstum in strengster Abgeschlossenheit erhalten hatte, ist von uns gewichen, und es gibt keine feste Scheidewand mehr, um ein Ghetto aufzurichten und ein nationales Sonderdasein im Galut zu sichern.“ Der „Geist des Judentums“, der Schatz der sittlichen und religiösen Ideen bietet keine Gewähr für den Bestand des jüdischen Volkes. Wie der sittliche Inhalt des Judentums kein nationales Kriterium bildet, so birgt er in sich auch keine nationale Garantie. „Wir wissen: Wahrung: und Förderung des Judaismus meint nicht Wahrung und Förderung unseres nationalen Daseins: gar oft ist das Wohl der jüdischen Weltanschauung das Weh des nationalen Trägers. Wir wissen auch: der „Geist des Judentums“ hat die Assimilation sanktioniert. Er kann unseren nationalen Bestand nicht gewährleisten. Er kann im besten Falle ein jüdisches Bewußtsein erhalten — ein subjektives Judentum, das sich in einem verbalen Bekenntnis äußert und erschöpft; ein eingebildetes Judentum, das in unjüdische Wirklichkeit wohlig eingebettet ist und auch auf die Bequemlichkeit nicht verzichten mag. sein nationales Gewissen durch Fiktion eines Scheindaseins zu beschwichtigen — nicht aber ein jüdisches S e i n“. Klatzkin hält vielmehr eine Assimilierung der Diasporajudenheit nicht nur für möglich1, sondern auch für unvermeidlich. „Ein unter vielen Nationen und in vielen Ländern zerstreutes und aufgeteiltes Volk muß früher oder später von ihnen aufgesaugt werden. Man kann den Werdegang der Assimilation hemmen und' verlangsamen, aber nicht zum Stillstand bringen. Man kann das Endergebnis hinausschieben, aber nicht abwenden. Man kann auch ein nationales Leben durch künstliche Mittel, gleichsam durch künstliche Atmungsorgane erhalten. Doch erweist sich bald diese künstliche Erhaltung als eine unnütze Vergeudung von Volkskräften. Ein immerwährender Widerstand gegen die fremde Umgebung, ein unablässiger Kampf gegen die fremde Wirklichkeit ist nicht möglich. Die Anstrengungen des Volkswillens,, die fehlenden nationalen Elemente durch Surpgate zu ersetzen, ist nur als Übergangsstadium in Hoffnung auf Wiederherstellung der nationalen Norm berechtigt; als bleibende Lebensbedingung enthält es eben in dieser Bedingung das Todesurteil. Es ist ein Sollen, das einem stetig wachsendem Sein zu trotzen hat und folglich an ihm zerschellen muß; eine aufreibende Pflicht, die schließlich als Joch empfunden und abgeschüttelt wird Freilich ein Gebot des Lebens, des nationalen Selbsterhaltungstriebes; doch muß es allmählich an Triebkraft abnehmen und zu einem frommen Wunsch erblassen, da es nur noch als Trägheit wirkt und in Konflikt mit dem wirklich-

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