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Das jüdische Echo · 1919-07-13 · 24 (13.7.1919) · p. Seite 281

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
24 (13.7.1919)
Date
1919-07-13
Page
Seite 281 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 24 Das Jüdische Echo 281 Versammlung erwartet vom Vorstand, daß der erste Kongreß erst zu einer Zeit einberufen wird, in der seine Abhaltung aus allgemeinen Erwägungen angebracht erscheint. Die näheren Bestimmungen bleiben dem Vorstand Vorbehalten. 2. Der Zentralverband billigt die von seinem Vorsitzenden im Auswärtigen Amt geführten Verhandlungen über die Stellungnahme der Reichsregierung zur Behandlung der Judenfrage auf dem Friedenskongreß. Bericht der Misrachi-Konferenz. In der Zeit vom 25.—29. Mai 1919 fand in Berlin anläßlich des Palästina-Delegierten-Tages der Zionistischen Vereinigung für Deutschland eine Delegiertenkonferenz des deutschen Misrachi statt. Sie war besucht von etwa 50 Delegierten, die 22 Ortsbezw. Jugendgruppen des Misrachi vertraten. Es wurden alle für den Misrachi aktuellen Fragen besprochen, insbesondere auch zur Tagung des Palästinatages eingehend Stellung genommen. Wichtige Beschlüsse wurden bezüglich der Kolonisations-Tätigkeit, der Schaffung einer Misrachi- Presse, sowie bezüglich des Programms des Misrachi gefaßt. In letzterer Beziehung . wurde ein Entwurf, der bisher das in einen Satz zusammengefaßte Programm des Misrachi erläutert, als vorläufiger Entwurf gutgeheißen. Er soll vor seiner Veröffentlichung den außerdeutschen Landsmannschaften zugehen. Die Konferenz bewies das außerordentliche Interesse, das an allen Orten an den Arbeiten des Misrachi genommen wird und gab für die Sommertätigkeit neuen Ansporn. Probleme des modernen Judentums. I. Vom Kriterium. Am Anfang steht das Problem des Kriteriums. Was ist Judentum? Woher erhält das Wesen jüdischen Seins und Werdens seine ureigene, sinngebende Bestimmung? Auf diese Frage antwortet Jakob Klatzkin1): von der Form. Formwerte und nicht Inhaltswerte sind, in denen sich alles nationale Sonderwesen und alle nationale Sonderart ausprägt. „Bis zum Auftreten des nationalen Gedankens gab es zwei Kriterien des Judentums: das Kriterium der Religion, wonach das Judentum eine Lehre von Geboten und Verboten ist, und das Kriterium des Geistes, das im Judentum eine Lehre von Ideen, wie die Idee des Monotheismus, des Messianismus, der absoluten Gerechtigkeit usw. ergründet. Die beiden Kriterien stimmen darin überein, daß sie das Judentum auf ein subjektives Moment beziehen, auf ein Bekenntnis. Sie beide definieren das jüdische Volk als eine geistige Gemeinschaft: als Gemeinschaft auf Grundlage der Religion — das erste Kriterium; als Gemeinschaft auf Grundlage einer Weltanschauung —. das zweite Kriterium. Wer die jüdische Religion ablehnt, stellt sich außerhalb der jüdischen Gemeinschaft — entscheidet die erste Definition; wer die Ideen der jüdischen Sittenlehre ablehnt, stellt sich außerhalb der jüdischen Gemeinschaft — muß die logische Schlußfolgerung der zweiten Definition lauten. Das Kriterium des Geistes teilt sich nun in zwei Unterarten: die der Assimilation und die eines unreifen *) Probleme des modernen Juden tums. Jüdischer Verlag, Berlin. Nationalismus. Gegenüber diesen Kriterien tritt nun die dritte Definition auf: das Kriterium des konsequenten Nationalismus. Sie bezieht das Judentum auf ein objektives Moment. Sie lehrt: Jude sein bedeutet nicht ein religiöses oder ethisches Bekenntnis. Wir sind keine Glaubensgemeinschaft und keine Weltanschauungsgemeinschaft, sondern Glieder einer Familie, Träger einer gemeinsamen Geschichte. So stellt die Leugnung der jüdischen Weltanschauung nicht außerhalb des Judentums, wie das Bekenntnis zum Judaismus noch nicht zum Juden macht. Kurz: das nationale Bekenntnis bedingt nicht ein Bekenntnis zur jüdischen Religion oder zur jüdischen Weltanschauung.“ Allein das historische Band macht nicht den ganzen Inhalt unserer nationalen Zusammengehörigkeit aus. Von seiner Familie kann man sich nicht lossagen, aus dem Judentum kann man ausscheiden. „Das nationale Kriterium fordert neben der historischen Familiengemeinschaft den Willen zur Gemeinschaft in Zukunft. Also zwei Momente, Sein und Bewußtsein, Zustand und Bekenntnis, bestimmen unsere Nationalität: das Moment historischer Gebundenheit und das Moment historischen Wollens. des Willens zur Gebundenheit und Gemeinschaftsbildüng für alle Zukunft.“ Als ein pseudonationales Kriterium kennzeichnet Klatzkin das des „geistigen Nationalismus“, wie er von Achad Haam gelehrt wird. Es wäre schon rein methodologisch schwächer fundiert als das religiöse. Die Definition des Judentums als Religion ist klar und einheitlich: sie ist in Normen festgelegt. Aber der „Geist des Judentums“ läßt sich nicht in eine Formel fassen, er bleibt immer hypothetisch und kann daher kein Kriterium bilden.“ Er enthalte überdies nur eine Wertung, kein Kennzeichen des Jüdischen. Der „Geist des Judentums“ kann schon seinem inneren Wesen nach kein Kriterium. kein nationales Differenzierungsmoment abgeben. Dieses innere Wesen erhält seine Bestimmung vom Gegensatz zum Mythos, der ein theoretisches Interesse am Kosmos hat; „die jüdische Religion wehrt sich gegen dieses theoretische Interesse des Mythos an Welt und Gott ihre Erkenntnis ist am Menschen orientiert, ist auf ein praktisches Interesse gerichtet, auf die Handlung, auf Tun und Lassen. Die Attribute des jüdischen Gottes sind nicht Attribute des Seins, der Gottesnatur, sondern der Handlung, der Gottesgebote — lehrt Maimonides.“ „Eine Analyse des „Geistes des Judentums“ zeigt also: a) das lebendige Judentum ist nicht eine Ideologie und kann daher nicht in einem bestimmten Ideengehalt ein Kriterium haben; b) als Idee hat das Judentum seinen Grund nicht in den Individuäl-Elementen des Gefühls und der Phantasie, die die schöpferische Kraft des Mythos bilden, sonder in den Universalelementen einer rationalen Sittlichkeit, die allgemein-menschliche Geltung beanspruchen; diese Idee kann daher kein nationales Kriterium bilden, weil sie rational-universal gerichtet und kein nationales Differenzierungsmoment ist.“ Kriterium des nationalen Wesens ist Form und nicht Inhalt. Kennzeichnendes Moment des religiösen Nationalismus sind nicht religiös-sittliche Lehrinhalte, die religiösen Ideen, sondern ist die religiöse Form: das Gesetz. Die Tatgebote und nicht die Glaubensgebote. Kennzeichen des reifen Nationalismus sind die objektiven Formen des nationalen Seins: Land und Sprache. (Fortsetzung folgt.)

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