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Das jüdische Echo · 1919-07-13 · 24 (13.7.1919) · p. Seite 278

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
24 (13.7.1919)
Date
1919-07-13
Page
Seite 278 (sequence 6)
Language
German
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278 Das Jüdische Echo Nr. 24 nischen Soldaten mit Branntwein betrunken, damit sie Judenpogrome veranstalten und damit die jüdische Presse im Auslande die Möglichkeit habe, der polnischen Sache in der Öffentlichkeit zu schaden. Die P.P.S. unterstützten diesmal die Interpellation der jüdischen Abgeordneten. Mit Entrüstung vernahm jedoch die jüdische Öffentlichkeit, daß der jüdische Stadtrat Eiger. der einzige Vertreter der Assimilation im Stadtrat. gegen die Dringlichkeit, zusammen mit den ausgesprochenen polnischen Antisemiten stimmte. Mit einer Mehrheit aller polnischen bürgerlichen Stimmen wurde die Dringlichkeit der Interpellation abgelehnt. Diese Judenplünderungen, die zumeist von den Posener polnischen Truppen veranstaltet wurden und die in Warschau fünf Tage lang gedauert haben. wiederholten sich später in der ganzen Provinz, überall wo diese Truppen durchzogen. Letztens schlossen sich ihnen würdig die Truppen des Gernerals Haller an. Der Pogrom in Cholm war lediglich von den Hallerschen Truppen veranstaltet. Sämtliche langbärtige Juden, die auf der Straße vorübergingen, wurden von den Hallerschen Truppen abgefangen und ihrer Bärte beraubt. Alle jüdischen Anstalten sind geschlossen. Der französische Offizier, der sich in Gholm befindet, protestierte dagegen und versprach auch Mittel zu ergreifen. Seine Intervention blieb aber resultatlos. Die Kommission, die von der polnischen Konstituante nach Pinsk zur Untersuchung der Mordtaten entsendet worden war und die aus acht polnischen und zwei jüdischen Abgeordneten bestand, brachte einige Wochen in Pinsk zu. Ungefähr vierzig Zeugen wurden vernommen. Die Hauptargumente der polnischen Öffentlichkeit zur Verteidigung der Handlungsweise des Pinsker Generals war: Die jüdische Versammlung, die von den polnischen Militärbehörden abgeschlachtet worden ist, war eine bolschewistische, und die Hinrichtung fand1 auf Grund eines regelrechten Feldgerichts statt. Diese beiden Argumente stellten sich als völlig erlogen heraus. Auf Grund aller Zeugenaussagen waren die überwiegende Mehrheit der Versammelten Mitglieder der Zeire-Zion-Organisation, und die Versammlung hatte lediglich den Zweck, die Lebensmittel, die aus Amerika geschickt worden sind, zu verteilen. Diese Darstellung wird auch von acht polnischen Mitgliedern der Kommission vertreten. Ebenso stellt sich heraus, daß kein gesetzliches Feldgericht stattgefunden hat. In der polnischen Presse wird jetzt das Argument wiederholt, die Zeire-Zion wäre eine jüdisch-bolschewistische Organisation. Die polnische Presse beruft sich dabei auf eine Eingabe der Zeire-Zion an die Behörde in Pinsk zur Zeit der Bolschewistenherrschaft, in der sie um Legalisierung ersucht haben. In der Tat aber lehnte die bolschewistische Regierung dieses Gesuch, wie übrigens die Gesuche aller anderen jüdischen Parteien und Organisationen, ab, mit der Begründung, daß sie nicht im Geiste der Bolschewiki tätig seien. Die einzigen Zeugen, die für die Pogromveranstalter auftraten, waren zwei polnische Legionäre. Juden. U. a. behaupten sie, während der Untersuchung sei eine bolschewistische Proklamation vorgefunden worden und die Mitglieder der Versammlung hätten bolschewistische Abzeichen