Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 24 (13.7.1919)
- Date
- 1919-07-13
- Page
- Seite 276 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Das Jüdische Echo Nr. 24 brauchen unseren Lesern nicht erst versichern, daß das glatt gelogen ist. Der Beobachter nenne doch nur eine einzige dieser Judengemeinden. Und wie es mit der Schonung der Juden durch die Spartakisten aussah. weiß man auch. Wir wissen eine ganze Reihe von Juden, bei denen geplündert, andere, die als Geiseln verhaftet wurden, andere, die sich der Verhaftung durch rechtzeitige Flucht entzogen, wir wissen aus den Verhandlungen vor dem Standgericht gegen ein Mitglied der Verhaftungskommission, daß auch gut christliche Leute der Festnahme als Geiseln durch Schmiergelder an den Herrn Verhaftungskommissär entgingen; z. B. gab ein Kommerzienrat zu diesem Zweck 1200 Mark. Dieser sehr konservative Herr würde sich mit Recht dagegen verwahren, wenn man diese Zahlung als einen Beitrag an Spartakus bezeichnen wollte. Daß für den Beobachter der ganze Bolschewismus von Juden und nur von Juden gemacht ist, versteht sich von selbst. Dabei empfiehlt er in einem drei Spalten langen Artikel die „Freiwirtschaft“ nach dem System des selben Herrn Silvio Gesell, der als Volksbeauftragter für Finanzen an der ersten Räteregierung doch lebhaftesten Anteil genommen, also diese deutsche Form des Bolschewismus vertreten hat. In der neuesten Nummer wirft der Beobachter die Frage auf: „Kann ein Katholik Antisemit sein?“ natürlich, um sie gründlich zu bejahen. Führende Katholiken, die die Frage verneint haben, wie z. B. der verstorbene bayerische Abgeordnete Dr. Frank, werden als getaufte Juden abgetan. Vielleicht genügt es dem gegenüber zu stellen, was ein angesehenes Mitglied der Bayerischen Volkspartei, Dr. Graf v. Pestalozza vor einigen Monaten mit Bezug auf antisemitische Ausführungen des Bayer. Kuriers an den Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens schrieb: „Die Art und Weise, wie der Bayerische Kurier in den ersten Wochen nach der Revolution die Juden in die öffentliche Diskussion zog, halte ich für ungerecht, dem Geist des Christentums widersprechend und den Geboten politischer Sitte zuwiderlaufend; wenn die Redaktion des Blattes diesen Standpunkt nicht begreifen kann, so erkläre ich mir dies dadurch, daß in diesen grundsätzlichen Fragen zwischen der Redaktion des Bayer. Kurier und mir ein tiefgreifender Gegensatz besteht, der sich durchaus nicht auf diese Tagesfrage beschränkt welche durch Ihre Beschwerde angeschnitten wurde. .... Ich bin überzeugt, daß ich mit meiner Auffassung auch in der Judenfrage keineswegs unter den Katholiken isoliert dastehe, daß vielmehr gerade diejenigen Katholiken, welche sich früher dem politischen Leben fern gehalten haben, vielfach gleicher Gesinnung und Richtung sind wie ich. Ich bin auch überzeugt daß die Not der Zeit, die zu erwartende politische Freiheit des Volkes, und die zu erhoffende Erneuerung des christlichen Geistes auch in unseren, den katholischen Kreisen allmählich eine Wandlung der politischen Gesinnung und Taktik herbeiführen wird, welche die vor, im und nach dem Krieg befolgte Gesinnung und Taktik unserer katholischen Blätter nicht mehr mitmachen wird.“ Wird der Beobachter nun den Grafen Pestalozza auch als getauften Juden bezeichnen? Wir haben anfangs die Judenhetze als Sport des Beobachters bezeichnet; wir müssen das richtig stellen. Sport nennt man eine Tätigkeit, die jemand ohne selbstsüchtigen Beweggrund aus Lust an deT Sache betreibt. Das trifft für die Macher der Beobachters kaum zu. Sie sehen in der Juden^ hetze eine Konjunktur, ein gutes Geschäft. Wundern müssen wir uns aber über die Langmut der Behörde, die dieses Geschäft so ungestört treiben läßt. Die Rechtfertigungsgründe, die die M. N. N. für die Verhängung der Vorzensur über die Neue Zeitung anführte, lagen längst auch beim Beobachter vor: er hat erwiesen, daß ihm die Hetze höher steht als die berufliche Gewissenhaftigkeit ... Den planmäßigen Hetzern um des Hetzens willen muß mit allen zulässigen Mitteln energisch und rasch entgegengetreten werden. W. L. * * * Unter der Überschrift Seltsame Geschichten schreibt die „Münchener Post“ in der Angelegenheit des „Münchener Beobachters“ noch folgendes: .Diese skrupellose Kampf- und Geschäftsmethode rechtfertigt die Frage: „Wer ist eigentlich der „Münchener Beobachter“? Das Blatt nennt als Herausgeber Herrn Rudolf v. Sebottendorff, dbr unter diesem adeligen Namen auch als Führer des Freikorps Oberland auftritt. In Deutschland gibt es nun doch noch Gerichte und Polizeibehörden, die neugierig fragten, ob Herr v. Sebottendorff zur Führung eines so tönenden Namens befugt war. Und siehe da. sie fanden. der hochadelige Herr ist der Sohn eines schlesischen Lokomotivführers und darf sich bei sonstiger Strafandrohung nur Glauer nennen. Der Beobachter liebt es, noch andere Tatsachen zu verschleiern. Seine politische Tätigkeit brachte es mit sich, daß ihm Sammelgelder anvertraut werden sollten, über deren Verwendung bei den unsicheren politischen Zuständen genaue Nachweise nicht gefordert werden konnten. Da überwand „von“ Sebottendorff die Bedenken des Herrn, der ihm die Gelder übergeben sollte, mit der Erklärung, daß er selbst ein Vermögen von 6—7 Millionen besitzt. Gut. man kann ja Millionär und doch grundsätzlicher Gegner des Kapitalismus sein. Wie nimmt es sich aber aus, wenn der angebliche Millionär wegen Vermögensverfalls unter gerichtlicher Geschäftsaufsicht steht und entmündigt ist? Der Ahnungslose, der ihm für seine Verlags- und sonstigen Unternehmungen Geld anvertraut, läuft also Gefahr, auch nicht einen Pfennig wiederzusehen. Gleich und gleich gesellt sich gern. In seiner letzten Nummer preist „Herr v. Sebottendorff“ einen in München gegründeten „Weltbund zur Befreiung vom Judentum“ an. An der Spitze dieses „Weltbundes“ steht der Schriftsteller Albert Pfeiffer, ein Herr, der Gelegenheit hatte, wegen gerichtsärztlich beglaubigter Geisteskrankheit wiederholt freigesprochen zu werden, zuletzt sogar vom Revolutionstribunal, vor dem er sich wegen Verbreitung verworrener antisemitischer und reaktionärer Schriften rechtfertigen sollte. Das alles stört den Beobachter nicht. Der Entmündigte und der Unzurechnungsfähige gehen Hand in Hand. Gegen Hufreizung. Das Justizministerium gibt bekannt: „Es sind Klagen eingelaufen, daß bisweilen in der Tagespresse wie in Flugblättern eine aufreizende Sprache gegen die jüdische Bevölkerung geführt wird. Solchen Erscheinungen ist mit Nachdruck entgegenzuwirken. Es wird das zunächst gegen-