Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 25 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Das Jüdische Echo 295 Labour Party auf der internationalen Sozialistenkonferenz in Bern und der Völkerbundkonferenz vertreten hat. Sie erklärte sich bereit, die Resolution zur Judenfrage, die die internationale Sozialistenkonferenz in Amsterdam gefaßt hat. in der politischen Kommission zu beantragen. Die Kommission legte sie dem Plenum zur Beschlußfassung vor. Die Präsidentin. Mrs. Addams, meinte nun, es handle sich um eine zionistische Formulierung, die Parteicharakter hätte und über den Rahmen des Kongresses hinausginge, der nur gegen eine Entrechtung der Juden Stellung zu nehmen hätte. Als die Resolution zur Verhandr lung kam, wurde sie von Frau Kulka (Wien) sehr wirkungsvoll vertreten, welche auch in einem Zusätze einen scharfen Protest gegen die Pogrome beantragte. Die Vizepräsidentin, Mac Millian, brachte einen Gegenantrag ein. der dahin ging, daß der Kongreß bloß gegen die Verkürzung der Rechte der Juden Stellung nehme, der Antrag Kulika wäre eine Parteisache. In der Debatte sprachen Frau Lehmann (Deutschland), Mrs. Moor (Australien) für den Kommissionsantrag. Frau Kulka erklärte ih ihrem Schlußwort, sie selbst sei keine Zionistin. die Berechtigung der von ihr vertretenen Forderungen fließe aber aus dem Selbstbestimmungsrechte der Völker. Die Präsidentin, offenbar eine erfahrene Parlamentarierin, teilte die Abstimmung in fünf Teile nach den Absätzen des Kommissionsantrages und brachte es so zu Wege, daß ein Absatz der Resolution keine Majorität erlangte und daß dann nach) Ergänzung der Antrag Mac Millian angenommen wurde, obwohl er bereits im angenommenen Teil enthalten war. Der Protest gegen die Pogrome wurde angenommen. Pfälzische Loslösungsbestrebungen und die Juden. Zu diesem Thema entnehmen wir der „Bayer. Staatszeitung“ vom 13. Juni 1919 folgende Notiz: Vielfach wird den pfälzischen Juden eine besondere Franzosenfreundlichkeit zugeschrieben. Nichts ist ungerechter als das. Unter den 21 Landauer Verrätern befinden sich zwar zwei Juden, sie spielen aber nicht die geringste Rolle und haben die Verachtung, wie aller Pfälzer. so auch ihrer Glaubensgenossen auf sich gezogen. Der eifrigste Verfechter des Anschlusses an Frankreich1, der Holzhändler Ferdinand Schenk von Landau, ist kein Jude, und die Pfälzer Israeliten legen besonderen Wert darauf, festzustellen, daß sie, die durch die jahrhundertelange Geschichte in Freud und Leid mit der deutschen Bevölkerung der Pfalz zu einem unlöslichen Ganzen zusammengeschmolzen sind, auch in dieser Stunde der Not und Schmach ihr Vaterland nicht im Stiche lassen, sondern nach wir vor an der deutschen Art festhalten und insbesondere diesen Willen auch den französischen Eroberern gegenüber mit allem Freimut bekennen wollen. Pogrom in Krakau. Die polnische Pogromwelle hat vor der galizischen Hauptstadt nicht Halt gemacht. Vor einigen Tagen traf General Haller mit mehreren Abteilungen seiner Armee in?Krakau ein. Am Freitag, den 6. Juni, nachmittags begann der Pogrom. Ein kleiner Zwiischenfalil gab das Signal, zu wüsten antijüdischen Ausschreitungen. In den Tuchlauben (Sukiennica) am Ringplatz kam es in einem kleinen jüdischen Geschäfte zu einem Wortwechsel mit einer Bäuerin. Bald mengten sich zwei Hallersche Soldaten in das Gespräch ein. überfielen die Geschäftsinhaberin und bald darauf sammelte sich eine große Menge an. Alle jüdischen Geschäfte in den Tuchlauben wurden überfallen und geplündert. Inzwischen wuchs die Menge in die Tausende an. geführt von Hallerschen und sonstigen Soldaten. Die Menge warf sich auf die Straßen des jüdischen Viertels. In der Grodzka, Sienna. Dietlowska, Krakowska. Miodowa, Sebastyana. Wielopole, Wolska. Szczepanskich und anderen Straßen gingen starke Abteilungen Hallerscher Soldaten, in sehr vielen Fällen unter Führung ihrer Offiziere, in Sturmhelmen und mit Gewehren bewaffnet, umringt von hunderten Zivilpersonen, vor und griffen jeden Passanten an. Die Juden wurden zu Boden geschleudert, mit den Füßen getreten, mit Bajonetten und Gewehrkolben blutig geschlagen. Auf viele Juden wurde geschossen. Gleichzeitig ging man an das Rauben und Plündern der Geschäfte. Die Hallerschen Soldaten rissen mit eigens hierzu bestimmten Werkzeugen die Geschäftsrollen auf und führten die Menge unter Hurrarufen in das so geöffnete Geschäft, machten Licht und verteilten die Sachen. Die jüdischen Geschäfte, besonders in der Grodzkagasse und in der Dietlgasse, wurden vollständig ausgeraubt. Der Schaden beziffert sich auf viele Millionen. Diese Vorgänge spielten sich in den Nachtstunden zwischen 8 bis 1 Uhr ab. Das Bild, das die Straßen des jüdischen Viertels bieten, ist unbeschreiblich. Ein wildes Heulen. Schreie, Gewehrgeknatter, hörte man unaufhörlich. Die Polizeidirektion sowie das Stadtkommando ließen dank dem energischen Eingreifen des Abgeordneten Thon starke Militär- und Polizeiabteilungen ausrücken. Die Soldaten verhielten sich aber ganz passiv. Es sind Fälle festgestellt, wo intervenierende Polizisten von Hallerschen Soldaten blutig geschlagen wurden. Die Militärbehörden erklärten, sie seinen gegenüber den Hallerschen Soldaten völlig machtlos. In den frühen Morgenstunden boten die Straßen des jüdischen Viertels ein grauenhaftes Bild. Kein Jude wagte sich auf die Straße hinaus, jedes jüdische Geschäft war ganz ausgeraubt. Bis zur Stunde ist es unmöglich, die Zahl der Toten und Verwundeten genau anzugeben. In der Stadt herrscht eine sehr niedergedrückte Stimmung. Probleme des modernen Judentums. (Fortsetzung.) II. Galut und Palästina. Durch die Feststellung der entscheidenden Bedeutung der nationalen Lebensformen, als welche vom Standpunkt des „reifen Nationalismus“ nur Land und Sprache zu betrachten sind, wird die Frage nach den Zukunftsmöglichkeiten der Diasporaexistenz und der Gestaltung des Verhältnisses zwischen Galut und Palästina erst in die richtige Beleuchtung gerückt und gewinnt ein besonderes Maß von Dringlichkeit und Aktualität. Denn das völkische Sein des Galutjudentums entbehrt offenbar dieser als wesensbestimmend erkannten Lebensformen. In all den Jahrhunderten, in denen die Suprematie der religiösen Idee ungebrochen war, konnte das Galutjudentum. gestützt auf die religiösen Formen, der Ge-