getragen. Die Proklamation wurde aber nicht vorgelegt, und die Abzeichen stellten sich als zionistische und Blau-Weiß-Bändchen heraus. Nach den Angaben der polnischen Behörden waren 34 Juden in einem Massengrab beerdigt. Einer der jüdischen Zeugen behauptete aber, daß er selbst gesehen habe, wie 37 junge Juden an die Wand gestellt worden seien. Um diesen jüdischen Zeugen Lügen zu strafen und somit seine ganze Aussage zu entwerten, veranlaßte der Vorsitzende der Untersuchungskommission, der polnische Abgeordnete Wrublewski. das GTab zu öffnen und die Leichen zu zählen. Selbst die polnischen Soldaten weigerten sich, diese Arbeit zu erfüllen. Endlich wurde ein Totengräber ausfindig gemacht, der für eine größere Belohnung diesen Auftrag ausführte. In der Tat wurden 34 Leichen vorgefunden. Die polnischen Mitglieder der Deputation waren daraufhin bereit, die ganzen Ergebnisse der Untersuchung, die auf Grund der Aussagen der jüdischen Zeugen entstanden sind, für ungültig zu erklären. Es stellte sich aber später heraus, daß der jüdische Zeuge recht hatte. Die drei anderen wurden nur verwundet und versuchten später zu flüchten, zwei von ihnen sind in einer kleinen Entfernung erschossen und in einem anderen Grab beerdigt worden, und der dritte rettete sich und befindet sich gegenwärtig im Krankenhaus zu Brest. Dieser gesamte Bericht wurdfe dem Seim übergeben. Als Berichterstatter im Namen der Mehrheit wird ein Pole berichten, und im Namen der Minderheit ein Jude. Dieselbe Untersuchungskommission besuchte nach ihrer Rückkehr aus Pinsk auch Lida. wo die einmarschierten polnischen Trunoen nach der Eroberung der Stadt einen Judenpogrom veranstalteten. Die Lage der Juden in Tschecho- Slovakien. Das Kopenhagener Zionistische Büro berichtet: Die Lage der jüdischen Minorität in Tschechoslovakien wird immer kritischer. Die Presse insbesondere in der Slovakei veröffentlicht täglich blutrünstige Artikel gegen die Juden. Systematisch werden die Lebensbedingungen der Juden in Tschechoslovakien begrenzt und ungeheuer erschwert. In Böhmen wird seit längerer Zeit von einer Reihe größerer Vereinigungen der wirtschaftliche Boykott gegen die Juden mit allen Mitteln betrieben. Die Einfuhr von Rohmaterialien und die Ausfuhr von fertigen Fabrikaten werden für jüdische Firmen verhindert: staatlich bewirtschaftete Artikel werden an Juden nur mangelhaft oder in völlig ungenügendem Maße zugeteilt, wodurch eine große Anzahl jüdischer Existenzen dem Ruin preisgegeben sind. Jüdische Beamte werden entlassen, obwohl sie über beste Qualifikationen verfügen. Aus leitenden wirtschaftlichen Stellen wird planmäßig jeder jüdische Einfluß entfernt. Noch schlimmer ist es in der Slovakei, wo die Entziehung von Konzessionen und Lizenzen aller Art bereits die Verarmung von Tausenden von Familien herbeigeführt hat. Unter dem Vorwand, daß die „Prozentnorm“ dies erfordere, werden Handwerker an der Ausübung ihres Handwerkes gehindert, und Kaufleuten, die wegen der Pogrome ihre Geschäfte einige Wochen gesperrt hatten, wird die Weiterführung ihres Berufes unmöglich gemacht. Die Verluste an jüdischem Privatvermögen übersteigen nach bisherigen Schätzungen bereits eine Milliarde Kronen. Seit dem 3. Mai wurden in der Slovakei etwa 80 jüdische Schulen geschlossen und die Lehrer, zum Teil nach 30jähriger Dienstzeit, entlassen. Um das Schulwesen wieder in Gang zu bringen und aus eigenen Mitteln zu erhalten, sind zwei bis drei Millionen Kronen notwendig.

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