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Das jüdische Echo · 1919-06-20 · 25 (20.6.1919) · p. Seite 293

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
25 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2$ Das Jüdische Echo 293 höchst selten Vorkommen. Unvergessen bleibt mir das letzte Wort eines dortigen Kollegen: „Nach dieser Richtung hin ist Jeruscbolojim auch heute noch eine heilige Stadt.“ Dieser Vorzug erstreckte sich auch auf die jüdischen Kolonien Palästinas. Leider aber ist nun mit Recht zu befürchten, daß bei der jetzt wohl bald beginnenden starken Einwanderung fremder jüdischer Elemente unser Land das ihm von jeher zukommende Attribut der Heiligkeit nach dieser Richtung hin nicht mehr lang behalten wird. Da ist es sehr dankenswert, daß Herr Dr. Adolf Fraenkel in seiner Arbeit: „Die sexuelle Frage im künftigen Palästina“ (Nr. 19, 1919 der „Jüdischen Rundschau“) diese Angelegenheit mit der nötigen Offenheit bespricht. Er fordert die altjüdische Moral als absolut verpflichtendes Gesetz für alle Juden, die sich in Palästina arisiedeln wollen. „Der entsetzliche, privates wie Volksleben vergiftende und einen lebendigen Aufschwung von vorne herein verhindernde Sumpf, wie er durch die heutigen sexuellen Verhältnisse in Europa dargestellt wird, darf unter keinen Umständen in die neue palästinensische Siedelung übertragen werden. In unserem nationalen Heim müssen reine, dem jüdischen Geiste und der jüdischen Überlieferung entsprechende Verhältnisse geschaffen und dauernd erhalten werden.“ Zur Erreichung dieses Zieles ist es notwendig — so führt Fraenkel1 aus — daß mit eiserner Konsequenz jede öffentliche, und geheime Prostitution ausgeschaltet werde. Alle Arbeit nach dieser Richtung hin müsse aber versagen, wenn nicht das sittliche Denken und Empfinden der jüdischen Menschen itl der künftigen Siedelung ein durchaus anderes wird als das der meisten Männer und Frauen in Westeuropa. Es muß als ein unverrückbares Grundprinzip auch für den Mann gelten: „Schändlich und im höchsten Grade ehrlos ist es, sich vor der Ehe und außerhalb der Ehe auszuleben,“ und eine Volksgenossin (oder ein anderes Mädchen) zu verführen. Ein Mann, der so wenig Selbstzucht besitzt, diese sittliche Forderung nicht zu respektieren, müsse im Kreise seiner Kameraden wie in jeder anderen jüdischen Gesellschaft geächtet sein. Diesen Ausführungen kann ich als Jude und Arzt voll und ganz zustimmen. In Nummer 34 der „J. R.“ unternimmt es nun Herr Ludwig Strauß, die Ideen Fraenkels zu bekämpfen. Mit unverkennbarer Absichtlichkeit bezeichnet der Autor am Eingang seiner Polemik die Ansicht seines Gegners als orthodox. Denn wer orthodox ist. der gilt in den Augen unserer liberalen Brüder als stigmatisiert mit dem Makel der geistigen Unfreiheit. Beschränktheit und Rückständigkeit. In vielen liberalen Kreisen blickt man auf einen Orthodoxen mit jenem Gefühl. gemischt mit Mitleid und Bedauern herab, mit dem man etwa ein in seiner geistigen Entwicklung zurückgebliebenes Kind betrachtet. Es ist hier nicht der Ort, solche Anschauung zu widerlegen. Aber wenn der orthodoxe Herr Fraenkel mit aller Energie für die Forderung strengster vorehelicher sexueller Enthaltsamkeit eintritt. so befindet er sich in sehr guter Gesellr schaft aller modernen großen Hygieniker und Forscher auf dem Gebiete der Sexualkrankheiten. Ich nenne nur die Namen Forel, Ribbing. Hegar. Eulenburg. Loewenfeld, Rohleder. Curschmann. Mendel und Grube r. Für uns orthodoxe Juden bedarf es freilich nicht