Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 25 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Das Jüdische Echo 297 Jkeitsvollen Lebensgebot des individuellen Selbsterhaltungstriebes steht. Es kann hier und da einer großen Persönlichkeit gelingen, sich dem Einfluß des Milieu zu entziehen und in hermetischer Abgeschlossenheit gegen die Außenwelt aus den Ouellen des entrückten Volksgenius zu schöpfen; auch darf eine idealgesinnte und Willensstärke Elite sich die vornehme Aufgabe Zutrauen, in zweckbedachter Absonderung und in einer Art von Weltfremdheit die Güter der Nation unter- oder überirdisch zu hüten und' nationale Kultur treibhausartig zu pflegen. Das Volksganze jedoch unterliegt den Gesetzen der Zahl und' Menge und kann nicht in beständiger Opposition gegen eine überwältigende Mehrheit und in beständiger Abwehr des Gegenwärtigen verharren. Es muß in solcher Absperrung verarmen und geht nunmehr erschöpft und verkümmert erst recht in der fremden Nation unter, der es früher, als es noch im Besitz seiner nationalen Kulturwerte war und mitbestimmend sein konnte, die Gemeinschaft und Gefolgschaft verweigert hatte. In dieser oder jener Form, als bereitwillige Teilnahme oder als verzehrende Vereinsamung ist die völlige Assimilation unausbleiblich.“ Diese unvermeidliche Schicksal des Diasporajudentums kann auch nicht durch Palästina zum Guten gewendet werden. K 1 a t z k i n ist ein entschiedener Gegner der Idee vom „geistigen Zentrum“, die er als mit den Postulaten des Nationaljudentums in Widerspruch stehend ablehnt. Palästina wird den Galut nicht allein nicht retten, sondern obendrein seine Situation verschlimmern und hoffnungslos gestalten. „Das Zentrum mag anfänglich Sonne und Brennpunkt der Nation sein, Strahlen nach den Exilländem aussenden und die versprengten Volksglieder beleben. Doch nur in der ersten Zeit wird es Licht und Wärme in die Ferne ausstrahlen: seiner ganzen Anlage nach ist aber das Zentrum dazu angetan, das Erlöschen und Erkalten der peripherischen Volksreste zu begünstigen und eine vollwertige Assimilierung der aufgeteilten Diasporajudenheit zu beschleunigen.“ „Das Fehlen eines wahrhaft nationalen Judentums, eines von den elementaren Attributen nationaler Wirklichkeit — wie Territorium und Sprache — bestimmten Judeseins, beeinträchtigt unsere Assimilierbarkeit. Die Wiedergeburt eines national geformten Judentums in Palästina wird die endgültige Einordnung der assimilierten Exiljuden in den nationalen Organismus der Wirtsvölker wesentlich erleichtern.“ Denn der „nationale Übertritt“ aller einer normalen völkischen Existenz der Autochthonie und der Sprachgemeinschaft sich erfreuenden Völker vollzieht sich in sichtbarer und eindeutiger Weise mit der Seßhaftigkeit von Generationen in einem fremden Lande und der Einbürgerung in eine fremde Sprach- und Kulturgemeinschaft. Das Überschreiten der national markierten Grenze ist ebenso möglich wie ohne weiteres feststellbar. Anders im Judentum. Unsere zweitausendjährige Existenz außerhalb der Normalgrenzen bedingt es, daß unser nationaler Übertritt nicht erkannt und anerkannt wird. Auch die zutiefst und zuinnerst assimilierten Judenabkömmlinge gelten sich selbst und uns und den anderen noch immer als Juden. Sie sind es aber nicht. Vom Gesichtspunkt des nationalen Kriteriums aus betrachtet, haben sie schon längst aufgehört, Juden zu sein; haben sie schoij längst das Recht verwirkt, den Namen Jude zu führen.“ „Weil das jüdische Volk im Exil keine nationale Normalgrenzen hat, die überschritten werden können, weil wir außerhalb dieser Grenzen leben, ist die nationale Grenzverschiebung unserer Lebensart unmerkbar und unbestimmbar.“ Wir haben nirgends konkrete nationale Daseinsformen, an denen die nationale Entformung eines Volksteiles sichtbar wäre. Wir haben nirgends eine vollwertige nationale Prägung, an der die Entwertung erkennbar wäre. Wir besitzen nirgends einen Volltypus eines nationalen Judentums, um die Entartung als nationale Fremdart zu beglaubigen und aus unserem Organismus auszuscheiden. Wir selbst und erst recht die anderen stellen fast •gar keine nationalen Ansprüche an das Prädikat: Jude. Es genügt ein Jüdeln; es genügt eine vermeintlich jüdische Nase, um Jude zu sein und zu heißen.“ Man erkennt nun, warum ein wiedergeborenes Judentum in Palästina die innere Situation des Galutjudentums unhaltbar machen müßte. „Di<^e einzigartige Lage wird mit der Schaffung eines nationalen Zentrums in Palästina eine tiefgreifende Änderung, ja eine vollständige Umwälzung erfahren. Das Judentum wird rein nationale Attribute erhalten. Das weltlich nationale Kriterium wird auch das Judentum bestimmen und beglaubigen. Der Begriff: Jude wird eine national gleichwertige Bedeutung erhalten, wie die Begriffe: Deutscher. Franzose. Engländer. Jude, richtiger Hebräer, wird dann heißen, der, dessen Vaterland Erez Israel, dessen Sprache hebräisch ist. All die Stamm- und sogenannten Glaubensgenossen, die ein anderes Vaterland haben, die in einer anderen Sprache und Literatur wurzeln, für ein anderes Gemeinwesen leben und sterben, werden nicht mehr den Namen Jude mißbrauchen können, ja er wird ihnen auch nicht aufgedrängt werden.“ „Wird unser Volk eine nationale Prägung in Palästina erhalten, so wird das Judentum — sowohl von uns selbst als von seiner Umwelt — an klaren und deutlichen Zügen nationaler Echtheit erkannt werden und nicht mehr verfälscht werden können. Wer und was diese nationalen Züge nicht haben wird, wird nicht Jude, wird nicht jüdisch sein. Ein Judentum als Zutat, als Zugabe, als Firnis und Übertünchung fremdnationaler Kultur wird nicht bestehen können. Das palästinensische Judentum wird die Währung bilden für alles Judesein und Jüdischsein und das fiktive Judentum außer Geltung setzen.“ Das Schicksal des Galut wäre damit besiegelt. „Das nationale Zentrum, die Konzentration in Erez Israel wird also das langsame Dahinwelken des Galut beschleunigen, der qualvollen Agonie ein Ende setzen; wird eine vollwertige Assimilierung in der Zerstreuung, am Getriebe der Völker, ermöglichen. ‘Das hebräische Palästina wird gleichsam eine Proklamation erlassen, hier nationale Wiedergeburt, dort nationaler Tod. Es wird nur ein Entweder-Oder geben: entweder Ganzjude, hebräischer Jude, oder alles andere als Jude. Es wird aber nicht mehr Halbiuden geben, deutsche, französische, englische usw. Juden. Kurz: Palästina wird die nationale Ganzheit der Juden ermöglichen: entweder ganzer Jude oder ganzer Nichtjude zu sein.“ Was Klatzkin von den Zukunftsmöglichkeiten des Galut selbst denkt, geht aus seiner ganzen Problemstellung ja deutlich hervor. Er gönnt dem Galut die ihm von der Geschichte bewilligte Galgenfrist und eine liebevolle Pflege, die man ia auch dem Unheilbaren, dem Todgeweihten angedeihen läßt. Das Galutjudentum. nicht das Palästinaiudentum wird