dieser Bestätigung eines Grundprinzips jüdischer Ethik von Seiten der Naturwissenschaft. Aber für unsere liberalen Brüder ist es doch von Wichtigkeit zu erfahren, daß die Wissenschaft die voreheliche Enthaltsamkeit nicht bloß billigt und sie unschädlich hält, sondern sie auch unbedingt fordert. Damit ist nämlich der unheilvollen Lehre von der doppelten Moral! der Boden entzogen, die dem Manne ein freies sexuelles Ausleben außerhalb der Ehe zubilligt, das der Frau nicht gestattet ist. Die Wissenschaft muß die bezeichnete Forderung — von vielen anderen Gründen abgesehen — schon deshalb stellen, weil der außereheliche Verkehr unbedingt zur Prostitution führen muß. Und was die Prostitution für die Menschheit bedeutet, davon macht sich der Laie immer noch keinen genügenden Begriff. Er weiß nicht — wie wir Ärzte es täglich in unserer Praxis erfahren — welch unendliches Elend, wie viele schwere Krankheiten und Siechtum sie im Gefolge hat. Nun anerkennt Strauß freilich die Überwindüng der Prostitution als ethisches Ziel. Aber es widerstrebt seinen Empfindungen, nach dieser Richtung hin gesetzliche Verbote zu erlassen, weil das ja nicht ohne Beeinträchtigung privater Freiheit zu ermöglichen wäre. Durch tausende und abertausende Gesetze wird unsere Freiheit von Staat und Gesellschaft beschränkt, ohne daß wir dabei die Empfindung haben, in unseren heiligen Menschenrechten beeinträchtigt und verletzt zu sein. Wenn aber das Gesetz den Versuch macht, die Zügellosigkeit des Liebeslebens einzuengen, dann schreit der moderne Jüngling Zeter und Mordio. Strauß findet es erstaunlich, daß Fraenkel sittliche Unterschiede zwischen sezuellen Beziehungen, sobald sie nur außerhalb der Ehe liegen, nicht mehr kennt.“ Ich finde das gar nicht erstaunlich, sondern sehr richtig. Jedenfalls sind diese Unterschiede höchstens gradueller, nicht wesentlicher Art. Wer mit unbefangenen Augen die entsprechenden Verhältnisse betrachtet, weiß: Jede Prostituierte hat ihre verderbliche Laufbahn mit einer Liebesaffaire begonnen, die sie und mit ihr mancher naive Jüngling mit dem farbigen Schimmer blühender Romantik umkleiden möchte. Eine große Wahrheit liegt in den Worten, die der sterbende Valentin seiner Schwester Gretchen zuruft: „Und wenn dich erst der Eine hat, so hat dich bald die ganze Stadt.“ Valentin wäre sicher nicht über die Verfehlung seiner Schwester sittlich so sehr entrüstet gewesen, wenn er sich zu der Ansicht hätte emporschwingen können, wie sie Herr Strauß bekundet, daß nämlich „eine erotische Beziehung, die sich nur in einer zeitweisen oder nur momentanen Vereinigung genügt, ebenso wahr beseelt und rein sein kann, wie alle übrigen.“ Solche Anschaungen sind uniüdisdi durch und durch. Und deshalb muß ihnen nicht bloß der gesetzestreue Jude, sondern auch jeder echte Zionist mit aller Entschiedenheit entgegentreten. Strauß ist entrüstet über die Forderung, die Fraenkel für unsere künftige Siedehmg in Palästina aufstellt, daß jeder junge Mann, der die erforderliche Selbstzucht in Bezug auf voreheliche Enthaltsamkeit nicht üben will, unter seinen Kameraden und in jeder anderen jüdischen Gesellschaft geächtet sein müsse. Diese Forderung, meint Strauß, sei schon deshalb ungerecht, weil sie auch denjenigen träfe, dessen Gewissen einem anderen Sittengesetz als dem traditionellen folgt.“ Aber sieht denn Herr Strauß nicht ein, daß diese Exculpation jeder Rechtsbrecher für sich in Anspruch nehmen könnte? Auch sein Gewissen folgt einem

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